Franzobels „Das Floß der Medusa:“ Die Titanic, die eine Arche war

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Wer heute den Louvre in Paris besucht und sich an den Touristenmassen vor der Mona Lisa vorbeigedrückt hat, für den ist die zweite Hürde, die es zu überwinden gilt, der Trubel vor Géricaults „Floß der Medusa“. Zu seiner Zeit ein Skandal ist es heute eines der berühmtesten Gemälde der frühen Moderne. Nicht nur für Besucherströme ist es ein Fixpunkt, auch die Literatur hat die Geschichte um die hilflos auf dem Meer herumtreibenden Seeleute und vor allem deren mediale Repräsentation fast zu jeder Epoche bewegt. Peter Weiss las in seiner „Ästhetik des Widerstands“ das Schicksal der Seeleute als Verrat an der Arbeiterklasse, Julian Barnes ulkte über Géricaults Versuch, über Gespräche mit Überlebenden und Leichenschauen ein authentisches Bild der Vorkommnisse zu fixieren. Nun hat sich der österreichische Schriftsteller und Klarnamenverweigerer Franzobel sich dem Stoff gewidmet und mit „Das Floß der Medusa“ das Buch der Stunde geschrieben, ohne sich dem Aktualitätswahn zu verschreiben.

Eigentlich sollte mit der Fahrt der französischen Fregatte Méduse zum Senegal ein Stück Normalität wiederhergestellt werden. Nachdem Napoleon 1815 endgültig Ruhe geben musste und die Royalisten in Frankreich wieder das Sagen hatten, sollte ein Jahr später eine Flotte, zu der die Méduse gehörte, die gerade von England wiedererhaltene afrikanische Kolonie mit neuen Staatsbeamten, Soldaten und französischem Wein versorgen. Nach dem das bonapartischen Establishment aus der Politik und dem Militär entfernt war, gab es reichlich Posten für treue Royalisten zu vergeben. Einer davon war Hugues Duroy de Chaumareys, ein französischer Kleinadeliger, der während der Napoleonischen Kriege vor allem mit Abwesenheit und Untätigkeit auffiel und trotzdem das Kommando für die zum Senegel aufbrechende Flotte übertragen bekam. Seine fehlende Erfahrung führten schließlich zu dem Unglück, bei dem rund 130 Menschen auf dem Floß starben, für die wiedereingesetzten Bourbonen war das ein echter Schlag ins Kontor und in der Öffentlichkeit ein Skandal.

Die Bewegung an Bord griffen so harmonisch ineinander wie bei einem komplizierten Räderwerk. Keine Anstrengung war zu spüren. Dann geriet ein Sandkorn ins Getriebe.

Ein Skandal war jedoch nicht nur das Unglück, sondern auch der Umstand, dass der französische Maler Thédore Géricault wagte, sein Gemälde über die Vorkommnisse drei Jahre später öffentlich auszustellen. Die Geschichte des Schiffbruchs und dessen Folgen zeigt das Wesen eines wahren Skandals: skandalös ist nicht nur das Ereignis selbst, skandalös ist es auch, über den Skandal zu reden. Denn die Geschichte des Floßes ist immer auch eine Geschichte der Herrschaftskritik. Gleichzeitig ist sie eine Parabel auf das Mensch- und Unmenschlichsein in Zeiten großer Not. Wer heute an hilflos im Meer herumtreibende Menschen denkt, der wird unweigerlich an den Versuch vieler Flüchtender denken, die den Weg nach Europa über das Mittelmeer suchen. Der Österreicher Franzobel war sich dieser Dimension sicher bewusst, zum Glück ist er dem Versuch jedoch nicht erlegen, aus den Flüchtenden die Schiffsbesatzung der Méduse des 21. Jahrhunderts zu machen. Viel mehr hat der Autor verstanden, dass die Geschichte der Schiffbrüchigen niemals vergangen ist: „Da war keine Strecke mehr, die man unendlich oft teilen konnte, sondern eine einzige brachliegende Gegenwart.“

„Herr Géricault, Ihr Schiffbruch da, das ist nichts für uns!“

Folgerichtig erweckt Franzobel die Protagonisten dieses Unglücks wieder zum Leben, als schrullige, gemeine, sympathische und lebenssaftige Menschen, die niemals erloschen sind. Anders als viele Romane, die sich historischen Stoffen annehmen, versucht der Autor erst gar nicht, sich auf Augenhöhe der Medusen-Gesellschaft zu nähern, sondern setzt einen Erzähler ein, der mit historischen und fiktiven Sachverhalten genauso souverän umgeht, wie mit dem Rest von zweihundert Jahren Menschheits- und Mediengeschichte. Das Floß der Medusa wird damit zur zeitlosen Chiffre von Menschen in Not, von Noahs Arche bis zur Titanic: „Niemand dachte, dass diese Reise in einem Desaster enden könnte.“

JEAN_LOUIS_THÉODORE_GÉRICAULT_-_La_Balsa_de_la_Medusa_(Museo_del_Louvre,_1818-19)

Thédore Géricault: Das Floß der Medusa

Kannibalismus war unter Seeleuten nichts völlig Abwegiges, solange die Regeln eingehalten wurden.

Dabei ist Franzobels Roman keineswegs in dem Sinne zeitlos, als dass er den historischen Kontext nicht mit aufnehmen würde: die Schiffsbesatzung ist eine tiefgespaltene. Royalisten liegen mit alten Bonapartisten im Clinch, Franzosen erheben sich über Ausländer, Hierarchien werden unterlaufen und somit noch mehr Chaos gestiftet. An den Rändern dieser Gesellschaft tauchen bei Franzobel kuriose Figuren wie ein Jude mit lebensbedrohlicher Verstopfung oder ein Papagei namens William Shakespeare auf. Der Autor schafft sich damit sein ganz eigenes Narrenschiff, eine Gemeinschaft, in der Solidarität ein schmales Gut ist, das auch nur soweit reicht wie die eigene Unversehrtheit.

Die Medusa segelte gut am Wind, war stabil, steif und schnell. Eine Dame, die ihre Röcke anhob und rannte.

Nachdem die Méduse schließlich durch Navigationsfehler vor der mauretanischen Küste auf eine Sandbank gelaufen war, wurde ein folgenschwerer Plan ausgeheckt: ein riesiges, aus Schiffsmaterial gebautes Floß sollte den Großteil der Besatzung aufnehmen, während kleinere Beiboote, mit Tauen an das Floß verbunden, die schwimmende Insel gen Küste ziehen wollten. Doch das Floß erwies sich schon sehr bald als zu schwer, um von den leichtgewichtigen Booten gezogen zu werden, so dass die Verbindungen gekappt wurden und jeder sein Heil selbst suchte. Zurück blieben fast 150 Menschen, deren Schicksal ein ungewisses war.

In der ganzen Weltliteratur steht nirgendwo, wie man so eine Situation wie diese hier überlebt.

Am Ende dieser Schicksalsgemeinschaft steht die bittere Frage: „Waren das noch Menschen?“ Denn nachdem die Vorräte zur Neige gingen und die ersten Todesopfer zu verzeichnen waren, brach unter den Schiffsbrüchigen Kannibalismus aus. Franzobel stellt dar, wie der Kannibalismus wiederum andere Hierarchien herstellte: die Erstarkten, die sich dem Kannibalismus hingaben und die Schwachen, die den Verzehr von Menschenfleisch nicht mit ihrer Moral vereinbaren konnten. Die fehlende Solidarität im Inneren wie auch von außen führt schließlich zur Entmenschlichung.

Das hast du jetzt davon. Afrika? Als wäre man nicht jahrhundertelang sehr gut ohne diesen Kontinent ausgekommen.

Wenn man Franzobel einen literarischen Humanismus unterstellen möchte, so ließe sich behaupten, dieser Entmenschlichung setzt der Autor wieder ein menschliches Antlitz entgegen. Anders als beispielsweise Peter Weiss, der die Toten des Floßs als Klasse versteht, geht es Franzobel gerade darum, sie in ihrer (natürlich fiktional herbeigeschriebenen) Individualität auszustellen. Darüber vergisst er jedoch nicht, dass das „Floß der Medusa“ ein Medienphänomen („In den Logen und Salons zerriss man sich die Mäuler, die Stammtische hatten nur noch dieses eine Thema: das Floß der Medusa.“) ist, das keine Vergangenheit kennt und daher auch in jeder Generation sich neu erzählt wird. Mit seiner Version vom „Floß der Medusa“ ist Franzobel ein richtig großer Wurf gelungen.


Wir danken dem Zsolnay-Verlag für das Rezensionsexemplar.