Elias Hirschls „Hundert schwarze Nähmaschinen“: Dinner for one

Hundert schwarze Nähmaschine

Nerdig sein ist cool geworden. Serien wie „The Big Bang Theory“ oder „Silicon Valley“ haben den Nerd, Freak oder Geek als gesellschaftlichen Typus in die Mitte gebracht. Der Erfolg dieser Trendbewegung zeigt sich daran, dass sich junge, hübsche, hippe Menschen plötzlich das Gesicht mit übergroßen Brillen verbauen oder Nintendo-Controller zu Halsketten umfunktionieren. Das könnte Anlass zu großer Freude sein, wenn es denn bedeuten würde, dass diejenigen, die schon immer im Abseits standen, nun auch in die Mitte der Gesellschaft genommen würden. Stattdessen hat sich jedoch die Mitte einfach nur die Ästhetik des Nerdigen angeeignet, so wie sie sich turnusmäßig immer wieder Elemente von Subkulturen aneignet, um frisches Blut zu saugen. Aus dem gleichen Grund liegen in H&M-Läden T-Shirts von Metalbands rum und DocMartens sind zu Modeaccessoires geworden.

Die Literatur hingegen war schon immer ein Ort für das Nerdige, das Abseitige – was vielleicht auch daran liegt, dass der Autor lange der große Unbekannte hinter dem Text war, bevor die sozialen Medien den Schriftsteller zum Selbstdarsteller verdammten. Literarische Nerds wie Jules Verne, Arno Schmidt oder Stanislaw Lem konnten abseitige, skurrile Themen behandeln und trotzdem zu Weltruhm erlangen, weil die Literatur es ermöglicht, das Abseitige zu erforschen und damit trotzdem den Kern existenzieller Themen zu treffen. Der Obernerd der deutschsprachigen Literatur heutzutage ist sicherlich Clemens J. Setz, vielleicht gefolgt von Dietmar Dath, wie er mit seinem großartigen Essay über abstruse Fan-Fiction neuerlich bewiesen hat.  Setz ist ein Kenner der abseitigen, verschrobenen Themen und kann gleichzeitig wie kaum ein anderer Literatur daraus machen, die nicht nur Transferarbeit zwischen Kenner und Nicht-Kenner leistet, sondern auch deutlich macht, warum das Abseitige auch den größten Mainstreamer berührt. Einer, der nun – so verkünden es erste Stimmen – dessen Nachfolge antreten soll, ist Elias Hirschl, dessen neuer Roman „Hundert schwarze Nähmaschinen“ im Jung und Jung Verlag erschienen ist. Doch was sich verschroben gibt, ist eigentlich sehr traditionsbewusst.

Das Selbstmordzimmer ist frisch gestrichen.

In Hirschls Roman spielt ein Zivildienstleistender die Hauptrolle, der auch nur „der Zivi“ genannt wird. Mal von sich selbst als Ich-Erzähler, mal von einem auktorialen Erzähler. Dieser lebt in Wien, die Geschichte ist zeitlich zu Anfang recht genau verortet („Es ist 08:00 Uhr morgens, Montag, 1. Oktober im Weltuntergangsjahr 2012, und ich sitze in einem Büro, mir gegenüber meine zukünftige Chefin.“); ob es das Jahr 2012, 2013 oder 2080 ist, verliert dann aber doch die Relevanz. Wichtiger ist, dass er im Rahmen seines Zivildienstes in einer Pflegestation für Senioren arbeitet, die nicht nur mit dem Alter und seinen Nebenwirkung konfrontiert sind, sondern darüber hinaus noch an psychischen Erkrankungen leiden. Literatur und Klinik – eine amour fou der Moderne, die hier weitergetrieben wird.

Die Wahrheit ist, dass ich alle meine Lebensentscheidungen in der Hoffnung treffe, möglichst niemanden zu verärgern.

Die Arbeit als Zivi ist hart und entbehrungsvoll. Die Klinik wird als ein dysfunktionaler Ort geschildert: „Spielst du Gitarre? Da hinten steht nämlich eine, aber der fehlen leider ein paar Saiten.“ Dennoch versucht die Sprache, den Bewohnern ein Gefühl des Selbstwertgefühls zu geben. Sie werden nicht „Patienten“ genannt, sondern „Klienten“. Die meisten dieser Klienten sind entweder dement oder sind psychisch erkrankt. Sie leben in ihrer eigenen Bezugswelt, wiederholen gewisse Rituale immer und immer wieder, weil sich darin so etwas wie Normalität herstellen lässt. Dazu steckt der Zivi auch noch in einer gescheiterten Beziehung, die ihm zusätzliches Ungemacht bereitet: „Im Grunde ist diese Beziehung also nichts anderes als ein Abschied, nach dem man feststellt, dass man denselben Heimweg hat.“

Die Beziehung zwischen dem Zivildiener und seiner Freundin ist eine zerstörerische.

Der Wahnsinn, der sich auf seiner Arbeit und in seinem Privatleben vollzieht, wird von der Stadt gespiegelt, in der er lebt: „Wien ist eine Stadt voller Wahnsinniger. Natürlich wütet der Wahnsinn genauso auch in anderen Städten, aber nirgendwo existiert er in einer solch starken Konzentration wie in Wien.“ Wien und Wahnsinn – auch hier beweist sich Hirschl als Traditionalist, denn wo sollte der Wahnsinn schließlich sonst zuhause sein als in der Geburtsstadt der Psychoanalyse. Mit der Wiener Verortung stellt er den Roman auch auf einen Wien-Sound ein, der sich ganz klar in eine Linie mit dem größten Wienhasser Thomas Bernhard stellt: „Ein Winter in Wien ist das Schrecklichste, was einem Menschen zustoßen kann […]“

Es liegt in seiner Natur, Wien zu hassen.

Mit Bernhard teilt der Roman die Fortschreibung eines klinischen Diskurses, in dem der Verstand sich selbst fremd wird: „Mein Denken ist der Beweis für meine Abhängigkeit. Ich denke, also werde ich gedacht.“ Wie auch bei dem österreichischen Großschriftsteller, bei dem es immer um den Wahnsinn als ein Ver-rücktsein ging, treibt „Hundert schwarze Nähmaschinen“ den Verstand an den Punkt, an dem das Descartsche „cogito ergo sum“ an seinen toten Punkt gelangt. Denn zwischen dem, was die Vernunft als Denken ausgibt und dem, was wir in diesem Roman alles erdacht wird, gibt es keine Übereinstimmung mehr. Das Subjekt bekräftigt sich nicht im Denken, im Gegenteil, es stellt sich damit in Frage: „‘Um frei zu werden, muss ich aufhören, ein Subjekt zu sein.‘“

„Ah, wie ich sehe, haben Sie Descartes gefrühstückt.“

Dabei verfolgt Hirschl in seinem Roman keineswegs einen subjektkritischen Ansatz, der das kritische Subjekt an sich in Frage stellt, sondern beweist einen sehr humanistischen Blick auf die Thematik. Immer wieder werden Innen- und Außenperspektive miteinander verschränkt (auch dadurch, dass die Erzählperspektive changiert) und damit gezeigt: Was der eine als gesunden Verstand ausgibt, ist für den nächsten schon wieder der völlige Wahnsinn. Hirschls Wahl den Roman in einer Klinik für psychisch Erkrankte spielen zu lassen, ist deswegen so gut gewählt, weil die innere Logik der jeweils einzelnen Patienten so furchtbar gut aufgeht: „Ich bin ein abgeschlossenes System ohne Bezug zur Außenwelt!“ Die Patienten sind allesamt Inseln, die erst dann aufhören zu funktionieren, wenn das Treiben durch irgendeinen Außeneinfluss gestört wird.

Du musst einfach immer du selbst sein! – das war noch nie ein Ratschlag, sondern immer schon eine Verurteilung.

Hirschl erfindet das Rad des Wahnsinns damit nicht neu. Im Grunde ist alles, was er sagt, schon gesagt worden. Aber selten ist es so vergnüglich, so klug und auf paradoxe Weise Wienerisch grantelnd und gleichzeitig warmherzig gesagt worden. Der Autor verfügt über einen Wortwitz, wie man ihn nicht häufig liest und sprießt vor guten Einfällen (z.B. wenn er das Moment des Wahnsinn in „Dinner for one“ offenlegt, das auch als Geschichte eines psychoanalytischen Wiederholungszwang gelesen werden kann und darauf verweist, wie sehr die „Logik des Wahnsinns“ im Alltag verankert ist).  Dass er sich bei alldem als Traditionalist erweist, liegt nicht so sehr an seiner traditionellen Schreibweise, sondern daran, dass das Abseitige schon immer Tradition in der Literatur hatte.


Wir danken dem Jung und Jung Verlag für das Rezensionsexemplar.

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