Eugen Ruges „Follower“: Die Mirabellen-Zeit ist vorbei

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Die DDR ist längst zu einer Chiffre für den Überwachungsstaat an sich geworden. Erst im letzten Jahr erschien Jonathan Franzens „Purity“, in dem die DDR nur noch als Kulissenstaat und historische Folie auftrat, um das Problem der Überwachung im digitalen Zeitalter zu bebildern und den Umgang mit Dissidenten zu erleuchten. Zwar ist die konkrete DDR und ihre Schicksale immer noch sehr präsent, wie bei Christoph Hein oder Guntram Vesper, doch je weiter sie im historischen Verlauf nach hinten rückt, wird deutlich: der Staat mag untergegangen sein, die Wunden, die er geschlagen hat, verheilen so langsam, aber das Prinzip Überwachung ist aktueller denn je. Einen ihrer letzten großen Auftritte hatte die DDR in Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, einer Familiengeschichte über sozialistische Enttäuschungen an beiden Enden; derer, die sie aufgebaut haben und derer, die spät in sie hineingeboren wurden. Nun ist Ruge mit einer Dystopie zurück und auch hier lässt ihn der ostdeutsche Staat als Erklärungsmuster nicht los.

Anders als in der DDR hat sich in der Welt des Jahres 2055 der Kapitalismus in seiner extremsten Form durchgesetzt. Protagonist Nio Schulz lebt in China, das mittlerweile unter vier Großkonzernen aufgeteilt ist, in dem sie walten und schalten können. Das Leben in der nicht allzu fernen Zukunft ist höchst artifiziell und Technologien sind zu ganz selbstverständlichen Teilen des menschlichen Lebens geworden: „Der Himmel über dem Großen Brunnenplatz von Wú Chéng ist eine Fälschung, man sieht es daran, dass er an den Rändern stärker blau ist als im Zenit.“ Unter dem Fake-Himmel von Wú Chéng (übersetzt: „keine Stadt“) ist das Leben trist geworden. Vor lauter digitaler und simulierter Oberflächen hat Nio Schulz, der eines Tages in seinem Appartement aufwacht, völlig die Orientierung verloren – im räumlichen, wie im metaphysischen Sinn: „… trotzdem wunderte er sich und war zugleich verwundert darüber, dass er sich mitten in der Nacht plötzlich darüber wunderte, nämlich über die Tatsache, dass man das eigene Gehirn gar nicht wahrnahm, den Ort, wo das Ich sitzen müsste […]“

Oberstes WTO-Schiedsgericht bestätigt das Recht auf wirtschaftliche Verwertung des eigenen Todes

Dazu drängt die Frage des Nachwuchses. Schulz lebt mit einer Lebensgefährtin zusammen, doch die von Leistungsdruck durchzogene Gesellschaft lässt ihn zweifeln, ob sein Erbmaterial dem Ideal entsprechen würde. Natürlich hat der Kapitalismus Wege – und da ist „Follower“ ganz zeitgenössisch – gefunden, die Ärgernisse der Schwangerschaft zu minimieren. Ein Leihmuttersystem hat den konventionellen Prozess des Kinderkriegens ersetzt, das alle Komforts bietet, die man sich denken kann:  „Schulz‘ Schulfreund Linus schickte über Instagram ein Foto seiner noch namenlosen Tochter direkt von der Webcam im Bauch unserer ukrainischen Leihmutter“. Über den Newsfeed der dpa, denn der Familienzusammenhang hat sich längst aufgelöst, erfährt er vom Tod seines Großvaters und dass dieser in einer selbstironischen Volte des Autors ein Buch namens „Follower“ geschrieben hat.

Sein logisches Denkvermögen triumphierte mit dem unanfechtbaren Schluss, dass auch die Nachbildung eines Hotelzimmers nichts anderes wäre als ein Hotelzimmer.

Als Nio Schulz eines Tages verschwunden ist, konterkariert das alles, wofür der digitale Überwachungsstaat steht. Dass jemand nicht in jedem Moment seines Lebens geortet und vermessen werden kann, ist etwas, das eigentlich nicht vorkommt. Zwar wird das Verschwindens Schulz‘ erst ganz am Ende des fast durchgehend aus der personalen Perspektive des Protagonisten erzählten Romans geschildert, doch das etwas im Argen liegt, deuten die immer wieder zwischengeschobenen Berichte der EUSAF (European Security and Anti-Terror Facilities) an. Das führt zu dem interessanten Umstand, dass Figuren nicht vom personalen Erzähler eingeführt werden, sondern die eigentliche Charakterisierung in Form von Akten vorgenommen wird, in denen sich Statistiken und Graphen zu deren Wesen, Sozialverhalten, Bewegungsdaten finden: „Formtyp: „Hundeschnauze“ – Mitarbeitertyp (mittlere Ebene), durchsetzungsfähig, stressfest, intelligent, mäßige Kreativität bei relativ hoher Zuverlässigkeit“.

Um 6:34 stand Nio Schulz, einen Decaff-Soja-Macchiato mit natürlichem Ephedrin in der Hand, am hermetisch verschlossenen Fenster seines Hotelzimmers und dachte an das absurde Gespräch zurück, das er eben geführt hatte.

„Follower“ ist als Suada auf den modernen Überwachungsstaat geschrieben. Mit der Faust in der Tasche werden die glitzernden Konsumwelten vermessen, die eigentliche Handlung hat sich – auf der Zeitebene der Behördenberichte – schon vollzogen. Die neue Welt ist unserer Gegenwart kaum entrückt, viel mehr zugespitzt. Ähnlich wie es auch Anja Kümmel in dem großartigen „V oder die vierte Wand“ beschreibt, ist der Bezug zur Umwelt und zum eigenen Körper nur noch medial vermittelt: Gesundheitsapps zeigen an, wenn man Hunger hat, Werbung übernimmt die Rolle tatsächlicher Erfahrungen mit Menschen oder der Natur. Die konsumistische Ideologie  hat mittlerweile alles eingemeindet. Im Kaufhaus gibt es „Pilotenstiefel von JOOOP!“, die wunderbar „zur modischen Kurzburka“ passen, die gendertheoretischen Sprachvariationen sind zur offiziellen Ordnung geworden, was bis zur nachträglichen Umschreibung historischer Zitate reicht: „Wer das Dao hat, kann gehen, wohin er/sie/trans will“ Der Kapitalismus vermag selbst das einzugemeinden, was ihn einst abschaffen wollte, den Schrecken zum Erlebnistrip zu machen: „meinten sie Mao Dsedong? – eine amerikanische Restaurantkette, ein Mode-Label (worker style) und eine Extrem-Reisen-Agentur: Drei Wochen leben wie unter Mao: der ultimative Trip“.

Die Welt ist nur noch über Surrogate erfahrbar. Der Himmel ist unecht, das Essen besteht aus Ersatzstoffen: „Kaiserschmarrn eifrei milchfrei mehlfrei und ohne Zucker“. Ruge lehnt sich mit seiner Beschreibung der Zukunft nicht allzu weit aus dem Fenster, schließlich lassen sich all diese Trends schon heute ablesen. Doch der Frontalangriff auf die Moderne fällt unterkomplex aus. Anstatt herauszuarbeiten, warum die modernen Lifestyle-Ideologien wie Veganismus in ihrer Affirmation zu bestehenden Abhängigkeitsverhältnissen der Umarmung des Kapitalismus nichts entgegensetzen können, ruht der Autor sich auf ein paar müden Latte Macchiato-Tofu-Witzchen aus, wie man sie jeden Tag über den Prenzlauer Berg hören kann.

Schulz futtert Goji-Beeren
als Kind fällt ihm ein, hat er Mirabellen gefuttert, direkt vom Baum

Noch bunter treibt es der Autor, der scheinbar vor dem Schreiben des Romans zu oft Terrence Malick geschaut hat, wenn die Narration plötzlich abbricht und der Text die Entstehung der Welt erzählt – alles nur für die ziemlich müde Pointe: welch Zufall, dass es uns es gibt! „Follower“ ist leider kein guter Text und das beweist der Roman ganz zum Schluss noch mal eindrücklich. Zwar ist es nicht die Aufgabe von Literatur, konkrete Lösungen für die Misere des technologischen Zeitalters anzubieten, doch so aggressiv der Text die meiste Zeit auftreten mag, so kleinmütig wird er zum Schluss. Er flüchtet sich in Kindheitserinnerungen, Nostalgie. Dem modernen Horror wird die Landarbeit des Großvaters entgegengestellt: „wenn man die Luft anhält, dann hört man das leise Zing-Zing von Großvaters Sense.“ Gähn.


Wir danken Rowohlt für das Rezensionsexemplar.