Ferdinand von Saars „Leutnant Burda“: „Heute würde man ihn wohl einen Stalker nennen.“

Es ist ein kurzer Weg vom ‚Leutnant Burda‘ zum ‚Leutnant Gustl‘“, schlussfolgert Daniela Strigl im Nachwort zum nun im Kampa Verlag wiederaufgelegten „Leutnant Burda“. Geschrieben hat die Novelle Ferdinand von Saar, ein österreichischer Klassiker des 19. Jahrhunderts, der über die Landesgrenzen hinaus mittlerweile fast vergessen ist. Mit dem „Leutnant Gustl“ wird hingegen jedes zweite deutschsprachige Schulkind konfrontiert, Arthur Schnitzler gilt als der Stellvertreter der Wiener Moderne. Worin besteht dieser kurze Weg zwischen dem Literaturweltstar Arthur Schnitzler und dem Österreichischen Insider Ferdinand von Saar? In Sachen Bekanntheit trennt sie ein ganzer Marathon, auch was die ästhetische Avanciertheit betrifft. Doch wenn es um die Darstellung des Manischen geht, dann ist von Saar ganz Wiener.

Leutnant, eigentlich Joseph, Burda, ist zu Anfang der Novelle ein ganz bodenständiger Typ: „Als Vorgesetzter galt er für streng, aber gerecht; Höheren gegenüber trug er zwar eine bescheidene, aber durchaus sichere Haltung zur Schau […]“ Vielleicht ist er etwas von sich selbst überzeugt und daher auch für Flausen im Kopf empfänglich. Diese fördert schließlich sein Oberst, als es zu einem Missverständnis kommt: Um seinen mittleren Namen sichtbar zu machen, weist sich Joseph Burda als Joseph Gf (was für Gottfried steht) Burda aus. Der Oberst geht jedoch davon aus, Burda wäre in den Adelsstand erhoben worden und dürfe sich nun Graf nennen. Für Burda der Startschuss eines Wahns.

Das Regiment erhielt nämliche eines Tages ganz plötzlich den Befehl, in die Wiener Garnison einzurücken, was man damals als besondere Auszeichnung zu betrachten pflegte.

Der findet zum ersten Mal seinen konkreten Niederschlag, als das Regiment nach Wien verlegt wird und sich für Burda ganz neue amouröse Möglichkeiten eröffnen. Er fängt an, einer Frau Briefe zu schreiben, die zunächst als „die jüngste der Prinzessinnen von L…“ vorgestellt wird, über die es heißt: „Die Prinzessinnen L… gehören zu den blendendsten Erscheinungen der aristokratischen Frauenwelt […]“ Als diese unbeantwortet bleiben, heckt er mit Ich-Erzähler und Regimentskamerad den Plan aus, der Prinzessin im Burgtheater aufzulauern, auch wenn es dafür gilt, Mühen auf sich zu nehmen: „Man gab Minna von Barnhelm, welches Stück bei den meisten von uns in dem Rufe stand, langweilig zu sein […]“

„Aber wie, wenn der Brief in unrechte Hände fällt?“

Nachdem auch (Pick-Up-Artists werden sich wundern) nicht funktioniert hat, sie mit intensivem Starren in Richtung ihrer Theaterloge wohlwollend auf Burda aufmerksam zu machen, wandelt sich der kühne Plan, die Frau aus der Wiener High Society zu bezirzen, langsam in eine echte Obsession: „Allein die Prinzessin kann seit einiger Zeit kaum mehr ans Fenster treten, ohne den Herrn Leutnant zu gewahren, der vor dem Palais auf und nieder schreitet […]“ Burda stellt ihr nach, deutet jeden erwiderten Blick, jedes gequälte Lächeln als persönlichen Sieg und Indiz dafür, dass er mit seinem Interesse auf Gegenseitigkeit stößt.

Mochte er sich noch an dieser Täuschung erfreuen, es ist ohnehin die letzte. Aber es war anders beschlossen.

Als das Regiment ein weiteres Mal – auf der historischen Folie zeichnet sich der Krimkrieg ab – nach Prag verlegt und die Prinzessin auch dort gesehen wird, schließt sich die Beweiskette für Burda endgültig. Dass er dann plötzlich nach Wien zurückkehren soll, ficht ihn schon nicht mehr an:  „Man hat offenbar die Absicht, mich in unauffälliger Weise nach Wien und in die nächste Nähe hoher und höchster Persönlichkeiten zu bringen.“

Man kann nun mit Daniela Strigl behaupten: „Klinisch betrachtet, schildert die Novelle den Weg vom Neurotiker zum Psychotiker.“ Und gegen diese Lesart spricht im Grunde auch überhaupt nichts, schließlich erzählt Leutnant Burda die Geschichte einer Obsession, eines Wahns. Allerdings unterschlägt die Lesart, dass es vielleicht abstrakter darum geht, was ein Indiz in der Literatur ist und welche Kausalitäten sich daraus ergeben. Die Schnitzer-Vergleiche liegen zwar nah und in Wien lag noch jeder auf der Freudschen Couch, gleichzeitig sollte man sich vom Naheliegenden nicht zu sehr verführen lassen, dafür ist Leutnant Burda zu vielschichtig.

„Ich verkenne nicht“, fuhr er fort, „welche fast unübersteiglichen Hindernisse sich in den Weg stellen.“

Denn Anfangs ist es durchaus so, dass sich andere von der Wirkung Burdas miteinnehmen lassen: „Die meisten von uns, von einem ähnlichen romantischen Hange beseelt, hielten an der Überzeugung fest, dass Burda infolge seiner Vorzüge ein Auserwählter sei […]“ Und auch später wirkt es stellenweise nicht unplausibel, dass er recht haben könnte.

Der größte Unterschied zum Leutnant Gustl ist schließlich auch die Erzählperspekte. Während der Leser im „Gustl“ dem inneren Monolog des Protagonisten folgt, ist der Leutnant Burda zwar auch von einem Ich-Erzähler getragen, der aber im Abseits steht und eigentlich nur mehr als Beobachtungsinstanz dient, von der aus der Text Burda ins Visier nimmt. Das changierende Nähe-Distanz-Verhältnis von Erzähler und Burda unterstützen den Effekt von verunklarten Kausalitäten.

„Mein Gott! Wenn es sich wirklich so verhielte – wenn alles nur Traum – Einbildung ­­­­­­–“

Würde Burda als Ich-Erzähler auftreten, so wäre sein Wahn weitaus sichtbarer. Durch die Außenperspektive erfährt der Leser einen Protagonisten, der wahnhafte Züge besitzt, allerdings auch gute Gründe dafür findet, sich seinem Wahn hinzugeben. Von Saars Novelle thematisiert im Kern die Frage danach, was ein Indiz ist, wann sich aus vielen Indizien ein Urteil formiert und wie man Kausalitäten bilden kann. Von dort aus ist man schließlich schnell bei der Frage, wie sich Kausalitäten im literarischen Text darstellen lassen, also wie literarische Texte strukturiert sind.

Doch ganz gleich als was man den Leutnant Burda nun lesen möchte – als Text einer psychotischen Episode, als kriminalistische Beweisführung oder als metatextuelle Studie – man sollte ihn lesen. Denn in Ferdinand von Saar gibt es einen kakanischen Kosmos jenseits der Schnitzlers, Zweigs und Doderers zu entdecken.


Wir danken dem Kampa Verlag für das Rezensionsexemplar.