Fuchsteufelswild: Maren Wursters „Das Fell“

Wurster-Fell

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ – Wenn man eines im Literaturstudium lernt, dann ist das wohl, den ersten Satz von Kafkas „Verwandlung“ zu zitieren. Die langsame Metamorphose vom Menschlichen zum Tierischen hat auch Maren Wurster, die im letzten Jahr ihr Studium am Deutschen Literaturinstitut abschloss, in ihrem Debütroman „Das Fell“, der diesen Sommer bei Hanser Berlin erschien, zum Thema gemacht.

Eigentlich war alles für den gemeinsamen Urlaub vorbereitet, aber dann ist Victorias Freund Karl doch lieber mit seiner Ex-Freundin Annika und der gemeinsamen Tochter Lotta an die Ostsee gefahren, hat Vic in Berlin zurückgelassen und ihr eine SMS geschickt, die nach Trennung klingt. Erst fällt sie in ein tiefes Loch, verkriecht sich zu Hause oder betäubt sich in den Berliner Clubs – dann aber wird aus Vics Trauer Wut, und sie beschließt, sich mit dem Fahrrad auf den Weg an die Ostsee zu machen und Karl zu konfrontieren.

„Das Fell“ ist ein Roadmovie durch die brandenburgische Provinz. Ein paar Tage ist Vic unterwegs und trifft dabei auf Fremde und Freunde. Da ist der Däne Morten, den sie auf dem Campingplatz kennenlernt und der von seinem Berlinverdruss erzählt, sie übernachtet bei ihrem Bruder Alexander und seiner Familie, die auch nicht gerade glücklich scheint, obwohl sie gerade erst ein zweites Kind bekommen haben. Vic übernachtet bei der verwitweten Brigitte und ihren Söhnen Lucas und Jakob, die ein Zimmer in ihrem Haus untervermieten, und beim Jazz-Musiker Timo und seinen Freunden, die sie beim Nacktbaden im See kennenlernt.

Trotz der zahlreichen neuen Bekanntschaften, bei denen der eine oder andere Mann durchaus Interesse an ihr zeigt, geht es Vic aber doch immer nur um Karl. In Rückblicksepisoden reflektiert sie die gemeinsame Zeit, das Kennenlernen, die Annäherungen an seine Tochter Lotta, aber auch kleinere Streitereien, schließlich die letzten Nachrichtenwechsel, bevor Karl abreiste. Schnell wird klar, Vic hängt sehr an ihrem Freund, ist eifersüchtig, versucht, ihn an sich zu binden, möchte mit scheinbar allen Mitteln ein Kind von ihm, er jedoch achtet akribisch auf die Verhütung.
Ein Schuldiger für das Ende der Beziehung ist nicht auszumachen; während Vic es mit ihren Eifersüchteleien herbeiführt, macht Karl keinerlei Anstalten auf sie einzugehen, blockt sie ab, entzieht sich der Konfrontation und verschwindet mit anderen Frauen.

Während ihrer Reise an die Ostsee, die gleichzeitig einer retrospektiven Reise durch die vergangene Zeit mit Karl gleicht, bemerkt Vic nicht nur emotionale Veränderungen, sondern auch eine entscheidende Veränderung ihres Körpers: ihr wächst ein Fell auf dem Rücken. Erst kratzig und struppig, später lang und weich, befühlt sie es immer wieder, wundert sich und geht etwa in der Mitte der Reise sogar ins Krankenhaus, um ihren Rücken untersuchen zu lassen. Ob der Arzt und die anderen Menschen, denen Vic begegnet, ihr Fell sehen, bleibt offen.

Ob ihr ein „dickes Fell“ wächst, um die Trennung zu überstehen, oder weil sie in ihrer Emotionalität, der blinden Wut, mit der sie Karl zeitweilig einen Stein gegen den Kopf werfen will, ‚zum Tier’ wird? Das Motiv wird von Wurster narrativ interessant umgesetzt; erst wehrt Vic sich, versucht die Haare zu entfernen, am Ende gibt sie sich in der Konfrontation mit Karl ganz dem Tierischen hin und bewegt sich auf allen Vieren durch das Gras. Allerdings scheint die ‚Verwandlung’ als Reaktion auf die – vielleicht nicht besonders rücksichtsvolle, aber sonst wenig dramatische – Trennung doch etwas überzogen, genau wie der Zigarettenkonsum der Figuren in diesem Roman, die mehr zu rauchen als zu sprechen scheinen.

Als Vic am Ende aus der Ferne Annika und Lotta einen ganzen Tag lang am Strand beobachtet, wird deutlich, dass Vic nicht eifersüchtig auf die Ex-Freundin Nika, sondern auf ihre Mutterrolle ist. Vielleicht, so könnte man mutmaßen, ist Vics Fell auch Ausdruck ihres Beschützerinstinkts, nicht unbedingt gegenüber sich selbst, sondern gegenüber dem Kind, das sie sich so sehr zu wünschen scheint.

Wurster erzählt von alldem mit vielen Auslassungen auf der Handlungsebene, über die Figuren und ihr Verhältnis zueinander erfährt der Leser nur das Nötigste, und einer feinen, fokussierten Beobachtung des Körpers, seinen Veränderungen und seiner Umgebung. Das alles ist nicht uninteressant, hinterlässt letzten Endes jedoch keinen bleibenden Eindruck. Vielleicht hat Wurster an der ein oder anderen Stelle zu viel ausgespart, die Vereinbarung der zwei Romanideen – das der Protagonistin wachsende, surrealistische Fell und die stille Trennung einer noch nicht sehr langen Beziehung – scheint nicht recht gelingen zu wollen. Vielleicht muss am Ende aber auch einfach die Erkenntnis stehen: Wer sich mit Kafka misst, kann nur verlieren.


Wir danken Hanser Berlin für das Rezensionsexemplar.