Flucht in den Westen: Alexandra Friedmanns „Besserland“

friedmann_besserland

Die Thematik von „Besserland“ ist tagesaktuell, nur der historische Kontext ist ein anderer: Sanja, aus deren Ich-Perspektive berichtet wird, emigriert mit ihren Eltern und sucht in Deutschland Asyl. Auf der Odyssee durch Europa lassen sie Habseligkeiten zurück, sie vertrauen auf Schlepper, um die Grenzen Europas zu überwinden und werden über den Tisch gezogen. In ihrem Debütroman „Besserland“ erzählt Alexandra Friedmann die Geschichte einer (jüdischen) Emigration von 1986 bis 1991, die von Weißrussland in die USA führen soll, dann aber doch in Deutschland endet.

Als mit Beginn des Jahres 1987 in Weißrussland, das damals noch Teil der Sowjetunion ist, die Gründung von Kooperationen erlaubt wird, kündigt Sanjas Vater Edik seinen Job beim Gesundheitsamt, wo er die Renovierungen von Krankenhäusern überwacht, und macht sich selbstständig, um seiner jungen Familie durch ein höheres Einkommen ein besseres Leben zu ermöglichen. Seine Strategie geht zunächst auf: er renoviert sämtliche Kliniken in der Umgebung und Lena, Sanjas Mutter, schreibt horende Rechnungen mit imaginären Posten, die den Umzug in eine große Wohnung möglich macht. Doch dann fliegen sie auf und Sanjas Eltern sind Anfang 1989 mittel- und arbeitslos.

Ein Studienfreund des Vaters bringt Edik auf die Idee, nach Amerika auszuwandern. Nachdem dieser dort seine Tante besucht, berichtet er von den paradiesischen Zuständen in den New Yorker Malls, wo Milch und Honig fließen. Dass seine Tante in die USA kam, um Zahnmedizin zu studieren, was ihr in der UdSSR als Jüdin versagt blieb, aber nun in New York in einfachen Verhältnissen lebt, weil das Studium in den USA zu teuer war, verschweigt der Freund der Familie Friedmann. Kurzerhand wird eine Tante in Israel erfunden, eine Einladung gefälscht, und das Ausreisevisum beantragt.

Die Odyssee durch Europa beginnt in Moskau, wo Edik für die Familie durch stundenlanges Anstehen über Tage hinweg ein Zugticket gen Westen ergattert. Zusammen mit der befreundeten Familie Grosmann, die ebenfalls in die USA emigrieren wollen, machen sie sich am 1. August 1989 auf den Weg nach Brest, von wo aus sie über Wien nach Italien und von dort über Israel in die USA ausreisen wollen. Sie fliehen nicht nur vor Armut oder antisemitischer Benachteiligung, sondern auch vor der radioaktiven Wolke Tschernobyls. In Wien angekommen sind sie bereits fast mittellos. Kurzerhand entschließen sie sich, über einen Schlepper nach Deutschland zu gelangen und dort zu bleiben.

Ein bombensicheres Sozialsystem, man bekommt eine Wohnung mit zwei Kinderzimmern, sagt er, Geld für die Möbel, einen neuen Kühlschrank, kostenlose Sprachkurse, bis wir sprechen wie Helmut Kohl, und wenn man spart, kann man sich nach einem halben Jahr ein Auto kaufen, einen kleinen Mercedes oder Volkswagen… ein deutsches Auto, könnt ihr euch das vorstellen… Dort sind die Straße so sauber wie mein Hintern nach der Sauna, sagt Jossik, nicht wie in Brooklyn, wo wir dieselbe ukrainische Räucherwurst fressen werden ein leben lang, wir müssen politisches Asyl beantragen, und wir sind gemachte Leute.

Und tatsächlich: Als die Familien in Schwalbach bei Frankfurt am Main in der Erstaufnahme ankommen, finden sie ein „Schlösschen“ vor, das im Schlaraffenland zu stehen scheint, in dem es Bananen, Kekse, Blue Jeans im Überfluss gibt: die ersten Tage in Deutschland gleichen einem „Kururlaub im Grandhotel“.

Von wegen Vier-Zimmer-Wohnung und Mercedes – das war alles nur Jossiks blühender Fantasie geschuldet.

Aber nach dem ersten Umzug wird klar: so paradiesisch sind die Zustände als Asylsuchende in Deutschland nicht. Die drei Friedmanns und die vier Grosmanns teilen sich zu siebt ein Zimmer, es gibt keinerlei Privatsphäre.
In Kempen, wo sie in einem abgelegenen Bauernhaus wohnen, wird Tolik schließlich sein Geld und seine Asyl-Unterlagen vor dem Supermarkt geklaut.

Als Retter in der Not nimmt sich der örtliche Schulrektor Krämer den Emingranten an, hilft ihnen bei Behördengängen, beim deutsch lernen und beim Suchen einer eigenen Wohnung. Mutter Lena nimmt schließlich ihr Schicksal selbst in die Hand und schreibt einen Brief an die Regierung. Ihrem Asylantrag wird stattgegeben, sie dürfen bleiben. Zum Ende des Romans hin werden erst die Großeltern, dann die Tanten und Cousins nachgeholt, und schließlich sitzt die ganze Familie in Deutschland zusammen, wie sie es wenige Jahre zuvor noch in Weißrussland tat.

Ihre jüdische Abstammung ist für die Familien, von denen Besserland erzählt, nicht mehr als eine Formalität. Ritus und Religion sucht man in diesem Text vergebens. Als einziger Hinweis auf jüdische Tradtionen und Kultur ist Oma Anna zu deuten, die in Deutschland beginnt, jiddisch zu sprechen und gefilte Fisch serviert. Für die jungen Familien ist der „staatlich beglaubigte“, im Pass als Nationalität vermerkte jüdische Glaube ihre Chance, dem kommunistischen System zu entfliehen. Und so konstatiert der Text am Ende selbst:

– „Wie es aussieht, ist das Judentum keine Nationalität mehr und schon gar keine Religionszugehörigkeit“, sagte Papa.
– „Sondern?“, wunderte sich Tante Galina.
– „Na was wohl… ein Transportmittel natürlich.“

Auch wenn Biographismus in der Literaturwissenschaft verpönt ist, gibt es Texte, in denen das sprechende Ich nicht ohne weiteres vom Autor-Ich zu lösen ist.
So ist es auch mit Alexandra Friedmanns Besserland, dem eine Genrebezeichnung wie „Familiengeschichte“ oder „Erinnerungen“ vielleicht treffender beschreiben würde als die Untertitelung „Roman“. Immerhin erzählt hier nicht nur ein Ich, das erst als Sanja vorgestellt und schließlich eindeutig als „Alexandra Eduardowna Friedmann“ identifiziert wird und wie die Autorin selbst 1984 in Gomel (Weißrussland) geboren wurde, darüber hinaus zieren private Familienfotos der Autorin den Buchumschlag.

Am Ende bleibt ein ambivalenter Eindruck. Besserland erzählt spielerisch und mit Humor von einer liebevollen Familie und ihrer Emigrationsgeschichte, die aufgrund engagierter Freiwilliger wie dem Rektor Krämer einen glücklichen Verlauf nimmt, nachdem die Zeiten der Entbehrungen überwunden sind.
An einzelnen Stellen bedient Friedmanns Debütroman aber Vorurteile und Ängste, die im öffentlichen Diskurs der aktuellen Flüchtlingsdebatte immer wieder geäußert werden. Hier wird vom Nachholen der Großfamilie erzählt, die Familien fliehen nicht vor Krieg, sondern primär vor dem aufstiegsbeschränkenden System und der Armut, am Ende setzt sich in Weißrussland eine Emigrationswelle in Form einer „riesigen Menschentraube vor der [deutschen] Botschaft“ in Bewegung, als Bekannte hören, dass es den Friedmanns in Deutschland gut geht. In den falschen Händen kann Besserland wohlmöglich Ressentiments bestätigen. Es bleibt zu hoffen, dass alle Leser dieses Romans die grundlegende Differenz zwischen der Situation Ende der 1980er Jahre und der gegenwärtigen erkennen. Friedmanns Debüt ist unbestritten ein Text, der zum Diskutieren anregt.


Wir danken Ullstein für das Rezensionsexemplar.