Feridun Zaimoglus „Evangelio“: Vorsicht, leicht entzündlich!

Evangelio

„Luther“ gellts von allen Zinnen – es ist mal wieder ein Jubiläum. Kaum ein Jahr geht mittlerweile vorbei, das nicht in Zeichen irgendeines runden Jahrestages steht. Beginn des ersten Weltkriegs, Wiener Kongress, Ende Zweiter Weltkrieg – die Termine schreiben sich wie von selbst und wirken gleichsam wie ein Konjunkturprogramm für die Buchbranche. Nichts füllt die Auslagen der Buchhandlungen besser als ein zünftiges Jubiläum, das ordentlich Aufmerksamkeit schafft. Nun also Luther. Der deutsche Reformator ist natürlich eigentlich Hoheitsgebiet von Theologen und Historikern, wollte man denken. Doch dann kommt Feridun Zaimoglu mit seinem neuen Roman „Evangelio“ um die Ecke und erinnert uns wieder: vielleicht ist das kostbarste, das uns Luther geschenkt hat, die deutsche Sprache.

Ohne Luther und Reformation keine deutsche Literatur. Die Kombination aus der Schaffung einer deutschen Sprache, wie sie es vorher noch nie ins Schriftliche geschafft hat und der Anspruch der Reformatoren, die Christen aus der geistigen Abhängigkeit der römisch-katholischen Obrigkeit zu führen, hat Deutschland kulturell auf lange Zeit geprägt. Die Philosophie, aber auch die Literatur in ihrem heutigen Zustand wäre ohne das Werk der Reformation nicht möglich. Doch bereits Thomas Mann hat in seinem großen Text „Deutschland und die Deutschen“ auf die Zwiespältigkeit dieses historischen Prozesses hingewiesen: „Die deutsche Metaphysik, die deutsche Musik, insonderheit das Wunder des deutschen Liedes, etwas national völlig Einmaliges und Unvergleichliches, waren ihre Früchte. Die große Geschichtstat der deutschen Innerlichkeit war Luthers Reformation – wir haben sie eine mächtige Befreiungstat genannt, und also war sie doch etwas Gutes. Dass aber der Teufel dabei seine Hand im Spiel hatte, ist offensichtlich.“ Luther setzte sich für die geistige Befreiung der Christen ein, die Juden verteufelte er jedoch. Luther wollte die katholische Obrigkeit entmachten, schlug sich aber auf die Seite jener Herren, die die aufständischen Bauern niederschlugen. Der Eislebener ist bis heute umstritten – welchen Luther präsentiert also Zaimoglu?

Jud und Türck sind Teufels Kotbröckchen, gespeichelt und gebacken.

Der Autor von Romanen wie „Leyla“ oder zuletzt „Siebentürmeviertel“ begibt sich an einen der kritischsten Punkte in Luthers Leben: seinem Exil in der Wartburg. Von dort aus trieb er sein Mammutprojekt der Bibelübersetzung voran. An einen solch historisch entfernten Punkt kann man sich nur aus einer randständigen Perspektive nähern und Zaimoglu erfindet dafür einen Ich-Erzähler, der selbst Außenseiter ist: „Ich bin keiner von ihnen. Bin ein gerauter Kerl, gehobelte, geschliffene Fresse.“ Der Landsknecht Burkhard – welch Name könnte besser zur Feste Wartburg passen – ist eigentlich gar kein überzeugter Lutheraner, wird ihm aber zum Schutz zur Seite gestellt. Im Laufe des Romans wird aus dem Zweifler ein Lebensretter, womit er selbst biblische Qualitäten besitzt. Geschildert wird der alltägliche Wahnsinn an einem Ort, der von ständiger Gefahr durchdrungen ist, weshalb aus „Evangelio“ zum Schluss fast noch ein echter Thriller wird, denn in dieser Burggesellschaft gibt es Menschen, die Luther nach dem Leben trachten.

Der Mönch ward Eremit.

Unterbrochen werden die aus der Ich-Perspektive Burkhards geschilderten Passagen durch Briefe Luthers, in dem er seinen Zwiespalt zur Sprache bringt. Luther, der in der Historiographie immer als ein Mann von eisernem Willen gezeichnet wird, tritt hier als Zweifler, als Gequälter auf. Er sieht um sich herum die Derbheit einer Welt, die den Menschen verroht: „Der Mensch ist geboren zwischen Kot und Brunz.“ Diese Derbheit artikuliert sich im zwischenmenschlichen Umgang und vor allem in der Sprache. Zaimoglus Bild des späten Mittelalters ist aus Kot, Schlamm und Dreck geformt. Vor allem dem menschlichen Hinterteil widmet der Text besondere Aufmerksamkeit. Luther, wie er in „Evangelio“ auftritt, beherrscht diese Sprache selbst – nicht umsonst heißt es, er hätte dem Volk aufs Maul geschaut –, doch ist er darum bemüht, den Menschen aus dieser Verrohung herauszuführen. Er selbst macht sich für diese Veredelung des Menschen zum Vorbild: „Ich hieß Ludder, ich das Doppel im Namen, ich nannte mich nach dem griechischen Wort „eleutheros“ Luther, das will heißen: frei.“

Ich rat dem Mönch die bessre Tarnung an: „Ritter sind nicht reinlich, du wäscht dich zu oft.“

„Evangelio“ ist in der Hinsicht gewagt, als dass Zaimoglu sich in einer imitatio des historischen Tons versucht. Anders als viele historische Romane beschreibt er das fiktive Vergangene nicht im heutigen Alltagston, sondern im damaligen. Das mag man albern finden, doch in seiner zwar humorvollen, aber unironischen Herangehensweise macht sich Zaimoglu tatsächlich zu einer Bauchrednerpuppe des 16. Jahrhunderts. Was ihm dadurch gelingt, ist eine sehr gelungene Hommage an ein Deutsch, welches den Grundstein für alle Formen des Deutschen jeher gelegt hat. Zaimoglu kitzelt damit den literarischen Reiz aus der lutherischen Geschichte heraus, denn die Begeisterung des Reformators für das Wort, die immer wiederholte Formulierung von der „Entzündung“ am Wort, ist das, was ihn mit dem Autor Zaimoglu verbindet, der in diesem Roman selbst lichterloh im Wort brennt.

„Wer martert uns? Nicht der Tatar und nicht der Türck, die Herren sind’s.“

Doch bei aller Begeisterung für Luther ist Zaimoglus Text nicht unkritisch. Denn der Theologe ist nicht nur am Wort entzündet, sein ganzes Wesen ist als bis ins fanatische entflammbar gezeichnet. Sein unerbittlicher Judenhass ist hier ins Psychologische ausgedeutet: „Unser Heiland war Jud, das gerät mir zur Qual.“ Christ zu sein und gleichzeitig auf den Fundamenten des Judentums zu stehen, für Zaimoglus Luther Grund genug, das gesamte Judentum zum Teufel zu wünschen. Und auch sonst fühlt er sich von allem und jedem verfolgt: „Allüberall Beißer und Fresser und Gespensterseher.“ Die Dämonen, die Luther verdammt, sind in diesem Roman auch die inneren Dämonen, die den Eifer immer weiter anstacheln, in einer Welt, die zum Irrationalen ein nahes Verhältnis pflegt. Der nüchterne Burkhard wird für Zaimoglu zu jener Gestalt, die diesem Wahnsinn wenigstens etwas entgegenhält: „Hab noch kein Zauberweib gesehen. Nur Männer, die klagten und hassten.“

„Die Biblia! Alles der Schrift gemäß, das wollen wir sein. Meine neue Schreibart ist teutsch.“

In Feridun Zaimoglus „Evangelio“ brennt es lichterloh, an allen Fronten. Dieser Text legt ein unglaubliches Tempo vor, schlägt Volten, ist furios. Dabei kommt es schon mal vor, dass man sich verrennt und das passiert dem Autor auch an der einen oder anderen Stelle. Dennoch ist der Text vor allem eines: mutig. Denn Zaimoglu wählt nicht den kühlen, ironischen Schulterblick, sondern setzt sich – um in der Derbheit des Textes zu sprechen – mit beiden Arschbacken mitten rein. „Evangelio“ führt in seiner Beschaffenheit wieder dahin zurück, wofür man Luther vielleicht am dankbarsten sein kann und erweist der Literatur damit einen großen Dienst: er erinnert daran, wie aufregend Sprache sein kann.


Wir danken Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar.

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