Gabriel Tallents „My Absolute Darling“: Die Wildnis der Westküste

Von „Ein wenig Leben“ über „Und es schmilzt“, von „Dann schlaf auch du“ bis zum „Inzest-Tagebuch“ – zu den meist diskutierten Texten dieses Jahres gehören Bücher, die Tabus brechen und ihre Leser mit dem verhandelten Stoff und expliziten Beschreibungen von Gewalt an ihre Grenzen bringen. In den USA erschien im August mit „My Absolute Darling“ ein Romandebüt, das im deutschen Literaturbetrieb bislang wenig Beachtung findet, aber genau jenem literarischen Trend der Neuen Tabulosigkeit entspricht.

Das mag daran liegen, das „My Absolute Darling“ von Gabriel Tallent ein durch und durch amerikanisches Buch ist. Im Gegensatz zu „Ein wenig Leben“ ist dieser Roman nicht im schillernden New York oder einer anderen Großstadt an der amerikanischen Ostküste angesiedelt, wo ein liberales Denken am ehesten dem entspricht, was man aus Europa kennt. Tallents 14-jährige Protagonistin Julia, genannt Turtle, wächst in Mendochino an der amerikanischen Westküste, nördlich von San Francisco auf. Der Glanz der südlich gelegenen Metropolen scheint jedoch fern.

Das Setting von „My Absolute Darling“ gleicht vielen amerikanischen Kleinstadtserien, die Klassiker geworden sind oder das Potenzial haben, eben solche werden zu können: Genau wie bei Twin Peaks oder Stranger Things lebt die junge Protagonistin in der Peripherie, umgeben von riesigen Wäldern. Das archaische Bild der unkontrollierbaren Wildnis der Natur verhandeln die Serien durch übersinnliche Geschehnisse. In Tallents Roman ist das Böse, das stets mit der Natur verbunden scheint, der Vater.

“And then I thought I’d kill you myself rather then let that cat have you.“

Umgeben von Wildnis lebt Turtle mit ihrem Vater Martin, einem trinkenden, selbst ernannten Philosophen, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält, in einem heruntergekommenen Haus. Da Martin vom bevorstehenden Weltuntergang überzeugt ist und dem Staat grundsätzlich nicht traut, trainiert er Turtle von Kindesbeinen an im Umgang mit Waffen, von denen das Haus ein ganzes Arsenal zu beherbergen scheint, das symbolisch für die von Gewalt geprägten Vater-Tochter-Beziehung steht. Denn Turtle wird von Martin sexuell missbraucht. Als sie den wenig älteren Jacob trifft und sich in ihn verliebt, eskaliert die Situation. Danach verschwindet der Vater für mehrere Monate und Turtle kommt Jacob näher, aber als der Vater mit einem fremden 10-jährigen Mädchen zurrückkehrt, das er aus Wisconsin entführt zu haben scheint, begehrt Turtle gegen den Vater auf.

Genauso schwer erträglich wie die Misshandlungsszenen, die in ihrer expliziten Radikalität mit „Ein wenig Leben“ oder „Und es schmilzt“ vergleichbar sind, ist das Vertrauen und die Liebe, die Turtle ihrem Vater trotz allem zunächst bedingungslos entgegenzubringen scheint:

„How big you’re getting“, he says, „how strong. My absolute darling. My absolute darling.“
„Yes,“ she says.
„Just mine?“
„Just yours,“ she says […].
„You promise?“ he says.
„I promise“ she says.
„No one else’s?“
„No on else’s,“ she says.

Tallent erzählt nicht nur über familiäre Gewalt- und Machtstrukturen, sondern grundsätzliche auch über patriarchale Besitzansprüche, die die Männer in diesem Roman an Turtle stellen. Außer der Protagonistin gibt es nur zwei weitere Frauenfiguren, die Lehrerin Anna und die Klassenkameradin Rilke, die zu helfen versuchen, von Turtle aber nur wüst beschimpft und abgewiesen werden. An ihre Mutter, die – es bleibt unklar, ob selbstbestimmt oder durch einen Unfall – starb, als sie noch klein war, kann Turtle sich nicht erinnern.

Gleichsam erzählt Tallent auf der Makroebene auch vom patriarchalen Amerika der Ära Trump und präsentiert Turtle als weibliche Heldin, die aufbegehrt.

He is wearing a truckers hat that reads VETERAN and she reaches up an pulls it off him and onto her own head.

Es sind vermeintlich harmlose Sätze und Szenen wie diese, die „My Absolute Darling“ zu einer lohnenswerten Lektüre machen und an denen sich die subversive Tiefe des Textes verdeutlicht. Auf bildungsgeschichtlicher Ebene des Romans lehnt sich Turtle mit dem Greifen nach der Kappe, einer Art „Enthauptung“, wenn man möchte, auf und entzieht den Männern in ihrem Leben, die über sie bestimmen wollen, die Macht. Auf gesellschaftskritischer Ebene liest man hier einen politischen Kommentar auf das ‚Proud White America’, den ‚Veterans for Trump’, und jene, die mit voller Überzeugung für „America First“ gestimmt haben. Auf narratologischer Ebene könnte man in der Szene eine Prolepse lesen, die vorausdeutet, dass Turtle den Kampf gegen den gewalttätigen, übergriffigen Vater überleben und so selbst zur Veteranin wird.

„You could hamstring her and drive her way out in the bush and leave her there, and you wold come back to find she had been taken up with wolves and founded a kingdom.“

Interessant scheint in dieser Hinsicht auch, dass die Heldin von Tallents Roman zeitlich enthoben scheint. Ihre Verbindung zur Natur, ihre Überlebenskünste machen sie zu einer Art Mowgli-Figur, die keinerlei Verständnis für das moderne Leben zeigt. Auch auf popkulturelle Anspielungen, ob Twitter, Nirvana oder ‚Twilight’ reagiert sie überhaupt nicht oder mit völligem Unverständnis. Die Protagonistin als Romanfigur an sich scheint jedoch als literarische Anspielung per se: ob Nabokovs „Lolita“, oder „Huckleberry Finn“ – Tallent stellt Turtle in die Tradition der amerikanischen Literatur.

Leider verliert das Debüt auf seinen letzten 70 Seiten ein wenig den Fokus, denn der Roman endet mit einem filmreifen und schusswechselreichen Showdown zwischen Turtle und ihrem Vater. Die letzten Kapitel sind literarisch eher flach auf Spannung hin erzählt, es fehlt die thematische Tiefe, die zuvor aufgemacht wurde. Das täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass „My Absolute Darling“ ein beachtenswertes Debüt ist, das vermutlich auch hierzulande früher oder später gelesen werden wird – die Übersetzungsrechte hat sich der Penguin Verlag bereits gesichert.