Éric Vuillards „Die Tagesordnung: „Die Literatur erlaubt alles, heißt es.“

Wer Vuillards Werk begleitet, folgt einem faszinierenden literarischen Blick in die Geschichte. In „Kongo“ erzählte er von der aufgeblasenen Art, wie die europäischen Mächte die letzten Reste Afrikas unter sich aufteilten und wie sie in ihrem grausamen Hochmut Millionen von Menschen in den Hungertod trieben. In „Die Traurigkeit der Erde“, seinem wohl bislang besten Buch, betreibt er eine großartige Reflexion über das Wesen des Spektakels und Medienwandel. Nun, in „Die Tagesordnung“, das durch den Gewinn des Prix Goncourt mit einigen Vorschusslorbeeren in Deutschland angekommen ist, nimmt er sich den Anschluss Österreichs vor und entschleiert ein treibendes Prinzip der Historie: die Hochstapelei.

Die führenden Nationalsozialisten waren vieles: Meister der Grausamkeit, Meister der Verführung, Meister der Verleumdung und auch Meister des Moments. Ob selbst herbeigeführt oder nicht, sie wussten leider (bis sie irgendwann das Glück verließ) immer im rechten Moment zuzuschlagen. Das war beim Reichstagsbrand schon so, den sie zur Aufhebung von Grundrechten nutzten und das war so als es darum ging, Truppen ins Rheinland zu verlegen oder die Tschechoslowakei zu zerschlagen. Sie spielten ein Vabanquespiel und kalkulierten mit der Kriegsunwilligkeit der europäischen Großmächte. Ein solch bedauerliches Husarenstück war auch der Anschluss Österreichs, in dem das Deutsche Reich wieder die Schwäche des Gegenübers nutzte.

Die größten Katastrophen kommen oft auf leisen Sohlen.

Genau in diese historische Episode greift Vuillard ein und schildert sie aus verschiedenen Perspektiven und Situation. Der Roman zeigt, wie sich Kurt Schuschnigg im Angesicht der Provokationen und Demütigung der nationalsozialistischen Führung krümmt, er zeigt die schleichende Entmachtung eines glücklosen Mannes, er zeigt wie die Deutschen mit einer improvisierten Schrottarmee nach Österreich einmarschieren und sich ihnen niemanden entgegenstellt, weil sie etwas Entscheidendes beherrschen: „Was an diesem Krieg verblüfft, ist der unerhörte Erfolg der Frechheit, der uns eines lehren sollte: Die Welt gehorcht dem Bluff.“

Mit rasender Hast und größter Verwirrung wühlt er in den Taschen der Jahrhunderte. Doch sein Gedächtnis ist leer, die Welt ist leer.

„Die Tagesordnung“ richtet einen Blick auf das Geschehen, wie es ein Pokerspieler tun würde, ohne die Ereignisse in ihrer historischen Bedeutsamkeit zu relativieren. Und in diesem Spiel ist es derjenige, der zuerst zuckt, der am Ende als Verlierer aus ihm herausgeht: „Schließlich gibt Schuschnigg nach. Und es kommt noch schlimmer: Er stammelt.“ Schuschnigg erscheint im Roman als Mann ohne Eigenschaften: „Denn Schuschnigg ist nichts. Er verkörpert nichts, er ist niemandes Freund und niemandes Hoffnung.“ In diesem Sinne ist dies auch ein Text über das historische Unglück, die falschen Protagonisten zur falschen Zeit am falschen Ort die Geschicke lenken zu lassen.

Ein zynisches Spiel war es auch, dass der scheidende Botschafter und spätere Außenminister Joachim Ribbentrop aufführen sollte, als er die Führungsriege der britischen Regierung zum Anlass seiner Abbestellung als Diplomat in London bei einem Abschiedsessen festhielt, während die Deutschen in Österreich einmarschierten. Vuillard hebt diese Anekdoten, um zu zeigen, dass sich Weltgeschichte manchmal kaum von Schmierentheater unterscheiden lässt.

Man wird ohne irgendjemandes Erlaubnis in Österreich einmarschieren, und man tut es aus Liebe.

Dabei entwickelt er jedoch keineswegs einen unernsten Blick auf Historie. Tatsächlich formuliert der Text indirekt sogar einen ziemlich deutlichen Appell an den Leser: „Man stürzt nicht zweimal in denselben Abgrund. Aber man stürzt immer auf dieselbe Weise, in einer Mischung aus Lächerlichkeit und Entsetzen.“ Denn so sehr „Die Tagesordnung“ von der Macht des Bluffs erzählt, so sehr will er auch gegen diese schicksalsentscheidende Bluffs immunisieren.

Doch Unternehmen sterben nicht wie Menschen. Sie sind mystische Leiber, die nie verenden.

Vielleicht funktioniert „Die Tagesordnung“ in Frankreich besser: Denn während sich Vuillard sonst, aus deutscher Sicht, scheinbar abseitigen Themen annimmt, liest sich manches wie dreimal erzählt. Zwar ist Originalität kein zwingendes Qualitätsmerkmal von Literatur, doch während Vuillards sonstige Vorstöße in die Geschichte einen emanzipativen Anspruch haben, weil sie ein Feld besetzen, wo es andere räumen, haftet dieser Geschichtserkundung etwas voyeuristisches an.

Irgendwo zwischen Histofiction, Lehrstück und Schmierenkomödie verliert „Die Tagesordnung“ die Spannung. Ästhetisch nicht mehr ganz so spannend, inhaltlich nicht mehr ganz so originell ist dies immer noch ein guter Text, doch ähnliches konnte man zuletzt auch von Helmut Lethen in „Die Staatsräte“ lesen. Dass sich Vuillard den Prix Goncourt längst verdient hat: keine Frage. Für dieses Buch? Nun gut, selbst ein schwächerer Vuillard ist immer noch gut. Doch zum ersten Mal weiß man nicht so recht, ob sich Vuillard in den „Taschen der Jahrhunderte“ nicht verwühlt hat.


Wir danken Matthes & Seitz für das Rezensionsexemplar.