Éric Vuillards „Traurigkeit der Erde“: Spektakuläre Wirklichkeit

Die USA sind ein so großes Land, dass sie sich mit gutem Gewissen mehrere Gründungsmythen leisten können. Da wäre die Boston Tea Party, dicht gefolgt von der Unabhängigkeitserklärung. Das Ende des Bürgerkriegs kommt wohl noch dazu, wenn auch mit dunklen Untertönen. Und dann wäre da natürlich die – durch den kolonialen Blick gesehen – Eroberung des Wilden Westens. Die Besiedlung des Westens hat schon immer kunststiftend gewirkt, schließlich hat sich ein ganzes Genre danach benannt. Wie medienträchtig dieser Teil der amerikanischen Geschichte ist, hat wohl niemand so schnell begriffen wie Buffalo Bill, der ein ganzes Showbusiness um seine Wild West-Aufführungen aufgebaut hat. Diesem Thema hat sich der diesjährige Prix Goncourt-Träger Éric Vuillard in seiner Erzählung „Traurigkeit der Erde“ angenommen. Er stellt darin die faszinierende Frage, worin der Gründungsmythos des modernen Amerikas eigentlich steckt: im Ereignis selbst oder in dessen medialer Wiederaufführung.

Buffalo Bill, mit bürgerlichen Namen eigentlich William Cody, war mit Leib und Seele Kundschafter. Zunächst im militärischen Sinne, auch wenn er streng genommen nie offizieller Teil der Armee war, später kundschaftete er die Möglichkeiten moderne Medien aus. Seinen Spitznamen „Buffalo Bill“ verdiente er sich mit dem unrühmlichen Talent besonders gut Jagd auf Buffalos zu machen, während seine militärischen Erfolge wohl eher – trotz seiner Behauptungen – bescheiden blieben. Nachdem es kaum noch etwas zu bekriegen oder zu vertreiben gab, musste eine andere Einnahmequelle her. Er fand sie in der Aufführung von Wild West-Shows.

Und während die Weltausstellung die industrielle Revolution zelebrierte, verherrlichte Buffalo Bill die Eroberung.

Diesen ganzen historischen Anlauf nimmt Éric Vuillard in seinem Text nicht. Wenn etwas davon durchscheint, dann am Wegesrand. Eine wirkliche strukturierte, chronologische Narration lässt sich bei ihm sowieso nicht entdecken. Stattdessen wirkt szenisch, sprunghaft und umkreisend reflektiert über eine entscheidende Frage: „WAS IST DAS WESEN DES SPEKTAKELS?“ Jedoch nicht im luftleeren Raum, sondern eben am Beispiel von Buffalo Bill. Das ist insofern ein treffendes Beispiel als dass man guten Gewissens behaupten kann, dass die USA schon immer ein besonders inniges Verhältnis zum Spektakel, zum Medialen hatten, auch wenn diese Vormachtstellung sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg so richtig herauskristallisierte. Man könnte weitergehend fragen: Wenn die Postmoderne irgendwann zu dem Schluss gekommen ist, dass es sowieso nur eine medial-transportierte Wirklichkeit gibt, trifft das auf die USA vielleicht in besonderer Weise zu?

Das Spektakel ist der Ursprung der Welt. Dort verharrt das Tragische, reglos, merkwürdig, unzeitgemäß.

„Traurigkeit der Erde“ ordnet die Karriere von Buffalo Bill in einen allgemeinen Trend der Zeit (das auslaufende 19. Jahrhundert) ein, der sich für alles Fremde, Exotische, Kuriose interessierte. Roland Barthes beschrieb dies einst mit dem Begriff des „Wirklichkeitseffekts“ und meinte damit Dinge (Realien oder Motive in der Kunst), die auf nichts anderes verweisen, als darauf, dass sie Wirklichkeit sind/schaffen. Während man sich in Europa an Kolonialschauen mit verrückten Tieren oder merkwürdigen Artefakten erfreute, war das amerikanische Pendent dazu die Buffalo Billschen Wild-West-Shows, die sich eben nicht nur durch Sachkenntnisse des Zeugen Buffalo Bill auszeichneten, sondern dadurch, dass sie echte Indianer zeigten: „Die Stärke seines Schauspiels (und vermutlich begriff er selbst nicht, woher sie wirklich rührte), die Idee, in der seine authentische Substanz lag, die es unwiderstehlich machte, waren die Indianer, echte Indianer.“

Die Zivilisation ist eine riesige, unersättliche Bestie.

Authentizität ist ein zentraler Begriff in Vuillards „Traurigkeit der Erde“, was insofern spannend ist, als dass sich zunächst der Gedanke aufdrängen könnte, dass das Spektakel alles ist, aber nicht authentisch. Weit gefehlt: „Bewegung und Aktion. Die pure Wirklichkeit.“ Das Spektakel, in seiner Wiederholung der Ereignisse und in seiner Verwendung realer Elemente, schafft erst die Wirklichkeit, die für eine Masse erfahrbar wird: „Denn der Clou des Spektakels ist nicht das Spektakel, es ist die Wirklichkeit. Ja, etwas Besseres gibt es nicht!“ Wie wichtig zur Schaffung dieser Wirklichkeit Authentizität ist, hat Buffalo Bill schnell begriffen und sich schließlich die Dienste des berühmten Häuptlings Sittung Bull gesichert und damit seine Aufführungen authentisch beglaubigt.

Und das alles für ein beispielhaftes, ein beispielhaft amerikanisches Werk, einen fabelhaften Beitrag zur Geschichte der Zivilisation.

Das Spektakel als Wirklichkeit, die Wirklichkeit als Spektakel: „Die reality show ist also nicht, wie es heißt, der extremere, grausame und besitzergreifende Doppelgänger der Massenunterhaltung. Sie ist deren Ursprung; sie katapultiert jeden Darsteller der Tragödie in eine unwiderrufliche Amnesie.“ Entscheidend dafür ist das Präsentische. Und an diesem Punkt wird Éric Vuillards „Traurigkeit der Erde“ von einem theoretischen Essay zur Literatur. Um den Effekt dieses Präsentischen zu erzeugen, wechselt der Text in seinen Beschreibungen selbst immer wieder in das Präsens: „Man schaut sich um, streift eine Kette über. Hätte gerne einen Tomahawk, ja, eine Feder! Heute heißt das merchandising.“

Was der Text dadurch markiert, ist der Effekt des Präsentischen in der gegenwärtigen Beschreibung des Erlebten. Die Sätze werden knapper, pointierter, die erzählte Zeit entspricht der Erzählzeit. Worin besteht aber nun die Traurigkeit der Welt? Nun, zunächst mal im Lebensweg von Buffalo Bill – sein Ruhm ist nicht von Dauer, das Leben erzählt am Ende eine Abstiegsgeschichte des Showmachers.  Vuillard erzählt aber auch von der Traurigkeit des Spektakels selbst, schließlich führt Bill nicht weniger als einen ziemlich unverfrorenen Zirkus einer kolonialen Unterwerfungsgeschichte auf. Und dann, ja, dann vielleicht die Traurigkeit, die in einer Mediengeschichte liegt: „Doch die Fotografie tötet alles, was sie erfasst, jede Bewegung erstirbt. Selbst das Kino vermag das nicht zu ändern. Es lassen sich nur seine Auswirkungen filmen, nicht der Wind selbst.“ Welche Rolle die Literatur dabei spielt? Sie schafft ihre eigene Wirklichkeit, Fiktion genannt, und ist vielleicht das größte Spektakel – zumindest im Falle von Éric Vuillard.

4 Kommentare

  1. Klingt lesenswert, kommt auf meine Liste. Zumal der Prix Goncourt der Preis scheint, der sich mit am stärksten von rein literarischen Erwägungen leiten lässt…

  2. Danke, ein schöner Text. Ich bin sehr gespannt auf Vuillards neues Werk. „Die Tagesordnung“ erscheint demnächst. lg_jochen

    • Danke dir! Ja, ich bin auch schon sehr gespannt. In der Zwischenzeit hab ich auch noch „Kongo“ nachgeholt. Auch stark, aber nicht ganz so stark wie „Traurigkeit der Erde“, fand ich.

  3. Pingback: Éric Vuillards „Die Tagesordnung: „Die Literatur erlaubt alles, heißt es.“ – Zeilensprünge.

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