Frank Witzel: Die Ästhetik des Widerständigen

Witzel

Frank Witzel hat den diesjährigen Buchpreis gewonnen und ganz Deutschland frohlockt: Die Jury hat Schneid bewiesen und ist nicht dem schon sicher geglaubten Sieger Ulrich Peltzer gefolgt. Sie hat auch keine gefühlige Entscheidung für Erpenbeck gefällt, die das Buch der Stunde geschrieben zu haben scheint. Die Wahl ist auf den Outsider Witzel gefallen, dessen megalomanischen Roman das Feuilleton schon lange vor der Entscheidung in den Literaturolymp gehoben hat. Die Jury hat damit nicht nur Courage gezeigt, sondern vor allem – so könnte man meinen – auf den Vorwurf reagiert, der schon lange an sie herangetragen wird: Der Buchpreis sei eine riesige Marketingmaschine, in dessen Jury zu viele sitzen, die direkt oder indirekt an der Vergabe des Preises profitieren: Der Buchhändler als Entscheidender darüber, welches Buch ausgezeichnet wird, das er danach dann auch noch verkaufen darf. Mit Witzels Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ haben sie nun alles, aber keinen potentiellen Beststeller ausgezeichnet. Zu dornig, zu sperrig ist der Text für den Durchschnittsleser. Die Jury hat damit die wirtschaftliche Konjunkturspritze für das eigene Prestige geopfert.

Mein Wahn war deshalb nicht nur Rückzug, sondern auch Unfähigkeit und Weigerung zugleich, mich nach Vorbild meines Vaters zum Bauchredner anderer zu machen.

Doch ist „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ ein verdienter Preisträger? Die Kritiker sind sich einig: Aber ja! Ulrich Rüdenauer hat es in seiner Besprechung im Deutschlandfunk so prägnant formuliert, dass er es auf den Umschlag des Buches geschafft hat: „Dieser Roman ist eine Zumutung. Ein Ungetüm. Ein Abenteuer. Eine Frechheit. Eine Verwirrung.“ Der Gedanke geht freilich positiv weiter. All das trifft auf Frank Witzels Roman zu. Aber genau deswegen ist es eines der größten Missverständnisse des Buchpreises und das wohl furchtbarste Buch auf der langen Liste seiner Konkurrenten. Der Versuch einer Gegenrede:

15 Jahre hat Frank Witzel an seinen Roman gearbeitet, dessen Titel schon eine Ahnung davon verbreitet, welch ausschweifende Angelegenheit sein selbsterklärtes Opus magnum werden soll. Ein flüchtiger Blick zwischen die Buchklappen offenbart: der Autor hat sich zusammen mit dem Verlag für einen monolithischen Satz entschieden, an dem Peter Weiß seine helle Freude gehabt hätte. Wer sich traut, dem wird sich auch relativ schnell eröffnen: 800 Seiten sind in 15 Jahren entstanden. Manchmal ist ein solcher Umfang ein Versprechen, manchmal Drohgebärde.

Der Ich-Erzähler ist wenig überraschend depressiv und in psychologischer Behandlung, mit Claudia und Bernd befreundet und wohnt im Nachkriegs-Hessen. Seine Mutter wird nach einem Schlaganfall von einer Pflegehelferin der Caritas versorgt. Sein Leben – wenn es sich nicht in psychiatrischen Kliniken bewegt – besteht im Wesentlichen aus dem ewigen Widerstreit zwischen den Beatles, den Rolling Stones und katholischen Gemeindehäusern, die nach Kamillentee riechen. Das klingt erst mal nach einem relativ austauschbaren Setting, doch Zeit und Ort könnten zentraler nicht sein: Witzels Roman ist in der BRD der 60er und 70er verortet. Es ist eine Zeit, in der Männer noch schwere dunkle Brillen trugen und noch schwerere Zigaretten rauchten. Es ist eine Zeit, in der die junge Generation gerade damit beginnt, gegen die väterliche Ordnung zu rebellieren. Und es ist eine Zeit, in der der freie Teil Deutschlands aus der gemütlichen Provinz Bonn im Rheinland regiert wird. Eine Zeit, in der der Katholizismus noch greifbare Relevanz ausstrahlt. Auf einer Skala, die die Offenheit und Entfaltungsmöglichkeiten dieser Zeit bemisst, ist Hessen der Nullpunkt.

Ich schreibe morgen an der Geschichte der Roten Armee Fraktion weiter.

Aus dieser bleiernen Atmosphäre und der eigenen Unfähigkeit, auf die Welt mit Distanz zu schauen, fängt Witzels Ich-Erzähler an, die Geschichte der Roten Armee Fraktion zu erfinden. Er tut das für den Leser nicht offensichtlich. Dies ist weniger ein Buch über die RAF als über die Aneignung der RAF, um sie als Hebel gegen die eigene Unmündigkeit und Starrheit der Umgebung einzusetzen. Das Schweigen der Elterngeneration über die Verbrechen der Nationalsozialisten und der katholische Teufelskreis der Sünde und Sündenvergebung bringen den Erzähler an den Punkt, an dem die RAF – nicht so sehr als tatsächliche Organisation, sondern mehr als radikale Denkmaxime – zu einem Mittel wird, diese Kreisläufe zum Halt zu bringen: „Es musste eine Tat sein, eine einzige Tat, die diesen Kreislauf durchbrach. Eine Tat, die unverzeihlich bliebe, unvergesslich, nicht zu beichten, nicht zu sühnen, nicht zu vergeben.“

Erst wenn die Vergebung aufhört, kann die Sünde aufhören. Und die Vergebung hört erst auf, wenn ich die verfluchte Güte Gottes, diese ewige unermessliche Güte, diesen allmächtigen Würgegriff des Herrn, bewusst zurückweise.

Die RAF taucht zwar hier und da auf – ein Bild Holger Meins‘ hängt im Kinderzimmer neben dem The Who-Poster – doch der Roman versucht in erster Linie ein ganzes Generationenpanorama aufzumachen. Er fährt dafür den ganzen abendländischen Genrekatalog auf: erzählte Passagen wechseln sich mit Lyrikeinlagen, Dramenfragmenten, kurzen Notizen, philosophischen Trakten, Verhörabschriften und Parabeln ab. All diese Texteinheiten drehen sich im Entfernten um das Thema der Nachkriegsgesellschaften und ihren Auswüchsen, doch ein richtiger roter Faden soll dabei gar nicht entstehen.

Wessen Geisteskind der Autor ist, offenbart er durch sein Verfahren des philosophisches Namedropping. Immer wieder werden zentrale Positionen der Poststrukturalisten Jacques Derrida und Roland Barthes vorgestellt, um den Text auf ein theoretisches Fundament zu setzen, das anzeigen soll: Der Begriff von Literatur kann nicht derselbe der Vatergeneration sein. Nun würde man meinen – trotz ihrer anhaltenden Rezeption – die Positionen der poststrukturalistischen Würdenträger sind ein alter Hut und dass der Literaturbegriff 2015 ein anderer ist als 1945 ist, bedarf nicht mehr der theoretischen Rückversicherung. Aber es liegt im Konzept dieses Textes, derlei zeithistorische Horizonte aufzubauen, weil es um eine Vermittlung geht, wie sich das Leben in der BRD während der siebziger Jahre angefühlt hat, auch geistig. Nachdem zum zehnten Mal an der Reval-Zigarette gezogen und zum zwanzigsten Mal darüber gestritten wurde, welche Brit-Pop-Band nun die gewichtigere war, kommt man trotz aller historischen Brechungen, die das Buch immer wieder auf seine Sicht auf die BRD einbaut, nicht um den Gedanken herum, dass hier mit nostalgisch-tränenden Augen auf das ehemalige Westdeutschland geschaut wird.

Tatsächlich ist aber gar nichts passiert am 8. Mai 1945. Keine Neudatierung, kein Nullpunkt, nichts.

Im letzten Jahr – anlässlich der 25 Jahr-Feierlichkeiten zum Mauerfall – kam plötzlich eine merkwürdige Stimmung in Deutschland auf: Es erinnerten sich Westdeutsche, wie schön es doch in ihrem Staat gewesen sei und trauerten ihm nach. Seinen Höhepunkt feierte dies in der Zeit, in der der Autor und Literaturkritiker Christoph Schröder mit geballter Faust verkündete:

Man muss einfach einmal ganz deutlich sagen: Wir Westdeutschen hatten das bessere Land. Wir hatten ein Land, das besser war als die DDR vor der Wiedervereinigung, und wir hatten ein Land, das besser war als das, in dem wir heute leben. Ihr, liebe Ostdeutsche, habt es uns genommen. Dafür könnt Ihr nichts. Aber hin und wieder etwas mehr Demut wäre schon ganz schön.

Scheinbar tritt nun allmählich die Erkenntnis ein, dass sich Deutschland durch die Wiedervereinigung verändert hat. Anstatt dagegenzuwirken, übt man sich in der Verklärung der BRD. Dieser Text wirkt zumindest indirekt – trotz nationalsozialistischen Erbes und katholischer Muffigkeit – daran mit. Dieser BRD-Kitsch scheint ein Grund für die Feierlichkeiten im Feuilleton zu sein.

Merkmal des Göttlichen: Gott ist der Einzige, der sich nicht mit mir vergleicht. Anders ist Schöpfung für mich nicht denkbar.

Je länger man sich in dieser Welt zwischen westdeutschen Abgründen und Gemütlichkeiten aufhält, desto mehr bekommt man den Eindruck, man hat hier mehr mit Hochstapelei als mit Literatur zu tun. Was Frank Witzel in diesen fünfzehn Jahren zusammengezimmert hat, gleicht einem Koloss, der alles, was unter ihm blüht, gleich wieder zertritt. Jeder klugen Passage folgen hundert Seiten wirrer Darstellungen, die scheinbar auf einem Missverständnis beruhen: Natürlich kann Literatur einen manisch-depressiven und überforderten Protagonisten in ihr Zentrum rücken. Doch dann braucht es Erzählverfahren, die das ganze fruchtbar einfangen. So bleibt es größtenteils ein Wortschwall, der mit viel Aufwand halbliterarische Nebelwerfer aufbaut. Dass Frank Witzel ein gelehrter Mann zu sein scheint, keine Frage. Doch anstatt dies subtil in das Erzählte einzubinden, ist das Buch immer dort stark, wo es doziert, dann verliert es alles Literarische.

Wie man das theoretische Wissen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in sich aufnimmt und über die Kontingenz der Weltverläufe nachdenkt und trotzdem das Literarische nicht aus dem Auge verliert, hat unlängst Witzel Konkurrenz Ulrich Peltzer gezeigt. Wie man Wahnsinn und Literatur verbindet, weiß Clemens J. Setz. Witzel hingegen hat sich entschieden, ein Monstrum auf die Öffentlichkeit loszulassen, das sich als Scheinriese entpuppt, sobald man die Ehrfurcht vor seiner schieren Masse und vorgeführter Belesenheit verliert. Seine immer wieder gelobte Sprachgewalt geht entweder unter oder resultiert in Stilbluten wie: „Regen schmeckt wie sonst kein Wasser, vielleicht weil er fällt und nicht fließt.“

„Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ möchte gewohnte Lektüregewohnheiten auf den Kopf stellen und bietet dem Leser einen ziemlich verquatschen, größtenteils anstrengenden Steinbruch an, der dem Rezipienten zur eigenen Verarbeitung vor die Füße geworfen wird. Wenn wir die Literatur ernstnehmen wollen, dann muss sie schon mehr sein als ein unfertiges Gedankenangebot. So hat die Jury zwar eine mutige und dennoch falsche Entscheidung getroffen und sich von Frank Witzels Koloss einschüchtern lassen.

Lieber die ganze Welt mit Metaphern und Symbolen überfrachten – und sich dadurch verfügbar, weil interpretierbar, halten -, als das andere tatsächlich als anderes erkennen.