Friedrich Torberg: Das alte Tanten-Prinzip

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Ich bin ein Jud. Ich lebe in Österreich. Ich war in der Emigration. Ich hab was gegen Brecht… Etwas davon schadet mir immer.

Friedrich Torberg ist der große Unbekannte in der deutschsprachigen Literatur. 1908 als Friedrich Ephraim Kantor-Berg in Wien geboren, gehörte er im jungen Erwachsenenalter schnell zu den Stammgästen der literarischen Kaffeehäusern und verkehrte mit der literarischen Prominenz der Zeit: Robert Musil, Max Brod, Alfred Polgar, Leo Perutz und Franz Werfel.

Sein größter Erfolg war der Roman „Der Schüler Gerber“ – ein Text wie Musils „Törleß“ oder Hermann Hesses „Unterm Rad“ über die Mechanismen der Grausamkeiten, in der Bildungsinstitutionen ihre Schüler einspannen. Nach dem Krieg und der Rückkehr nach Wien wird aus dem Schriftsteller Torberg ein Literaturkritiker, -förderer und –funktionär. So setzt er unter anderen zusammen mit Hans Weigel den Wiener Brecht-Boykott in den 50ern durch.

„Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten“ (1975) gehört zu seinem Spätwerk und eröffnet in einem anekdotischen Panorama das (literarische) Wien der zwanziger bis vierziger Jahre. Die titelgebende Tante Jolesch – das ist für Torberg nicht einfach eine Figur, sondern ein Prinzip:

Fast in jeder der großen, vielgliedrigen, über Wien und Prag, über Brünn und Budapest, über die österreichische und die ungarische Reichshälfte verzweigten Familien gab es entweder eine Tante oder eine Großmutter, deren treffsichere, teils witzige und teils tiefgründige Aussprüche von der ganzen Verwandtschaft zitiert wurden.

Torberg sieht in der Anekdote jedoch viel mehr als bloß eine gefällige Kommunikationsform, die Menschen zusammenbringt, sie ist kleine Erzählform, Figurenportrait und vor allem ein kulturelles Gedächtnis. Die Anekdote vermag all die kleinen Geschichten, historischen Personen und Schauplätze der Wiener Vorkriegsgesellschaft in sich aufzunehmen und zu bewahren. Wenn Rainald Goetz den momentan viel besprochenen Protokollanten der Gegenwart darstellen soll, ist Torberg der Archivar einer abgeschnittenen Vergangenheit.

Und so erzählt der Text von den bekannten, aber auch unbekannten Figuren der Wiener Literatengesellschaft. Der Leser erfährt natürlich einiges über die Kaffeehäuser der Stadt, bekommt erklärt, dass der Wiener Frühling offiziell eröffnet ist, wenn das Café Central seine Tür zur Straße offenstehen lässt, weiß nach der Lektüre, dass man Arnold Schönberg niemals sagen durfte, dass er „lovely music“ machte oder dass Leo Perutz Gesprächspartnern gelegentlich aus lauter Aversion geraten hat, sich doch ausstopfen zu lassen.

So sehr die vielen kleinen Erzählungen auch gekonnt auf Pointe geschrieben sind, spricht vor allem eins aus ihnen: Das tiefe Bedauern und eine sehr bittere Nostalgie. Der heitere Ton des Textes verhindert eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem, was Friedrich Torberg schließlich aus Wien hat fliehen lassen, aber hier und da blitzt das auf, gegen das der Autor anschreibt: der Nationalsozialismus und die tiefen Erschütterungen, die einen jüdisch geprägten Kulturraum aus Europa verdrängt oder vernichtet hat und nun nur noch in Residuen wie „Tante Jolesch“ überlebt. Gerade deswegen ist Torbergs Anekdotensammlung so wertvoll, da er eine Kultur und einen Witz rettet, der sich vor allem in der Anekdote erzählen lässt:

Den Dolch der mörderischen Ablehnung verstand auch Alfred Polgar zu handhaben, dem es die klebrigen Anbiederungsversuche des Stammgastes Weiß angetan hatten. Als er eines Nachmittags das Kaffeehaus verließ, folgte ihm Weil auf die Straße, gesellte sich devot an seine Seite und stellte ihm die scheinbar ausweglose Frage:
‚In Welche Richtung gehen Sie, Herr Polgar?‘
Er erhielt den prompten Bescheid:
‚In die entgegengesetzte.‘

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