Éric Vuillards »14. Juli«: So viele Berichte, so viele Fragen

Der junge Mann, der dem Leser vom Cover Éric Vuillards neuer Erzählung »14. Juli« mit einer Mischung aus Euphorie und Sorge entgegenschaut, hat seinen eigentlichen Ort auf Eugène Delacroixs klassischen Bild »Die Freiheit führt das Volk«. Bildzentrum ist die Marianne, Zentralsymbol des französischen Staates, doch das Cover richtet den Blick auf den linken äußeren Rand des Bildes, auf dem der Junge zu sehen ist. Mit dem Cover ist das Programm des Textes bereits beschrieben. Denn in »14. Juli« betreibt Éric Vuillard seine Historienprosa weiter und versucht sich an einer Beschreibung der französischen Revolution, die aus der revolutionären Masse wieder Individuen macht.

Im Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts gärt es. Das Königreich hat es sich viel kosten lassen, den englischen Rivalen im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zu piesacken, weswegen der Staat chronisch pleite ist. Während der bourbonische Hof in der viel beschriebenen Dekadenz Versailles weilt, geht es der Bevölkerung schlecht: »Doch das Volk hatte Hunger. Die Kornpreise waren gestiegen, die Weizenpreise waren gestiegen, alles war teuer.« In diese gärige Stimmung tritt Vuillard mit seiner historischen Kurzprosa, das im Französischen noch vor Die Tagesordnung erschienen ist und nun von Matthes & Seitz nachgeliefert wird, nachdem der Vuillard-Hypetrain nicht zum Stoppen kommen möchte.

Und die Wut steigt so, wie die Löhne fallen.

Der Tropfen, der das Fass dann zum Überlaufen bringt (so zumindest in der Vuillardschen Version der Französischen Revolution), sind angekündigte Lohnerhöhungen. Das Volk bläst zum Angriff und was folgen soll, ist Geschichte. Dieser Meinung ist auch Éric Vuillard, weswegen er sich mit Kontext und langen Linien gar nicht erst aufhält, sondern mit beiden Beinen direkt ins Geschehen springt. Über weite Strecken des kurzen Texts dominieren szenische Beschreibungen der Kampfhandlungen das Erzählte. Es knallt, dampft und blutet aus allen Ecken dieser Kurzprosa.

Am Nachmittag des 27. sickerte die Menge langsam aus Saint-Marcel, verlangte Brot zu zwei Sous und schrie: ›Tod den Reichen!’‹

Das ist häufig in dem Vuillardschen Präsens gehalten, das schon seinen früheren Werken eine zentrale Rolle spielte. Es ist zwar literaturwissenschaftlich umstritten, welche Funktion das Präsens in der erzählenden Literatur übernimmt, bei Vuillard ist es jedoch ganz dem Präsentischen verschrieben. Geschichte wird noch mal erlebbar und dieses mal, so ist es das Ansinnen des Textes, unter den richtigen Vorzeichen.

In seinem Kalksteinbecken sitzt es westlich des Waldes von Meudon im Schlamm: Versailles. Ein Marschland, ein Sumpf.

Denn so wie seine früheren Publikationen hat auch 14. Juli ein Anliegen, in diesem Fall ist es dem Einzelnen der Masse seinen Platz in der Geschichte zurückzugeben: »Und wie viele gibt es noch, deren Namen dem Vergessen anheimgefallen sind? Niemand weiß es. Niemand kennt sie. Dabei gibt es ohne sie keine Menge, keine Masse, keine Bastille.« Dass in der Geschichtsschreibung der großen Männer, Frauen, Staaten oder Insitutionen vor allem Marginalisierung produziert wird, ist nun erst mal kein besonders neuer Gedanke, zumindest wird dem ein oder anderen Brechts Fragen eines lesenden Arbeiters im Ohr klingen.

Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? 

Der Text möchte diese historische Ungerechtigkeit dadurch lösen, dass er die Namen derer aufzählt und nennt, die von den Geschichtsbüchern vergessen wurden: »Gewiss, ein Name ist nicht viel. Ein Beruf, ein Datum, ein Ort, der bescheidene Personenstand, ein Etikett. Das sind die Silben der Wahrheit.« Was der Text hier etwas mystisch als »Silben der Wahrheit« bezeichnet, ist am Ende nichts anderes als die Fortführung einer Auseinandersetzung mit dem Faktischen in der Literatur, womit 14. Juli einen Themenkomplex berührt, der nach den Diskussionen um Stella nicht aktueller sein könnte.

Man vergisst ihn. Er verflüchtigt sich. Sein Heldenepos währte nur Minuten.

Löst dieser Text das Problem eleganter? Zweifel dürfen erhoben werden. Schon im Zusammenhang mit Die Tagesordnung kam der Vorwurf des leichtfertigen Umgangs mit Geschichte auf und auch im Fall von 14. Juli kann man sich dieses Eindrucks nicht gänzlich verwehren. Denn was sich als Rettung des kleinen Mannes oder der kleinen Frau gebiert, macht es sich vielleicht etwas sehr einfach, wenn er die Namen derer, die er vor dem Sturm des Vergessens retten will, inmitten eines Schwarzpulver-Spektakels wie faktischen Sternenstaub drübersprenkelt.

Das Feuer ist etwas Wunderbares. Aber noch schöner ist das zerstörerische Feuer.

Wenn sich die Literatur auch als Schule der Empathie verstehen möchte, dann kommt das Faktische an seine Grenzen, sobald es den besprochenen Gegenstand als reinen Akteneintrag präsentiert. So könnte man 14. Juli auch als ein ungewolltes Plädoyer für die Fiktion verstehen, denn wo das Faktische sich auf nicht mehr als Namen, kurze Verweise, Einsprengsel stützen kann, vermag es die Fiktion über das Exemplarische die Lebenswelt des Schmiedes, der Magd, der Tuchweberin näherzubringen als es Vuillards Text je vermag.

Man weiß nicht, wohin der Schuss zielte. Von nun an wird alles verworrener.

In seinem Versuch die Menschen vor dem Vergessen zu retten, liegt wiederum etwas gleichgültiges. Als ob der Junge aus Die Freiheit führt das Volk aus dem einen Bild, dessen Zentrum er nicht ist, in ein anderes gesteckt wird, das über alles hinwegguckt. Dieser Eindruck wird durch einen sprachlichen Ton verstärkt, der sich immer wieder im Revolutionsklimbim verliert (»Die Bastille war zu einem einfachen Haus geworden, und an seine Tür pochte die Welt.«) oder verrutscht (»Steuer, Tribut und Zins sind ein einziges kaltes, eintöniges Gebrüll.«)

Am 14. Juli 1789 heißt der Belagerer der Bastille Paris.

Éric Vuillards Geschichtsminiaturen sind ein heikles Geschäft, denn sie dampfen historische Momente zu tatsächlichen Momenten zusammen, was – wenn es funktioniert – eine ganz große literarische Leistung ist und wenn es nicht funktioniert, schnell unbedarft wirkt. Schon Die Tagesordnung hinterließ den Eindruck, dass mit Geschichte mehr jongliert als dass sie seziert wird. Ein Eindruck, den auch 14. Juli nicht aus der Welt zu schaffen vermag.


Wir danken Matthes & Seitz für das Rezensionsexemplar.