Frank Biess‘ „Republik der Angst“: Angst, Angst, Angst sind alle meine Farben

Die „German Angst“ ist ein internationales Phänomen. Die angeblich leichtentzündliche, leicht zu hysterisierende Art der Deutschen hat weltweit von sich Reden gemacht. Grund genug für den Historiker Frank Biess der Deutschen Angst jünger Geschichte eine eigene historische Studie zu widmen, führt sie doch zwei Themen, die gerade en vogue sind, zusammen: Politische Emotionsforschung und die Rückschau auf das westliche Nachkriegsdeutschland. Doch kann man die Geschichte der Bundesrepublik als eine Geschichte der Angst erzählen, ohne Gefahr zu laufen, in allem nur Angst zu erkennen? Es gibt Anlass zum Zweifel.

Deutsche Nachkriegsgeschichte an der Emotion Angst entlang zu erzählen, bedeutet zunächst klarzustellen, als was Angst verstanden wird und woher diese Angst rührt. Zu Punkt 2 stellt Frank Biess klar, dass es keine Kollektivseele gibt, die mit der Angst als eine ihrer grundlegenden Eigenschaften in die Welt gekommen ist, sondern dass wir es bei der deutschen Angst mit einer historischen Konstellation zu tun haben: „Angst – das ist eine Kernthese dieses Buches – war keine nationale Pathologie. Sie resultierte vielmehr aus einer stets präsenten, sich permanent verändernden und dynamischen Erinnerung an eine katastrophale Vergangenheit, die eine angstvolle und zuweilen apokalyptische Zukunftsantizipation nach sich zog.“

„Unser Volk hat beinahe vor allem Angst. Es ist seelisch schwer erkankt.“ Dieter Sattler

Bei der Frage, welche Angstdefinition sich Biess zu eigen macht, ist er schon unklarer. Klar ist, dass Angst etwas mit Zukunftserwartungen zu tun hat („‚Angst‘ ist per Definition eine zukunftsorientierte Emotion.“). Ein Exkurs in die philosophische Ausdifferenzierung zwischen „Furcht“ und „Angst“ bei Kierkegaard und Heidegger wird zwar unternommen, aber nur um wissenschaftliche Pflichtschulden einzulösen: „In diesem Buch benutze ich beide Begriffe allerdings synonym.“

Das Absingen von ‚We Shall Overcome‘ mit leicht schwäbischem Akzent empfand ich bei meiner Unmusikalität als etwas peinlich, dann aber doch bewegend.

Nachdem Biess das Terrain abgesteckt hat, macht er sich auf seine Reise durch die Geschichte der Angst. Diese bundesrepublikanische (die DDR kommt im Buch kaum vor) Angstgeschichte beginnt mit einer Phantomgestalt: dem Werber. Nach Ende des Krieges unternahm Frankreich den vergeblichen Versuch, sein Kolonialreich wiederherzustellen. Ein Schlüssel in diesem Kampf war die berüchtigte Fremdenlegion. Die brauchte dringend neue Rekruten und trotz der hohen Opferzahlen gab es in Deutschland noch genug versprengte Veteranen, die entweder nichts anderes gelernt hatten als zu kämpfen oder aber hofften, ihre politische Vergangenheit in den Rängen der Fremdenlegion abstreifen zu können. So wurden die Werber der Fremdenlegion zu einem medialen Phänomen. Es wurde über Fälle berichtet, wo junge Männer von der Straße wegrekrutiert wurden: „Die Fremdenlegion wurde zu einem Objekt öffentlicher Ängste, zu einem ‚Schrecken der Mütter‘, wie die Welt im März 1952 titelte.“

Von diesem ersten Ausgangspunkt thematisiert Biess so ziemlich alles, was die Nachkriegsdeutschen in ihrer kurzen Geschichte bewegt hat: Antikommunismus, Atomkrieg, Waldsterben, Notstandsgesetze, Automatisierung, Mauerfall, Terrorismus, Griechenlandhilfen, Fukushima etc. Ziel ist es zu zeigen, dass die Geschichte der BRD eine Geschichte der Angstzyklen ist, deren Gegenstand sich ständig verändert.

Mit der veränderten Projektionsfläche der Angst verändert sich auch die Funktion der Angst, so Biess. Hatte der Antikommunismus noch eine stabilisierende und verbindende Wirkung („Im Inneren verkörperte er für die Mehrheit der Westdeutschen einen politisch-ideologischen Grundkonsens; international band er die Bundesrepublik an den Westen.“), überführte die Angst vor Arbeitsverlust im Zuge der Automatisierung die bundesrepublikanische Gesellschaft in die Moderne: „Die ökonomische und politische Stabilisierung der Bundesrepublik produzierte ihre eigenen Unsicherheiten. Daraus erwuchsen neue, moderne Ängste […]“

Allerdings denkt Biess Gesellschaft nicht so monolithisch als dass verschiedene bzw. konträre Ängste nicht gleichzeitig wirksam werden könnten. Stattdessen reagieren verschiedene Milieus und Gruppen auf politische Verschiebungen mit anderen Ängsten: „Konservative sorgten sich, dass die beschleunigte innere Demokratisierung die Autorität des Staates untergraben werde; linke und liberale Ängste konzentrierten sich auf die Bedrohung der Demokratie, die aus einem erstarkten Staat erwachsen könnten.“ Gerade die Auseinandersetzungen der 60er und 70er Jahre erscheinen bei Biess als würde die Linke täglich zittern, Deutschland in die autoritäre Tyrannei schlittern, während die Rechte die Bundesrepublik zum linksalternativen Lotterstaat verkommen sah.

Doch in Biesses Beschreibung dieser politischen Konstellationen offenbart sich ein Grundproblem von Republik der Angst. Die Art, wie für den Autor jede gesellschaftliche Auseinandersetzung als angstbesetzt erscheint, ist, höflich gesagt, problematisch. Denn Biess ebnet mit seiner Geschichtsschreibung der Angst alle Unterschiede politischer Regungen ein. Dass der Protest gegen die Notstandsgesetze der 60er auch andere Motivationen als Angst hatten, geht bei Biess unter. So wird politischer Widerstand pathologisiert und damit delegitimiert.

Die „German Angst“ wird üblicherweise vor allem in Bezug auf den Widerstand gegen Atomkraft und die Sorge vor dem Waldsterben benutzt – und wenn Biess darüber spricht, wirken seine Beschreibungen auch am schlüssigsten. Doch Republik der Angst macht den Eindruck, als wäre alles von diesem Punkt aus gedacht und jede weitere Beschreibung hat die Brille der Angst auf, durch die schließlich alles als Angst erscheint.

Dem Buch hätte sicher eine andere methodische Aufstellung geholfen. Dadurch dass der Autor, wo er nur kann, den internationalen Vergleich scheut, macht er sich sehr einfach die bundesrepublikanische Geschichte eine spezifische Beziehung zur Angst zuzuschreiben. Wer nur deutsche Ängste beschreibt, dem muss es auch irgendwann so vorkommen, als gäbe es eine merkwürdige eigentümliche deutsche Angst.

Eine interessante Beobachtung hat Biess dann doch noch im Köcher: „Anders als die Zeitgenossen und -genossinnen in der Bundesrepublik lange vermuteten, kam es oft weniger schlimm als befürchtet. Und wenn tatsächlich Krisen auftraten – Tschernobyl, 9/11, die Finanzkrise seit 2008, eine Serie von Terroranschläge –, reagierten die Deutschen in der allgemeinen Wahrnehmung besonnener als erwartet.“ Sollte es wirklich so etwas wie eine deutsche Angst geben, wäre das eine charmante paradoxe Bewegung: Der Deutsche hat die ganze Zeit so viel Angst, dass er im Moment tatsächlicher Gefahr alle Angst aufgebraucht hat.


Wir danken Rowohlt für das Rezensionsexemplar.