Eva Menasses „Tiere für Fortgeschrittene“: Die Literatur ist eine demente Frau

Tiere für Fortgeschrittene

Wenn Eva Menasse nicht mit ihrem eigenen Werk in Erscheinung tritt, fällt sie vor allem als Botschafterin Heimito von Doderers auf, als dessen Expertin sie den Autor auch weit über die Grenzen Österreichs im kulturellen Gedächtnis hält. Wer bei Doderer in die Schule geht, hat ein Verständnis für das Formprinzip von Literatur. Kein literarischer Technokrat, aber ein verspielter Autor war er, der das Schreiben auch immer als Experiment verstand. Eva Menasse teilt diese Lust am literarischen Spiel, deren neuestes Ergebnis der Erzählband „Tiere für Fortgeschrittene“ ist und wieder einmal beweist, wie unterschätzt die Gattung ist.

Um keine Missverständnisse darüber aufkommen zu lassen, dass es hier um etwas anderes geht, als die Arbeit am narrativen Werkzeugkasten, setzt Menasse vor jede Erzählung eine kurze Tierparabel. Da heißt es dann „Auf der Suche nach Nahrung werden Bienen und Schmetterlinge auch an ungewöhnlichen Plätzen fündig“ oder aber „Tabakschwärmer-Raupen schaufeln sich ungewollt selbst ihr Grab, wenn sie fressen.“ Im Grunde hat sich dadurch schon immer alles ereignet, bevor die Erzählung überhaupt angefangen hat – und lenkt die Aufmerksamkeit vom „was passiert“ auf das „wie passiert es“. Solch ein Erzählen lässt sich bei den österreichischen Meistern wie Doderer oder Perutz studieren und kaum jemand kennt sich auf diesem Feld besser aus als Eva Menasse. So passt es auch, dass direkt in der ersten Erzählung schon jemand gestorben ist: „Ihr Jugendfreund Martin ist gestorben, und Tom, die Frau, die auf einem Männernamen besteht, sitzt ratlos am Computer und bucht einen Türkeiurlaub.“ Das eigentlich Wichtige ist schon passiert.

Das Hotel ist eine Freizeitfabrik von erträglichen Graden.

Doch bei aller Freude am pro- und analeptischen Erzählen ist Menasses Literatur nicht nur aus Papier. Sie schafft es – auf der kurzen Strecke einer Erzählung – farbige Figuren zu zeichnen, deren Schicksal dem Leser nahegeht. Dabei ist in nahezu allen Erzählungen die Familie die Keimzelle des Unglücks: Eine demente Ehefrau, ein verlassener Ehemann, eine Familie im All-inclusive-Urlaub, Eva Menasses hier versammelten Erzählungen kreisen um Familien (oder allgemeiner: Gesellschaften) als Schicksalsgemeinschaften, die mit dem Tierreich die zyklischen Bewegungen gemeinsam haben: „Meine Mutter sagt, die Geschichte wiederholt sich.“

In Griechenland lässt man erst einen Esel auf den Berg steigen, dann legt man den Weg nach seiner Spur an, antwortete er.

Menasse erzählt Geschichten, die man kennt. Deshalb ist eins der Themen aller Erzählungen auch Varianz: „Jeden deutschen Satz kann man in so vielen Varianten schreiben. Sein Leben war erfüllt von Liebe und Sorge für seine Familie. Liebe und Sorge für seine Familie erfüllten sein Leben. Sorge und Liebe. Hieß es nicht, Liebe für, aber Sorge um? Seine Familie war das Zentrum seines Lebens, sein ganzer Stolz. In seiner Liebe zu ihr, zu wem, zur Familie …“

Die Erzählung, in der das am offensichtlichsten wird, heißt „Raupe“ und erzählt von um Konrad und Grete. Grete ist dement und wird von ihrem Mann Konrad gepflegt. Der muss nicht nur die Krankheitserscheinungen seiner Frau ertragen, sondern auch die Einmischungen der Töchter, die klare Vorstellungen darüber haben, wie die Eltern ihr Leben zu führen haben. Grete ist, wie viele Demenzkranke, eine Person mit viel Geschichte, aber wenig Gegenwart. Gespräche laufen in einer Dauerschleife, Konrad kann ihre Antworten und Aussagen im Grunde zu jeder Zeit antizipieren. In einer dieser Situationen antwortet Konrad auf die Frage „[D]as wollte ich gerade sagen, woher weißt du das?“ mit: „Du hast es schon tausendmal gesagt“.

Nach dem Streit mit Katharina zog sich Konrad fast unverzüglich in den Keller zurück, um weiter an seiner Todesanzeige zu arbeiten.

Sehr geschickt schiebt Menasse der Geschichte um eine Ehe in den Fängen einer Krankheit eine metaliterarische Beschreibung grundsätzlicher Rezeptionsvorgänge unter: Die Literatur ist diejenige, die alles schon tausendmal gesagt hat und der Rezipient ist der, der es merken kann. Die Kunst ist es, beide Dimensionen der Geschichte – poetologische Beobachtungen und die ganz handfeste, alltägliche Dramatik einer Ehe – zu verknüpfen und dem jeweils anderen nicht die Luft zu atmen zu nehmen; und das gelingt der Autorin. So funktionieren viele der Geschichte, die sich scheinbar profanen Themen annehmen (ein Elternabend, der sich um die Aufklärung eines Vorfalls in der Klasse dreht und in dessen Zuge ein Schulklässler aus dem Libanon verdächtigt wird) und darüber verhandeln, wie Literatur sich verschlüsselt, was eigentlich offen zu Tage tritt, wie wir vorverurteilen (wie im Fall des libanesischen Schülers) und was dann an Geheimnis doch immer noch unter der Oberfläche liegt.

Und was nimmt man davon eigentlich mit? Man war an einem anderen, einem vollkommen fremden Ort, man hat ein bisschen mehr Sonne gesehen. Ist im Meer geschwommen. Und sonst?

Die Gattung der Erzählung eignet sich für die Thematisierung literarischer Varianzen natürlich ganz besonders gut und ist damit ein weiteres Plädoyer für diese vielgeschmähte Spielart der Literatur. In Eva Menasses kurzen Texten begegnen einem nicht nur die Schrecken des Alltags, sondern ganz viel Literaturtradition – eine Tradition, die in der deutschsprachigen, nein, in der deutschen Gegenwartsliteratur fast vollständig ausgestorben ist. Perutz, Torberg, Doderer, sie alle schreiben mit an diesen Erzählungen und kaum jemand versteht es so gut wie Eva Menasse, die Stimmen der Vergangenheit zu orchestrieren und ihnen einen Platz in der Gegenwart zuzuweisen.


Wir danken Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsverlag.

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