Ernst Lothar: „Heim in die Fremde“

Engel mit der Posaune

Die meisten Entdeckungen, die Verlage heutzutage machen, sind ein Versprechen an die Zukunft. Verlagsvertreter und Literaturagenten tummeln sich auf Literaturwettbewerben und um die Schreibschulen herum, um den nächsten Literaturstern nicht zu verpassen: Der Gegenwartsliteratur eine funktionierende Infrastruktur zu bieten, ist immer noch die Hauptaufgabe der Literaturverlage. Doch manchmal lohnt auch ein Blick ins Archiv, denn viel zu oft scheitern gute Texte auf dem steinigen Weg in den literarischen Kanon.  Der Fall Ernst Lothar zeigt: Manchmal gehen echte Schätze verloren, auch wenn Eva Menasse völlig recht hat, wenn sie im Nachwort des nun wiederaufgelegten Romans schreibt: „‘Der Engel mit der Posaune‘ ist kein erstklassiger Roman; das dürfte auch zu seinem Vergessen beigetragen haben.“

Ernst Lothars Lebenslauf liest sich parallel zu denen vieler anderer jüdischer Schriftsteller in Wien: Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg, literarische Erfolge in der Zwischenkriegszeit und die notwendige Emigration über die Schweiz in die USA. Wie viele seiner Zeitgenossen war Lothar nicht auf die Romanprodukion abonniert. Er war als Kritiker und Regisseur am Burgtheater tätig, ein paar Jahre war er sogar Direktor des Theaters an der Josefstadt. Sein geliebtes Österreich zu verlassen bedeutete nicht nur, der drohenden Lebensgefahr zu entgehen, sondern auch den Kulturraum zu verlieren, der sein geistiges Zuhause war. Anders als jedoch viele der großen Literaten, die sich im Exil mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielten und sich sonst im Wartestand befanden, arrangierte sich Ernst Lothar mit den Umständen. Er publizierte in englischer Sprache und machte sich in den USA bei den amerikanischen Lesern einen Namen. Schließlich kehrte er dennoch 1946 nach Wien zurück und knüpfte an seine Theatertätigkeiten an. 1974 starb er schließlich in seiner Heimatstadt.

Sie hasste das Wort „sentimental nur deshalb, weil alle es ganz falsch verstanden: Sie unterschieden eben nicht zwischen Gefühl und Gefühlsduselei […]

Dass „Der Engel mit der Posaune“ im Exil entstanden ist, merkt man dem Text an jeder Stelle an. Er reiht sich in die lange Liste der „kakanischen Nostalgie“-Romane wie Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“ oder Joseph Roths „Radetzkymarsch“ ein. Wesensmerkmal jeder dieser Texte ist das Erzählen in großen Bögen, der Rückblick und das idealisierte Bild der kaiserlichen und königlichen Vergangenheit. Im Zentrum von Lothars „Posaune“ steht keine Person, sondern ein Haus und seine Bewohner. Das Haus in der Seilergasse 10, das unter anderem von der im Fokus stehenden Familie Alt bewohnt wird und pars pro toto das Haus Österreich verkörpert, verharrte lange Zeit in wienerischer Gemütlichkeit, bis Franz Alt sich anschickt, den Hausfrieden zu stören: „Fast hundert Jahre bis zum gegenwärtigen Augenblick, dem 9. Mai 1888, hatte das Haus außer dem Parterre und Mezzanin drei Stockwerke gehabt. Kein solides Wiener Bürgerhaus pflegte höher zu sein.“ Den Ausbruch aus der Solidität in Form des Anbaus eines vierten Stockwerks motiviert die angestrebte Ehe mit seiner Verlobten Henriette, die zu allem Überfluss auch noch einen jüdischen Vater hat. Die Hausgemeinschaft reagiert mit Missgunst, Ablehnung und offenem Antisemitismus; erste Anzeichen des Unheils, das rund sechzig Jahre später über die Familie einbrechen wird.

Der Zsolnay-Verlag hat sich dafür entschieden, den Roman mit einem Urteil der Vanity Fair zu bewerben: Lothars „Posaune“ sei das „Downton Abbey von Wien“. Kenner der Serie wissen, dass die britische Produktion viel mehr ist als kostümierter Adelskitsch. Zwischen Affären, dramatischen Todesfällen und Intrigen erzählt die Serie anhand eines Hauses (im Sinne von Familie und Wohnsitz) sehr präzise vom Niedergang des britischen Adels. In dieser Hinsicht macht der Vergleich Sinn. Auch Lothars Text erzählt einen Niedergang. Zuerst den Niedergang des Habsburger-Reiches und schließlich den Untergang eines ganzen Kontinents. Von 1888 bis 1938 erstreckt sich die erzählte Zeit. Der Autor geht dabei konventionell vor. Mit klassischen Mitteln der Zeitraffung eröffnet der Roman ein Panorama der Wiener Gesellschaft über zwei Generationen der Familie Alt. Wer bei Ernst Lothar literarische Innovationen sucht, wird enttäuscht: stilistisch wie ästhetisch bleibt sein schriftstellerisches Handwerk eindimensional. Seine Faszinationskraft gewinnt der Text über das liebevoll ausgestaltete Figurenpersonal. Allerdings trifft der Vergleich mit „Downton Abbey“ auch nicht in Gänze zu, denn während sich in der britischen Serie die Veränderungen als Außenphänomene vollziehen und die Adelsfamilie weitgehend intakt bleibt, trifft der Lauf der Zeit die Romanfamilie Alt mit voller Wucht.

„Faszination, Begabung, sogar Genie bedeuten viel weniger, als wir glauben. Sie sind für die Ausnahmsstunden. Das Leben besteht aber aus dem Alltag.“

Die schon bald angetraute Henriette Alt bleibt auch nach der Hochzeit ein Grund für Unruhe. Mitten in die Hochzeitsreise nach Venedig platzt die Nachricht vom Selbstmord des Kronprinzen Rudolf. Henriettes Reaktion fällt auffällig emotional aus, das realisiert auch ihr Ehemann Franz. Der Grund: Henriette hatte vor Ehe eine Affäre mit dem Thronanwärter. Auf den Hochzeitsantrag durch Franz Alt geht sie nur ein, weil sie eine Zukunft mit dem adeligen Geliebten für aussichtslos hält. Nun scheint sie der Auslöser zu sein, zumindest möchte sie das glauben, weshalb sich Rudolf umgebracht hat. An solchen Stellen spielt der Roman ganz bewusst mit den Grenzen von Fiktion und geschichtlichen Fakten. Historische Abläufe sollen eng an das Schicksal der Familie gebunden werden. Auch eins ihrer späteren Kinder, das erzählt man sich hinter vorgehaltener Hand, soll nicht von ihrem Ehemann Franz stammen. Henriette streitet all diese Vorwürfe ab und wird zur Geheimnisträgerin. Auch das ist ein Grund, wieso sie von der Hausgemeinschaft nie richtig akzeptiert wird: Die Tochter eines Juden, die sich nicht in die Mittelmäßigkeit der bürgerlichen Gesellschaft einordnet und die Eskapade liebt, ist per se argwöhnisch zu betrachten.

„Was ist ein Österreicher? Einer, der Ruthenisch oder Slowakisch spricht und wienerisch fühlen soll!“

Das zerfallende k.u.k.-Reich wird anhand der Generation der Kinder erzählt. Nach dem Ersten Weltkrieg, in den beide Söhne – Hans und Hermann – ziehen müssen, beginnt die Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. Wien wird plötzlich sozialdemokratisch regiert und alte, elitäre Institutionen öffnen sich für vorher ausgeschlossene Milieus. So bekommt Hans‘ Ehefrau Selma ein Engagement am Burgtheater. Es ist womöglich in seiner historischen Erzählung die ungewöhnlichste Perspektive, die der Roman einnimmt. Wo die Zwischenkriegszeit meist als Zeit des Elends und der politischen Zerrüttung geschildert wird, geht es dem Roman hier auch darum zu zeigen, was eine neue, demokratische Politik bewirken kann. Diese nun plötzlich offenliegenden Entfaltungsräume werden nicht nur positiv genutzt: Auch ein gewisser Adolf Hitler, den Hans Alt zufällig bei der Bewerbung zur Kunsthochschule trifft, nutzt das politische Vakuum, das die Habsburger hinterlassen haben.

„Die Kunst hat ihre Epoche zu spiegeln, zu deuten oder ihr vorauszusein. Sonst ist sie Kunstgewerbe oder Kitsch!“

Und so markieren die beiden Söhne der Alts den Scheideweg der Österreichischen Gesellschaft: Während Hans zu den Sozialdemokraten tendiert, im tiefsten Herzen aber Österreichischer Monarchist bleibt, schließt sich Hermann der NSDAP an. Vater Franz hingegen wird immer mehr zur Spiegelfigur von Franz Joseph II., der – eingesperrt im Familienhaus – der Moderne nicht mehr viel abgewinnen kann und zunehmend vergreist. Ernst Lothar zeichnet über sechzig Jahre Österreichischer Geschichte eine Gesellschaft, die sich vor allem durch Angst auszeichnet. Auf einer Reise nach Amerika lernt Lothars Protagonist Hans die USA kennen und formuliert die These über das Wesen jener Gesellschaft: „Hast du denn nicht bemerkt, dass die Amerikaner das Entscheidende entdeckt haben? Den Alltag?“ Alltag, den gibt es im Wien des Romans auch, aber er ist durchsetzt von persönlichen und staatlichen Krisen, der Angst vor Veränderung und dem tiefen Misstrauen gegenüber seinen Nächsten.

„Es ist wahrscheinlich nicht unrichtig zu sagen, dass Weltgeschichte Stadtgeschichte ist.“

Ernst Lothar hat seine Liebe zu Österreich trotzdem nie verloren. Den Roman beschließen zwei persönliche Anmerkungen durch den Autor, in denen er unter anderem schreibt: „Wahr an dem Buch ist nur eines: Österreich. Die unzerstörbare Liebe dafür. Der unerschütterliche Glaube an seine Vergangenheit und Zukunft.“ Und so kann man den Roman auch als eine Utopie lesen. Eine Utopie des Österreichischen Habsburger-Staates, der so perfekt nie war, wie er hier gezeichnet wird, aber dessen innere Verfassung so etwas ermöglicht hätte, wie Hans Alt es sich im Roman wünscht: Österreich als Staatenverbund, der die Geißel des Nationalismus in Überstaatlichkeit auflöst.

„Sie werden den größten Erfolg haben, den man in Wien überhaupt haben kann: Die Leute werden sich über Sie ärgern!“

Über „Der Engel mit der Posaune“ zu schreiben, heißt auch, immer am richtigen Punkt aufhören. Denn – anders als bei den meisten Roman, die es wert sind, beschrieben zu werden – erwächst der Spaß am Lesen hierbei nicht am Formprinzip. Ernst Lother verlagert die Spannung wieder zurück vom „Wie ist es geschrieben“- auf das „Was ist passiert“-Prinzip und gerät damit immer wieder in die Nähe zur Trivialliteratur. Doch wer sich durch die Dickichte des persönlichen Dramas der Protagonisten schlägt, wird dahinter eine sehr kluge Gesellschaftsgeschichte Österreichs entdecken. „Der Engel mit der Posaune“ ist eine längst überfällige Wiederentdeckung und ein im besten Sinne sehr unterhaltsamer und kluger Roman.


Wir danken dem Zsolnay-Verlag für das Rezensionsexemplar.