Ernst Jünger: Das Dritte Reich als Schrebergarten

Marmorklippen

Kaum ein Schriftsteller kann so ausführlich vom 20. Jahrhundert Zeugnis ablegen wie Ernst Jünger – und das nicht nur aufgrund seines methusalemischen Alters. Ernst Jüngers Lebenslauf könnte man als Parabel der jüngeren deutschen Geschichte lesen: Seine soldatische Begeisterung für den Krieg, sein ambivalentes Verhältnis zum Dritten Reich und sein Rückzug in die Privatheit nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine Sonderstellung nimmt dabei sein 1939 erschienener Roman „Auf den Marmorklippen“ ein – eine Parabel auf Nazideutschland oder (wofür Ernst Jünger stets plädierte) auf totalitäre Gesellschaften im Allgemeinen. Im Dritten Reich nicht verboten, aber verpönt erzählt er die Geschichte einer fiktiven Gesellschaft am Rande des Untergangs.

In den Adnoten, die Jünger 1972 seinem Text zur Seite gestellt hat schreibt der Autor: „Wachsende Allergie gegen das Wort ‚Widerstand‘ kam hinzu. Ein Mann kann mit den Mächten der Zeit harmonieren, er kann zu ihnen in Kontrast stehen. Das ist sekundär. Er kann an jeder Stelle zeigen, wie er gewachsen ist. Damit erweist er seine Freiheit – physisch, geistig, moralisch, vor allem in der Gefahr. Wie er sich treu bleibt: das ist sein Problem.“ Als Widerständler kann man Ernst Jünger wirklich nicht bezeichnen. Er wählte den sogenannten Weg der inneren Emigration – was auch immer das bedeuten mag – und zog sich nach Goslar zurück. Sein Roman hat ihn zwar an den Rand der Haftstrafe gebracht, aber, so heißt es, Hitler hat den Kriegsveteranen vor Schlimmerem bewahrt, wohlwissend, dass Jünger gerade in konservativen Kreisen ein hohes Ansehen genoss. Trotzdem sind seine Aussagen interessant, denn er wertet alle Widerstandsbestreben zugunsten einer individuellen Prinzipientreue ab. Frei ist der, der nach seinen Vorstellungen lebt. Das lässt sich als protegierter Schriftsteller bequem behaupten. Andere im Dritten Reich haben auch keinen direkten Widerstand geleistet, wurden wegen ihrer Person und Lebensführung dennoch ermordet.

Es wird kein Haus gebaut, kein Plan geschaffen, in welchem nicht der Untergang als Grundstein steht, und nicht in unseren Werken ruht, was unvergänglich in uns lebt.

So widersprüchlich „Auf den Marmorklippen“ erscheint, so widersprüchlich ist auch seine Rezeptionsgeschichte. Nicht nur die National-sozialisten lehnten den Roman ab, auch seine Schriftstellerkollegen, die in die tatsächliche Emigration gegangen sind. Das änderte sich in den fünfziger Jahren, als das Buch zur Schullektüre wurde. Ab den siebziger Jahren setzte dann eine regelrechte Jünger-Renaissance ein, in Zuge dessen die französischen Poststrukturalisten den deutschen Autor rezipierten. Zuletzt hat Denis Scheck mehrmals in seinen Sendungen auf Jünger aufmerksam gemacht. So kommt Helmuth Kiesel in seiner renommierten Studie „Ernst Jüngers Marmor-Klippen“ zu dem Schluss: „Gegenüber diesem ‚Problembuch‘ eine entschiedene und haltbare Einstellung zu finden, ist nur schwer möglich, vielleicht sogar unmöglich. Zu schillernd ist das Buch selbst, und zu irritierend sind die im Laufe der Zeit angesammelten und mitzubedenkenden Urteile, Verwerfungen und ‚Rettungen‘ mit ihren einander paralysierenden Begründungen.“ Doch so viel Hasenfüßigkeit vor dem Feind ist gerade bei dem Soldatenschriftsteller Jünger nicht angemessen.

Dort trafen wir immer heitere Genossen an, denn das Land ist reich und schön, so daß es unbekümmerte Muße in ihm gedeiht, und Witz und Laune gelten als bare Münze in ihm.

Jüngers Romangesellschaft lebt am Ufer eines Sees („die große Marina“) und befindet sich in enger Verbundenheit mit dem Naturraum, der sie umgibt. Der Ich-Erzähler betreibt mit seinem Bruder Otho botanische Forschungen und Studien in der Bibliothek des hiesigen Klosters. Umringt sind sie von Weidelandschaften und ausgiebigen Wälder, über die der „Oberförster“ wacht. So heil die Gesellschaft der Marina auch eingeführt wird, sie kommt bereits aus einer Krise. Ein gescheiterter Feldzug gegen benachbarte Völker schwebt als Menetekel über den Geschehnissen. Der Parabelform entsprechend zielt Jünger hier auf den Ersten Weltkrieg ab, der sich 1939 als Auftakt zum Zweiten herausgestellt hatte.

Auffällig am Beginn des Romans erscheint die Nähe zu anderen Meistern der Naturschilderungen. Ähnlich wie in fast allen Texten Adalbert Stifters nimmt sich Jüngers „Auf den Marmorklippen“ viel Zeit für die topographische Schilderungen des Schauplatzes, bis ein vollständiges Panorama gezeichnet ist. Auch der Protagonist als Botaniker ist Stifter-Lesern wohlbekannt. Doch wo Stifter an der Natur Modernisierungs- und Kultivierungsprozesse zeigen wollte, ist Jüngers Naturraum bis ins Traumhafte ästhetisiert: „Von jeher hatte ich das Pflanzenreich verehrt und seinen Wundern in vielen Wanderjahren nachgespürt.“ Vorgeführt werden soll eine Landschaft, in der Mensch, Tier und Pflanze in völliger Harmonie zusammenleben. Doch im Irdischen macht der Roman nicht halt, Naturgeister bevölkern die Wälder und weisen auf eine mystische Zeit vor jeder menschlichen Kultur.

Und dann geschah es, daß sie sich näherten, grau und schattenhaft, die uransässigen Geister des Landes, längst hier beheimatet, bevor die Glocken der Klosterkirche erklangen und bevor ein Pflug die Scholle brach.

In dieses scheinbare Idyll bricht zunehmend Gewalt ein. Schergen des Oberförsters machen die Gegend unsicher, eine entdeckte Hütte dient dem Tyrannen als Vernichtungslager. Es kommt zur Eskalation, in deren Folge die Siedlung in einem düsteren Spektakel verbrennt. Wie es der Jüngerschen Ästhetik des Schreckens zu eigen ist, wird diese Gewalt so abschreckend wie faszinierend geschildert. Die Vernichtung des Ortes ist in der apokalyptischen Theorie des Textes der notwendige Schritt einer jeden Entwicklung: „Oft meinte Bruder Otho, wenn wir auf der Höhe der Marmorklippen standen, daß dies der Sinn des Lebens sei – die Schöpfung im Vergänglichen zu wiederholen, so wie das Kind im Spiel das Werk des Vaters wiederholt.“

Man kann „Auf den Marmorkippen“ als Parabel auf das Dritte Reich lesen, aber auch als Selbstkommentar des Autors. Vom gescheiterten Rückzugsversuch des Ich-Erzähler in die schützenden Klostermauern, über dessen Resignation im Angesicht der Aggression des Oberförsters („Solange ich ihren Töchtern Kinder zeugte und mit dem Schwertarm die Feinde schlug, war ich willkommen; doch war ihr jeder Sieger als Eidam gut, so wie sie jeden in der Schwäche verachtete.“) bis hin zu dem, was der Ich-Erzähler zu seinem eigenen Verhältnis zum kriegerischen Treiben ausspricht: „Ich hörte später Bruder Otho über unseren Mauretanierzeiten sagen, daß ein Irrtum erst dann zum Fehler würde, wenn man in ihm beharrt.“

Es sei nur angedeutet, daß zwischen dem ausgeformten Nihilismus und der wilden Anarchie ein tiefer Gegensatz besteht. Es handelt sich bei diesem Kampf darum, ob die Menschensiedlung zur Wüste oder zum Urwald werden soll.

Doch wenn man Jüngers Text als politische Analyse ernstnehmen will, dann muss man feststellen, dass das Politische im Text fast vollständig fehlt. Zu dem Schrecken, der vom Oberförster ausgeht, hat der Erzähler ein rein ästhetisches Verhältnis. Anstatt den Verbrechen ein humanistisches, allgemeingültiges Gesellschaftsbild entgegenzusetzen, flüchtet Jüngers Protagonist aus der Welt und in die Ich-bezogene Mystik. Da ist keine emanzipatorische Geste, keine Ahnung von Alternativen, nur viel Lust am Untergang. Um den Vergleich noch einmal aufzugreifen: Wenn es in Stifters Texten häufig darum geht, nach der Katastrophe einen neuen Gesellschaftsvertrag auszuhandeln, flüchtet Jüngers Protagonist aus der Gesellschaft: „Es schien uns nämlich nicht allein, daß draußen die Feuerwürmer ihr Wesen trieben, sondern als ob zugleich das Land sich in der Form verändere – als ob sich seine Wirklichkeit vermindere.“

Vielleicht lässt sich auch auf diesem Wege eine Jünger-Renaissance erklären. Das Verschwinden einer utopischen Idee vom menschlichen Zusammenleben zugunsten einer naturverbundenen Privatmoral ist in unserer Zeit hochaktuell. Die Lust am Untergang, der romantisierte Blick auf das ländliche Leben und der Rückzug ins Private – Jünger schafft es mit prophetischem Zufall, das heutige Deutschland viel treffender zu beschreiben als das seinige. Ein Deutschland, in dem das Politische so inexistent ist wie in Jüngers Roman und die Apokalyptiker den Niedergang beschwören.

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