Emanuel Maeß‘ „Gelenke des Lichts“: Ungelenk ins Dunkle

Was ist literarischer Mut? Sich an neuen Formen zu versuchen, ästhetische Konventionen zu sprengen und alles auf eine, absolute Karte zu setzen? Oder das genaue Gegenteil? Gegen alle Innovationserwartungen anzuschreiben und sich allem verwahren, das irgendwie nach hipper Literaturmode riecht? Gibt es die radikale Nichtradikalität? Falls ja, Emanuel Maeß, der gerade sein Debüt, „Gelenke des Lichts“ im Wallstein Verlag vorgelegt hat, hätte sie zur Perfektion getrieben. Leider bedeutet jedoch die Verweigerung literarischer Moden nicht zwangsläufig eine geradlinige Literatur. Das einzige, das in diesem Roman konsequent gerät, ist sein inniges Verhältnis zum Klischee.

Dass der Bildungsroman irgendwann aus der Mode gekommen ist, mag viele Gründe haben – einer davon ist aber sicherlich, dass die Moderne gezeigt hat, dass der fragmentierte und entfremdete Mensch nicht mehr als eine lineare Lebenslinie erzählbar ist. Die Entscheidung zu dieser Form zurückzukehren, so wie Emanuel Maeß das tut, sollte also in irgendeiner Weise inhaltlich begründet sein. Vielleicht weil die Literatur die Leben kitten kann, die die Realität durcheinanderwürfelt. Weil man an die suggestive Kraft der Kunst glaubt.

Wahre Wenden bemerkt erst, wer außer sich gerät.

Wollte man dies einmal unterstellen, würde Literatur eine tröstende oder harmonisierende Funktion übernehmen. Doch gibt es in Gelenke des Lichts überhaupt etwas zu trösten? Zumindest gibt es einen anfänglichen Schmerz – den Schmerz der unbeantworteten Liebe. Der Ich-Erzähler sieht bei einem „dionysischen Neptunfest“ Angelika und verliebt sich unsterblich in sie. Angelika wird auch den weiteren Text ein Fixstern bleiben, auch wenn der Ich-Erzähler sich örtlich immer weiter entfernt. Der Text beginnt in der endenden DDR, nimmt Stationen über Heidelberg, Berlin und schließlich Cambridge.

Am Himmel jagten sich Herden von grauen Büffeln.

In der DDR ist der Erzähler vor allem durch seine Angepasstheit aufgefallen („Ich selbst wäre nie auf die Idee gekommen, auf Plätzen des Himmlischen Friedens einen solchen Krawall zu machen.“) und falls der Text vorhat, einen Ausbruch aus dieser Angepasstheit zu beschreiben, dann gelingt ihm das nicht. Denn Maeß beschreibt das Leben seines Ich-Erzählers, als wäre die Welt reine Verfügungsmasse. Wo Gesellschaften Hindernisse aufbauen, da schwebt dieser Protagonist über alles, was sich ihm in den Weg stellt. Nach einem ersten Studium in Heidelberg, wo er sich irgendwo zwischen Schlossromantik und Neckarkitsch (man denke an das Wort Christian Krachts über die „Neckarauen“) bewegt, irrlichtert er kurz in Berlin herum. Doch die urbane Unübersichtlichkeit löst im Bürgersohn Panik aus:

Das Gefühl, keinen festen Boden unter den Füßen zu haben, wurde für jeden, der hier länger zubrachte, zur ständigen Herausforderung, so etwas wie eine kristalline Struktur aus all dem Sand zu schaffen und ihn unter hohen Temperaturen zu etwas einzuschmelzen, das in dieser Steppe Bestand haben konnte.

Die Passage sagt nicht nur viel über den Ich-Erzähler, sondern auch darüber, wie dieser Text sprachlich funktioniert: nämlich leider gar nicht. Sätze verirren sich immer wieder in den kompliziertesten, dabei aber kunstlosesten Konstrukten, die Metaphorik immer am Anschlag und über den Kipppunkt hinaus. Später heißt es über die Universität in Cambridge: „Cambridge warf sich als steinernes Bekenntnis auf, ein mittelalterliches Korallenriff, das die grünen Wellen der Backs überspülten.“ „Steinernes Bekenntnis?“ „Mittelalterliches Korallenriff“? Leider keine Einzelfälle in einem Text, der gerade als besonders poetischer Stoff beworben wird. Und immer, wenn man glaubt, es geht nicht gröber, Mark Forster-isiert es weiter: „Ich räumte ganze Lagerhallen meines Gedächtnisses frei, richtete Dir eigene Gedenkstätten ein.“

In solchen Momenten merkt man, wie sehr unseren Sinnen in erster Linie daran gelegen sein muss, uns über die Welt zu beruhigen.

Müde von einer deutschen Unilandschaft, in der die bildungsbürgerliche Beflissenheit von kritischen Zwischentönen gestört wird, flüchtet der Ich-Erzähler also nach Cambridge. Das, was vielleicht mal als Universitätssatire geplant war, entpuppt sich als müder Witz: „Gnadenlos desavouierten Frankfurter Schüler noch immer meine kleinbürgerlichen Verblendungszusammenhänge, erinnerten zehn Jahre nach der Wende an die Lage der Arbeiterklasse, den amerikanischen Neo-Kolonialismus und Kryptofaschismus, was mir fast Proust’sche Momente einer mémoire involontaire bescherte.“ An anderer Stelle spricht der Text dann noch über „postmoderne Unübersichtlichkeit“, ohne näher zu spezifizieren, was er eigentlich damit meint. Wer das scharfe Schwert der Satire schwingen möchte, sollte schon etwas mehr tun als das dusselige Gefasel der Leitartikler zu reproduzieren, die die gesellschaftlichen Verwerfungen nun einer falschverstandenen postmodernen „anything goes“-Maxime anlasten wollen.

Derlei Einsichten beförderten dann auch bald meine Wahl zum ‚Agitator‘ der 5b.

Doch damit ist ein weiteres Grundproblem des Textes benannt: Das Verhältnis von Referenz und Substanz. Während der Roman sich mit viel Bildungsschmuck behängt, bleibt er häufig eine substanzielle Auseinandersetzung schuldig. Wenn der Ich-Erzähler seine intellektuelle Arbeit folgend benennt („Den ganzen Winter und Frühling saß ich an meiner Arbeit über Dante und Petrarca.“), ist das auch schon das einzige, was er über Dante und Petrarca zu sagen hat. Kann „Gelenke des Lichts“ also irgendetwas kitten, das verlorengegangen ist? Dafür ist der Text viel zu harmlos („Ich dagegen liebte Dich so keusch und bedingungslos, dass mir nicht eingefallen wäre, mit Dir auch nur Händchen zu halten.“) und an Plattitüden interessiert. Wenn so die Gegenstrategie zur Postmoderne aussehen soll, können alle toten Franzosen nun aufatmen: Die Konterrevolution ist bereits vergreist.


Wir danken dem Wallstein Verlag für das Rezensionsexemplar.