Emma Braslavsky: Literatur ist eine Art, mit einem Tier umzugehen

Braslavsky_Leben ist keine Art

Die Welt hält keine Geheimnisse mehr bereit. Jeder Winkel ist entdeckt, feinsäuberlich kartographiert und von einem Nationalstaat beansprucht. Mit Google Maps, Earth und Street View kann man mit ein paar Klicks überall sein, ohne den Sessel verlassen zu müssen. Bevor man einen Ort mit den eigenen Füßen betritt, ist man medial schon hundertmal dort gewesen. Oder doch nicht? In Emma Braslavskys „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“, ihrem ersten Roman im Suhrkamp Verlag, wird eine bislang völlig unbekannte Insel entdeckt und löst damit einen weltumspannenden Hype aus. Sie wird zum Objekt der Begierde einer ganzen Reihe von Gruppen, die alle das gleiche Ziel haben: die Verbesserung der Welt. Emma Braslavsky stellt mit ihrem Roman die wichtigen Fragen unserer Zeit: Wie kann die Welt zu einem besseren Ort gemacht werden, welcher Weg führt dort hin und zu welchem Preis kommt das ständige Engagement?

Braslavskys Roman ist als multiperspektivisches Panorama angelegt, das jeweils verschiedene Figurenkonstellationen und Milieus vorstellt. Den größten Raum wird dem Paar Jo (Jeanna) und Jivan eingeräumt. Sie ist Teil der „BetterPlanet“-Organisation, die sich – unschwer zu erraten –  die Erhaltung unseres Planeten auf die Fahnen geschrieben hat. Jivan wird in der Figurenübersicht als „Bunkerarchitekt“ vorgestellt und steht damit für den konträren Weltzugang: wenn nichts mehr hilft, hilft nur noch der Bunker. In ihrer Beziehung ist Jo der dominante Part, durch ihren Job steht sie im Fokus, sie möchte sich durch eigene Projekte profilieren und auf der Karriereleiter nach oben gelangen. Jivan ist vor allem damit beschäftigt, seinen immer dringlicher werdenden Kinderwunsch in die Beziehzung zu tragen, der von Jo auf die lange Bank geschoben wird, was zu wachsender Unzufriedenheit führt.

Für jeden Quark gibt’s ne App, denkt er, bloß noch keine, die einen Mann vorm Ruin durch die Frau, die er liebt, beschützt.

Die zweite zentrale Figur ist Roana Debenham, „eine blutjunge Frau“, die in Südamerika auf persönlichkeitsschärfender Suche ist und No und Jule, Aussteiger, die sich an einem abgelegenen Fleck Erde in Zivilisationsverweigerung üben. Gemein haben alle ein Umfeld, in dem dem Zustand der Erde ein schlechtes Zeugnis ausgestellt und ein utopischer Gegenentwurf entworfen wird. Jos Mitarbeiter sind, heftig aus Klischee geformt, die typischen urbanen Hipster-Aktivisten: wohlsituiert, ein Faible für gutes, fair getradetes Essen und mit Hang zur Selbstdarstellung. Jivan erträgt diese Gesellschaft Zähne knirschend, weswegen der Text zwei Ebenen einzieht, in denen sich Jivan zu seiner Welt verhält: die laut ausgesprochene, politisch-korrekte Affirmation von Jos Weltanschauung und seine kursiv-gesetzte Gedankenwelt, in der Frust und leichte Verachtung der blasierten Welt der Politikaktivisten die vorrangigen Gefühlszustände sind. An Jos Arbeitsverhältnis zeigt sich, von Jivan formuliert, die Widersprüchlichkeit jedes professionalisierten Engagements: Sobald Organisationen Kosten haben, Löhne zahlen etc., entstehen wirtschaftliche Zwänge. Ein Ziel zu erreichen hieße die eigene Existenzgrundlage in Frage zu stellen: „Die Welt wird immer besser, denkt Jivan. Aber was machen sie dann, wenn die Welt besser ist?“

Was können denn die armen Tiere dafür, dass wir Menschen unseren Scheiß nicht gebacken kriegen?

Dabei ist das Ziel des Textes keineswegs politische Aktivität zu desavouieren, vielmehr werden die Widersprüchlichkeiten aufgezeigt, die zwangsläufig entstehen, wenn der Mensch etwas für den Planeten tun will, aber weiterhin Teil seiner sein möchte. So enden viele der Versuche ziemlich glücklos oder wirken skurril. Die Aussteiger No und Jule verfangen sich in ihrem Paradies in ganz spießig-kleinbürgerlichen Kleinkämpfen und stehen alsbald vor einem grundsätzlichen Problem. Um sich das Leben in der von Moderne unberührten Natur angenehmer zu machen, fängt No an, Werkzeuge und andere Hilfsmittel zu bauen. Dadurch wird zwar der Speiseplan reichhaltiger, aber seine Freundin Jule merkt zu Recht an: „Dann hätten wir auch zu Hause bleiben können. Darauf läuft deine Entwicklung hier doch hinaus! Auf den ungleichen Kampf zwischen Mensch und Tier!“ Kaum aus dem von ihm so benannten „Kulturkrach“ ausgestiegen, fängt die Zivilisierung der Natur schon wieder an.

„Sarte sagt, der Mensch sei zur Freiheit verdammt. Aber wir erfinden Kirchen, wir schaffen Diktaturen. Für die meisten Menschen ist Freiheit eine Last.“

Emma Braslavskys Buch ist auf eine aufgekratzte, manchmal rasante, manchmal alberne Art sehr besonnen. Denn es erinnert an eine einfache Wahrheit: „Das Leben von Robinson Crusoe ist die reinste Hölle.“ Die Geschichte von Crusoe ist nicht die eines Aussteigers, der in Weltabgewandtheit leben wollte, sondern die Geschichte eines Mannes, der das rettende Schiff am Horizont herbeisehnte. In Zeiten der Landlust und Paleo-Steinzeitessern ist das keinesfalls trivial. Mal wieder hat unsere Moderne einen Punkt erreicht, an dem das Leben in der Natur ein romantisches Versprechen birgt. So wundert es nicht, dass der Text viel mit Personifizierungen arbeitet: „Und das Meer schwitzt und wispert vor sich hin.“ Die Natur wird zur Projektionsfläche der eigenen Sehnsüchte und birgt das Versprechen auf Erlösung im Angesicht der eigenen Unzulänglichkeiten.

Mit ihrer Hakennase wirkt sie wie ein genmanipulierter Greifvogel.

In Emma Braslavskys Lesart geht mit der Fürsorge für Mutter Erde die Weltabgewandtheit mit ein. Ihre Figuren führen dysfunktionale Beziehungen, sind sich gegenseitig fremd geworden und werden höchstens von sexuellem Begehren zusammengehalten. So lässt sich Jos Abwehr gegen das Kinderkriegen erklären: „Ich?… Ein Kind? In dieser Welt?“ Die Welt retten, aber nicht in der Welt sein – im Auge des westlichen Selbsthasses kein Widerspruch, viel mehr ein Moment von Transzendenz. Die Gegenposition entwirft der Text mit Jivans Vater. Der hat in sein Testament die Bedingung des Enkelkinds einbauen lassen, was einen großen Teil von Jivans Kinderwunsch ausmacht. Doch was sich eigentlich daran abbildet, ist die Bewahrung der Familie vs. Bewahrung der Natur.

Der Titel „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“ bringt den zentralen Widerspruch, der in diesem Roman über verschiedene Perspektiven beleuchtet wird, auf den Punkt: solange der Mensch Teil dieser Welt ist, wird er immer in Widerspruch mit dem natürlichen Zustand des Planeten kommen. Wir sind die Anomalie. Das soll kein Anlass zur Indifferenz im Angesicht der sichtbaren Verheerungen durch menschliches Treiben sein, sondern darstellen wie schwierig es ist, diesen Widerspruch auszuhalten ohne Komplexe zu entwickeln oder sich in Irrationalismen zu flüchten. Braslavskys Text ist sicherlich nicht ohne Makel. Manche Figuren dürften durchaus ambivalenter gezeichnet sein, die eine oder andere Albernheit hätte ausgelassen werden können. Doch dieser Roman reiht sich in eine gegenwärtig lange Reihe  – beispielsweise Thea Dorns „Die Unsterblichen“ oder Don DeLillos „Zero K“ – von Texten, die Zukunftsvisionen und ihre widersprüchlichen Rückwirkungen auf Gesellschaften thematisieren. Und Emma Braslavsky muss diese Konkurrenz nicht scheuen.


Wir danken dem Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar.

7 Kommentare

  1. Ich muss ja zugeben, dass mir Thea Dorns „Die Unsterblichen“ ziemlich gut gefallen hat, auch wenn ich die in der diesbezüglichen Rezension vorgebrachte Kritik durchaus nachvollziehen kann. Und wenn Emma Braslavsky „diese Konkurrenz nicht scheuen“ muss, dann gehe ich davon aus, dass mir ihr Buch ebenfalls zusagen dürfte.

    In diesem Sinne vielen Dank für Anregung, da dieses Buch ansonsten sicherlich unbeachtet an mir vorbeigegangen wäre.

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