Es gibt nur Geschichten: Paula Fürstenbergs „Familie der geflügelten Tiger“

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Nicht nur der BRD-, sondern auch der DDR-Roman hatte in den letzten Jahren Konjunktur: Lutz Seilers mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichneter Roman „Kruso“ oder Guntram Vespers Monumentalwerk „Frohburg“, das in diesem Frühjahr den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, sind nur die aktuellsten und erfolgreichsten Beispiele. Die oft sehr detaillierten und ausladend erzählten Schilderungen der Lebenswelten während der innerdeutschen Teilung sind geographisch eher in der Kleinstadt angesiedelt. Ein Gegengewicht in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur bildet da der ebenso beliebte Berlin-Roman, der das Leben in der Großstadt nach der Wiedervereinigung thematisiert. Paula Fürstenberg hat mit ihrem bemerkenswerten Debüt „Familie der geflügelten Tiger“ gleichzeitig einen DDR- und einen Berlin-Roman vorgelegt, der zwar die gängigen Motive aufgreift, aber einen eigenen, neuen Weg findet, den Stoff zu verarbeiten.

Während die Freunde und Mitschüler nach dem Abitur reisen oder zumindest in einer fremden Stadt studieren gehen, zieht es Johanna Haller, die Ich-Erzählerin von „Familie der geflügelten Tiger“ nach Berlin, um dort eine Ausbildung zur Straßenbahnfahrerin zu machen. Ihre Heimat, die Uckermark, und ihre tierverrückte Mutter Astrid, die Igel oder Vögel mit gebrochenen Flügeln beherbergt und aufpäppelt, lässt Johanna hinter sich. Alles scheint gut – die Ausbildung macht ihr Spaß, sie verliebt sich in ihren Kollegen Karl – bis Johanna ein Anruf ihres Vaters erreicht – sein erster Anruf überhaupt, denn als er neunzehn Jahre zuvor, im Oktober 1989, einfach verschwunden war, hatte er nicht angerufen, sondern lediglich eine Postkarte ohne Kontaktadresse geschickt.
Jens Borg, so der Name von Johannas Vater, von dem sie nur Geschichten kennt, meldet sich nicht grundlos: er hat Krebs im Endstadium und nur noch wenige Monate zu leben. Seine andere Tochter, Johannas Stiefschwester Antonia, überredet ihn zur Kontaktaufnahme. Johannas Fragen an ihren Vater, warum er die Mutter verließ und sich nie meldete, bleiben jedoch unbeantwortet. Auch Jens scheint wenig Interesse im Leben der Tochter zu haben:

Er behandelte mich, als wäre ich eine zwar willkommene, aber beliebige Abwechselung am Sterbebett, der man keine Fragen stellte.

Noch bevor sie ihren Vater konfrontieren kann, verstummt er aufgrund seiner Krankheit. Und so versucht Johanna, der Vergangenheit, der Geschichte des Vaters und seines Verschwindens, selbst auf den Grund zu gehen, sie zu rekonstruieren. Sie befragt ihre Mutter Astrid, ihre Stiefschwester Antonia und ihre Großmutter, Jens‘ Mutter Hilde: alle haben eine andere Theorie zum Verschwinden von Jens Borg, dem gelernten Schmied und Sänger der Band „Die geringelten Strümpfe“, im Oktober 1989. Ihre Mutter hat Johanna von kleinauf erzählt, ihr Vater hätte „rübergemacht“, Antonia glaubt zu wissen, er sei von der Stasi beobachtet und inhaftiert worden, Hilde behauptet, er sei nach Berlin gefahren, um dort den Sozialismus zu retten und den Mauerfall zu verhindern. Als sie versucht, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, in dem sie bei der BStU die Stasi-Akten ihres Vaters einsieht, stößt sie auf Widerstand: Auch wenn ihre Geschichten widersprüchlicher nicht sein könnten, sind sich ihre Schwester, ihre Mutter und ihre Großmutter einig, dass Johanna die Akten nicht einsehen sollte.

In einer Familie gibt es keine Wahrheit, es gibt nur Geschichten.

Johanna beginnt, ihre eigene Version der Geschichte um die Vergangenheit von Jens aufzuschreiben. Auf dem Flohmarkt kauft sie sich eine DDR-Schreibmaschine und beginnt, die Stasi-Akte ihres Vaters selbst zu verfassen. Nach jedem zweiten Kapitel finden sich typographisch abgesetzte ‚Einschätzungen der Zielperson‘, Vernehmungsprotokolle oder Berichte über die ‚Gesinnung der Zielperson J.‘. Als „IM“ [Inoffizieller Mitarbeiter] unterschreibt sie die Dokumente mit dem Namen Selene, der nach dem Doppelselbstmord ihrer Eltern verwaisten Tochter von Kleopatra.

Ähnlich wie bei der Ebstorfer Weltkarte, die in Johannas Wohnung hängt, füllt sie ihre Wissenslücken mit Mythischem. Der titelgebende „geflügelte Tiger“ ist Teil der im Mittelalter gestalteten Weltkarte. Auf der Suche nach der Geschichte ihres Vaters und damit auch letztlich der eigenen Identität begibt sich Johanna immer weiter zurück in die Vergangenheit, sie sucht die Spuren der DDR, mit der die Geschichte des Vaters eng verbunden zu sein scheint und von der sie selbst als Wendekind nur vages Wissen hat.

Von hier oben kam mir Berlin vor wie ein einziger großer Friedhof, ein Epochenfriedhof.

So ist es symptomatisch, dass Johanna eine Ausbildung zur Tramfahrerin macht, und nicht etwa zur S-Bahn- oder Busfahrerin, da das Tramnetz allein in Ostberlin verläuft. Auch sonst bewegt sich der Roman geographisch allein in Ostberlin und an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze entlang. Auch die Suche nach den Spuren der DDR wird von Leerstellen bestimmt – die Mauer steht nicht mehr (bis auf die Gedenkstätten an der Bernauer Straße und am Spreeufer), der Palast der Republik ist abgerissen, an selber Stelle wird das historische Stadtschloss nachgebaut. Das DDR-Museum, das Johanna zusammen mit Antonia besucht, liefert auch keine Antworten. Eine der Fragen des Romans scheint, wie Friederike Oertel in ihrer Besprechung im Tagesspiegel richtig schreibt, zu sein, wie viel DDR  in den Wendekindern steckt.

Was wirklich im Oktober 1989 mit Jens passiert ist, weiß weder Johanna noch der Leser am Ende mit Gewissheit. Es scheint jedoch, als hätte sich sein Verschwinden durch verschiedene Zufälle einfach ergeben, keine der Geschichten von Astrid, Antonia und Hilde scheint wahr zu sein – Jens‘ Verschwinden hat nichts mit der DDR zutun. In erster Linie ist ist „Familie der geflügelten Tiger“ daher kein DDR-Roman, sondern ein Roman über das Konzept Erinnerung und über das Familiengedächtnis.

Es lassen sich dabei klare Parallelen zu dem 2012 erschienen „Vielleicht Esther“ von Katja Petrowskaja erkennen: Erinnerungen und Familiengeschichten werden vor allem über bestimmte Momente, Annekdoten geprägt, die sowohl Fürstenberg als auch Petrowskaja in ihren beiden Debüts durch eine szenische Erzählweise und sehr kurze Erzählabschnitte bzw. Kapitel spiegeln. Bei beiden Romanen geht es auch um die Frage, was die Geschichte der Familie mit der eigenen Identität zu tun hat. Ein entscheidener Unterschied zwischen „Familie der geflügelten Tiger“ und „Vielleicht Esther“ ist die Sprache: während Petroswskaja in ihrem „Geschichten“, wie sie sie selbst nennt, poetische Bilder assoziativ verbindet, ist Fürstenbergs Ton nüchtern und eher schmucklos, aber präzise.
Den DDR-Roman erfindet Paula Fürstenberg in ihrem gelungenen Debüt auf erfrischende, junge Weise neu, in dem sie die Folgegeneration, die Wendekinder, erstmals in den Fokus rückt.


Wir danken Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar.

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