Gabriele Tergits „Etwas Seltenes überhaupt“: „Wunderbar, nicht?“

Ähnlich wie Irmgard Keun oder Vicky Baum musste Gabriele Tergit erst in Vergessenheit geraten, um schließlich wiederentdeckt werden zu können. Tergit, die eigentlich Elise Reifenberg hieß, gehörte zu ihrer Zeit zur Berliner intellektuellen High Society. Sie publizierte im Berliner Tageblatt, das zum damals einflussreichen Mosse-Verlag gehörte, sie war bekannt mit den Größen der deutschsprachigen Literatur. Der Weg ins Exil war schließlich nicht nur ihrem kritischen Geist, sondern auch ihren Judentum geschuldet, das sie über Umwege nach Israel, dann schließlich nach London führte. Trotz einiger Besuche ist Tergit nach dem Krieg nie wieder in Deutschland heimisch geworden. Nun bemüht sich der Schöffling & Co. Verlag zumindest darum, dass ihr Werk wieder einen Platz in Deutschland findet.

Den ersten Anlauf machte der Erinnerungsband „Etwas Seltenes überhaupt“ in den Achtzigern, wo er beim Ullstein Verlag erschienen ist, laut Nachwort der nun erschienenen Fassung in einem schlechten Zustand. Vielleicht lag es an falschen Lektoratsentscheidungen, vielleicht war die Zeit auch einfach noch nicht reif: Deutschland interessierte sich nicht für Gabriele Tergit. Lange Zeit verschwanden die Autorinnen der Neuen Sachlichkeit hinter den scheinbar übergroßen Döblins, Manns und Zweigs. Doch die Lektüre von „Etwas Seltenes überhaupt“ macht spätestens deutlich: Wer wirklich erfahren will, was mit der Weimarer Republik durch den Nationalsozialismus verlorenging, muss Gabriele Tergit lesen.

Das Schreiben dieses Buches war vielleicht die schönste Zeit meines Lebens.

Anders als Stefan Zweig, der in seiner „Welt von Gestern“ das tieftraurige, aber auch immer verkitschte Andenken an eine samt-rote kakanische Zauberwelt beschwor, liegt Tergits Erinnerungsprosa mit dem Ohr auf den Berliner Rennbahnen, hat die Hand an der Redaktionsschreibmaschine und die Augen auf eine Stadt gerichtet, die intellektuell nie so aufregend war und vermutlich auch nicht mehr wird. Die Welt, in der sich Tergit hier bewegt, ist die Welt der großen Buch- und Zeitungsverlage, die ökonomische Kraftprotze sind und jungen, talentierten Schriftstellern die Chance geben, sich im harten Konkurrenzkampf zu beweisen.

Es lag in der Luft. In allen Buchläden nichts als antisemitische und nationalsozialistische Literatur.

So auch die junge Gabriele Tergit, die sich ihre ersten journalistischen Sporen im Gerichtssaal verdiente. Wer das Werk von Regisseuren wie Fritz Lang und seine Mabuse-Filme oder den „M“ kennt, der weiß, welch inniges Verhältnis die kurze Weimarer Ära zum Verbrechen hatte und versteht, dass es wohl kaum einen besseren Ort gab als das Gericht, um eine Gesellschaft zwischen politischem Ausnahmezustand und wirtschaftlicher Achterbahnfahrt zu verstehen. Das sollte sich spätestens bestätigen, als Tergit dem Gerichtsprozess Hitlers am Kriminalgericht Moabit beiwohnte.

„Warum regen Sie sich denn so auf, Herr Hitler?“

Zeitlich und strukturell teilt sich der Erinnerungsband in zwei Teile: einen Vorkriegs-, einen Nachkriegsteil. Obwohl Tergit manch Mühsal und Schicksalsschläge überwinden musste, durchschwebt ihre Prosa eine ständige Leichtigkeit, die nie ihren Witz verliert, so z.B. wenn sie über die Kriegserfahrungen ihres Mannes Heinz schreibt: „Das Groteske ist, daß dieser jahrelange Aufenthalt im Schützengraben, im Freien seine Tuberkulose völlig ausheilte.“ „Etwas Seltenes überhaupt“ ist keine Autobiographie, dafür sind die Betrachtungen zu episodisch gehalten und zu wenig stringent. Die Betrachtungen changieren immer zwischen Selbstbeschreibungen und atmosphärischen Schilderung einer Zeit, in der Platz für scheinbare Marginalien bleibt, die aber viel für ein plastisches Bild leisten: „Im Gegensatz zu Ullstein gabs bei Mosse keine Kantine.“

„Ach, Heinz“, sagte ich, als ich nach Hause kam, „wollen wir heute abend zum Allbersfilm gehen?“

Eine zentrale Stelle nimmt im ersten Teil ihr Erfolgsroman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ ein. Der Roman, der damals bei Rowohlt erschien, sicherte ihr einen Platz unter den berühmtesten Autoren ihrer Zeit, doch gleichzeitig erschien er in politisch wie ökonomisch unsicheren Zeiten, was am Buchmarkt nicht unbemerkt blieb: „Am 15. Dezember 1931 wurden zweihundert Exemplare verkauft. Am Nachmittag dekretierte der Diktator Brüning, der mit Notverordnungen regierte, höhere Steuern und niedrigere Gehälter, und so wurden nur noch fünfundsiebzig Exemplare verkauft.“

Ich nahm alles ernst, mein Schreiben, mein Judentum, meine Ehe, mein Kind, meinen Haushalt.

Nach dem Krieg besucht sie das Land, das sie verstieß und ihr nach dem Leben trachtete und versuchte an alte Publikationsweisen wieder anzuknüpfen: „‘Ich schreibe für den Berliner Tagesspiegel, um alte Freunde wiederzufinden.‘“ Sie trifft alte Bekannte („Nun, 1948 kam Peter Suhrkamp zu mir ins Hotel am Zoo, ein müder, alter Mann. Niemand war so gealtert wie er.“), aber auch ein Land, das sich uneinsichtig zeigt: „In Berlin hatte Hobbings Chaffeur zu mir gesagt: ‘Wir stehen nun genau da, wo wir gestanden haben, als der Hitler gekommen ist. Konzentrationslager in Oranienburg. Da war ja der Deutsche human dagegen.‘“ Die alte Welt, die Welt der Benjaminschen Schaufenstern ist endgültig verloren: „Die Schaufenster enthielten nichts, das man kaufen konnte, sondern was die Kinder ‚schöne Ausstellungsstücke‘ nannten.“

Millionen von Menschen sind in Deutschland vernichtet worden, weil man aufgeräumte Eisbecher für wichtiger gehalten hatte als die Grundlage der Moral.

Tergits Buch ist nicht nur deswegen so wertvoll, weil es Erinnerungsarbeit betreibt und eine Brücke in jene Ära baut, zu denen alle Kontinuitäten abgebrochen sind, es ist auch deswegen so lesenswert, weil es intellektuelle Kartographie einer Stadt betreibt, die in Krisenzeiten eine unheimliche geistige Produktivität zeigte. Tergits Sprache strotzt vor Selbstvertrauen, Witz und Gewitztheit – Eigenschaften, die sie bewundernswerterweise nie verlor.


Wir danken Schöffling & Co. für das Rezensionsexemplar.