F.C. Delius: Deutschlands komplizierter Beziehungsstatus

Liebesgeschichtenerzählerin

Kann man zweihundert Jahre als Liebesgeschichte erzählen? Man kann es zumindest versuchen. F. C. Delius begibt sich für seinen neusten Roman „Liebesgeschichtenerzählerin“ knietief in die deutsche Historie und zieht den Rahmen von den napoleonischen Kriegen bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Gleich drei Liebesgeschichten legt der Autor übereinander und möchte dabei zeigen, wie sich Menschheitsgeschichte immer auch als Liebesgeschichte vollzieht. Doch der eigentliche Fokus liegt auf einer vierten Beziehung, die spätestens im 20. Jahrhundert bitterlich enttäuscht werden wird: „Liebesgeschichtenerzählerin“ ist ein Roman über den Verlust der geographischen und geistigen Heimat. Das ist leider so pathetisch wie es klingt.

Marie von Schabow hat sich endlich ein Herz gefasst. Nach ersten literarischen Erfolgen nimmt sie nun Kurs auf ein Projekt, das schon lange im Inneren rumort – ihre Familiengeschichte. Adelsfamilien verfügen immer über eine historische Tiefe, die weit über ein Land hinausweist und so führt diese Geschichte nach Rotterdam. Dort vermutet Marie Informationen über Minna zu finden, eine uneheliche Tochter Wilhelms I. von Oranien-Nassau – dem großen Reformator der Niederlande. Minna wird zum mecklenburgischen Provinzadel abgeschoben, womit die Spur nach Deutschland gelegt ist.

Schreib das, schreib das auf, in dem raunenden Chor meinte sie auch die Stimme ihres Vaters zu erkennen […]

Von dort aus führt die Geschichte weiter zu Maries Vater, Hans von Schabow. Dieser war U-Boot-Kommandant im Ersten Weltkrieg und glühender Royalist. Der Krieg endet für ihn mit einem letzten Triumph: er schafft es, dass sich seine Besatzung nicht der Revolution anschließt, die seinen geliebten Kaiser ins Exil treiben wird. Doch dieser Erfolg trägt nicht über das Scheitern einer Epoche. Deutschland verabschiedete sich von einer Gesellschaft, die aristokratisch geprägt war und damit von allem, an das Hans von Schabow glaubte. Der Drang zum Schreiben, der zum Anlass dieser Familienchronik bei Marie wird, ist auch schon im Vater angelegt. Dieser schreibt aus der Situation des Krieges heraus Liebeslyrik an seine Frau. Der Schmerz und die Verlusterfahrung des Krieges übersetzen sich in Literatur.

Fontane hat auch erst in deinem Alter angefangen […]

Eine „jahrhunderttypische Lebensgeschichte“ soll der Vater abbilden, das behauptet der Roman. Sie ist insoweit typisch, als dass der Vater sich der deutschen Sehnsucht nach Ordnungssystemen hingibt und das Eiserne Kreuz durch das Jesuskreuz eintauscht – „Vom Kaisergehorsam zum Gottgehorsam“ – und nach dem Ersten Weltkrieg bis in die nationalsozialistische Diktatur als Missionar für die göttliche Sache auftritt. Allerdings mag die Überlegung erlaubt sein, ob seine Lebensgeschichte nicht noch jahrhunderttypischer gewesen wäre, wenn er sich für ein anderes Kreuz, für das Hakenkreuz, entschieden hätte. Diese deutsche Epoche beäugt die Familie von Schabow in Form von Hans und Marie aus einem naserümpfenden Außen. Sie sind keine Widerständler, aber auch keine Täter.

Die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs schildert der Roman vor allem als sich weiterschreibender Verlust von Heimat und Tradition: „Mecklenburg war verloren, in Bezirke aufgeteilt, eine Wiedervereinigung aussichtslos, berühmte Namen wie Güstrow und Binz sanken ins Vergessen […]“. Das Mecklenburg, auf das sich die Legitimation des Adelsgeschlechts beruft, wurde erst vom Adel befreit, schließlich fiel es der Teilung Deutschlands zum Opfer und in die Hände der Bolschewisten, die freilich wenig Interesse daran hatten, die Befindlichkeiten des ansässigen Landadels bei Staatsreformen zu beachten. Mit dem Verlust von Traditionen droht auch der Verlust der Erzählungen, die sich an diese Orte knüpfen.

Ein Satz, der den Direktor zu alarmieren schien, Romane erst recht, sagte er, Romane werden ja gelesen, was man von unsern historischen Zeitschriften nicht behaupten kann […]

Die letzte Pointe ist schließlich auch die letzte Wendung der deutschen Geschichte: Die Familie wird vertrieben und geht in den Westen. Dort ist wiederum das Land die eigentliche Hauptperson: Per Rheinfahrt geht es an der Loreley vorbei, die aufgeladen ist mit der Lyrik Heines, Brentanos und Eichendorffs. An diesen Beispiel wird der Grundgedanke „Liebesgeschichtenerzählerin“ deutlich: Deren Lyrik verband das Liebesmotiv immer mit einer individuellen und einer vaterländischen Liebe. Doch nach den Jahrzehnten und zwei Weltkriegen ist dieses Verhältnis zu Deutschland mehr als gestört. Die angesungene Loreley glänzt nicht mehr.

Delius erzählt diese Familienzusammenhänge bewusst nicht chronologisch, um die Verirrungen nicht zu verlieren, in denen diese Liebesgeschichten verlaufen sind. So besteht der Roman in einem ständigen narrativen Spiel wechselnder Perspektiven, das dadurch verstärkt wird, dass jeder Absatz für sich alleine steht und wahlweise auch anders angeordnet vorstellbar ist. Dass der Autor keine Idee zu seinem Text gehabt hätte, ist daher nicht das Problem. Viel mehr überhebt sich der Roman an jeder Stelle, auf seinen zweihundert Seiten zwei Jahrhunderte einzufangen, genauso wie er es nicht schafft, dem aufblühenden Pathos, der im Sprechen über die verlorene Heimat Herr zu werden. So wabert die Erzählung über weitere Strecken diffus vor sich hin, als ob hier eine Gelegenheitsschrift so tun möchte, als sei sie etwas Fertiges. Vor allem das eigentliche Thema der Liebe bleibt merkwürdig angedeutet und dort, wo Pointen gesetzt werden, bleiben sie leider trivial: Dass sich in der romantischen Schwärmerei des 18. Jahrhunderts die ganze Ambivalenz deutscher Kulturgeschichte abbilden lässt, bleibt ein spannender Gedanke, der hier aber nicht besonders gelungen zur Darstellung gebracht wird. Oder um es mit Peter Rühmkorf zu sagen: „Die Loreley entblößt ihr Haar / am umgekippten Rheine… / Ich schwebe graziös in Lebensgefahr / grad zwischen Freund Hein und Freund Heine.“ Delius‘ „Liebesgeschichtenerzählerin“ ist bei diesem Drahtseilakt leider abgestürzt.


Wir danken dem Rowohlt-Verlag für das Rezensionsexemplar.