Eugen Ruge: Den Blick nach Osten

Ruge

Die deutsche Literatur schaut in den Osten – und der Osten schaut zurück. Olga Grjasnowa, Katja Petrowskaja oder Nino Haratischwili sind Repräsentantinnen einer unübersehbaren Bewegung von deutschen Schriftstellerinnen, die ihre Wurzeln in Osteuropa haben und in deutscher Sprache die verlassene oder verlorengegangene Heimat thematisieren. Auch Eugen Ruge hat seine ersten Lebensjahre in Russland verbracht und passt gleichzeitig so gar nicht in diese Reihe. Er ist in jenem sibirischen Tiefland geboren, in das sein Vater, Wolfgang Ruge, deportiert wurde. Damit bildet seine Biographie das Muster für eine intrikate Konstellation: Die Sowjetunion als Vorbild realsozialistischen Welt, das gleichzeitig dessen Schlächter ist.

2011 kam sein Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ heraus, der genau diese Konstellation aufgreift. In der Presse als der neue „Buddenbrooks“ gefeiert, erzählt er die Familiengeschichte vierer Generationen, die aufgrund ihrer historischen Erfahrungen alle einen anderen Standpunkt zur DDR und den politischen Verhältnissen einnehmen: Wilhelm Powileit, ein Kommunist erster Stunde, der den Zweiten Weltkrieg im Mexikanischen Exil verbringt, Kurt Umnitzer, der wegen seiner kritischen Einstellung zum Hitler-Stalin-Pakt zu zehn Jahren Haft in sibirischer Deportation verbringen muss, Alexander Umnitzer, der sein Leben in der DDR verbringt und an den Lebenslügen der DDR leidet und Markus Umnitzer, der zu jener Generation gehört, in der die DDR schon zu Beginn der Teenager-Zeit Geschichte ist.

Der Kommunismus, Charlotte, ist wie der Glaube der Azteken: Er frisst Blut.

Anders als Thomas Mann erzählt Eugen Ruge keinen stringenten Familienroman. Als narrativer Anker fungiert der 1. Oktober 1989 und rundum ranken sich in montageartiger Setzung Episoden aus dem Leben der Familie. Die DDR dieses Romans scheint durch die örtliche und zeitliche Verortung in ihrer faktischen Abschottung entgrenzt. Sie ist nicht die ländliche Öde wie in Petzolds „Barbara“, sondern ihre Orte sind Mexiko City, Moskau und Ost-Berlin. Das zeigt auf, mit welchen Biographien verschiedene Generationen sich zur DDR in Beziehung setzen und welche Lebensläufe die sozialistischen Grausamkeiten möglich gemacht haben.

Korrumpiert? Ich bin korrumpiert? Du hast vierzig Jahre lang geschwiegen, schrie Sascha. Vierzig Jahre lang hast du es nicht gewagt, über deine großartigen sowjetischen Erfahrungen zu berichten.

Der Schweige-Topos des Kriegs entblößt die ganze Infamie, die der politischen Geschichte der DDR inne liegt. Viele ihrer Erbauer haben während der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ihre ganze Hoffnung in die Sowjetunion gelegt. Doch was sie vorfanden, war nur noch mehr Terror. Exemplarisch wird an Kurt Umnitzer verdeutlicht, wie das sozialistische Projekt mit einer Lebenslüge begann und dann weiterführte, um der Bankrotterklärung zu entgehen.

Doch dem Text geht es nicht darum, Täter und Opfer zu vertauschen. Es ist ein Teil dieses grausamen Narrenkäfigs namens DDR. Das politische Projekt hatte keinen Sinn für Geschichte(n). So wie die geknebelte Generation deutscher Widerstandskämpfer ihre Erfahrungen in der Sowjetunion der politischen Linie unterwerfen mussten, so mussten nun Russen damit Leben das auf dem Rücken junger Nationalsozialisten der Bruderstaat aufgebaut wurde. Das immer wieder zitierte „Lied von der Partei“ macht darauf aufmerksam, worum es geht: Die öffentliche Wahrheit mit der persönlichen zu unterwandern. Dafür bildet der Familienroman das Vehikel, in dessen Rahmen sich an einem Exempel alle Widersprüche dieser Zeit wiederfinden.

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