„Gehen, ging, gegangen“: We become visible

Erpendeck

Als im Oktober 2012 die Gruppe von Flüchtlingen auf dem Oranienplatz in Berlin ihre Zelte aufschlugen, konnte jeder hellsichtige Beobachter zumindest eine Ahnung entwickeln, dass das Thema Flucht keines sein wird, dass von alleine verschwindet. Die Zuspitzung der Flüchtlingsdramatik und die Nominierung Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging gegangen“ für den Deutschen Buchpreis ist allerdings eine bittere Pointe. Unverhofft erhält der Text eine tagespolitische Relevanz. Doch in Zeiten brennender Flüchtlingsheime und pöbelnder Meuten in den sozialen Netzwerken ist dieser Roman ein Glücksfall: Jenny Erpenbeck schafft es die historische Blindheit der Deutschen zu entlarven und dem Hass ein humanistisches Weltbild entgegenzustellen.

Es ist noch gar nicht so lange her, denkt Richard, da war die Geschichte der Auswanderung und der Suche nach Glück eine deutsche Geschichte.

Richard, die Hauptfigur in Jenny Erpenbecks „Gehen, ging, gegangen“, ist emeritierter Professor und hat plötzlich ungeahnt viel Zeit. Beispielsweise zum Spazierengehen. Auf einem seiner Spaziergänge kommt er an einer Gruppe von Flüchtlingen vorbei, die sich auf dem Alexanderplatz vor dem Roten Rathaus in Stellung gebracht haben. Das Gespräch, das sich draus entwickelt, ist der Initialmoment der Handlung: Immer stärker sucht Richard den Kontakt zu den Flüchtlingen, besucht sie im Asylheim, lädt sie zu sich nach Hause ein oder kümmert sich um Behördengänge.

Schnell wird klar, dass in gleicherweise wie Richard das Leben der Flüchtlinge verändert, sich auch er und sein Blick auf die Dinge verändern. Von seinem heimischen Schreibtisch aus sieht er auf einen See, in dem ein paar Tage vor dem Einsetzen der Handlung ein Mann ertrunken ist. Die persönliche Tragödie eines Unbekannten wird zur metaphorischen Übersetzung der grausamen Realität im Mittelmeer. Plötzlich stellt sich ihm die Frage der Relation: Inwiefern betrifft ihn nicht das Schicksal der Flüchtlinge in gleicherweise wie das des Mannes im See? Bedauerlicherweise entwickelt der Roman gerade dort, wo er die persönliche Entwicklung Richards beleuchten möchte, seine Achillesferse. Die Beschreibungen der bürgerlichen Gegenwelt tendieren zu stark ins Plakative. Der harten Realität der Flüchtlinge wird ein Alltag aus Lachshäppchen und Opernbesuche gegenübergestellt, der plötzlich einen faden Beigeschmack entwickelt. So mag der Tagesrhythmus vieler Professoren im Ruhestand zwar aussehen, doch gerade wegen der politischen und sozialen Stabilität kommen Flüchtlinge nach Europa. Richard wird als eine Figur gezeichnet, dessen Welt nur von seinem Büro bis zum Vorgarten reicht. Das erscheint bei medialer Dauerberichterstattung über die Flüchtlingsthematik doch zu forciert. Deswegen sollte es nicht darum gehen, auf das Schamgefühl des bürgerlichen Lesers zu zielen, sondern deutlich zu machen: Wir haben die Ressourcen uns um Flüchtlinge zu kümmern.

Am Vorabend lasen sie im Stadtführer und am Sonntagvormittag spazierten sie. Hugenottische Flüchtlinge waren die ursprünglichen Siedler in den Straßen rings um den Oranienplatz gewesen, als hier noch Vorstadt war, viele Gärtner angeblich.

Während also die Hauptfigur des Romans mit seiner unbedarften Erfahrungswelt das ein oder andere Mal in Schieflage gerät, trumpft der Text dort auf, wo er auf historische Zusammenhänge aufmerksam macht, die bei aller Aufregung in Vergessenheit geraten. Richard sieht die vielen Spuren der sozialistischen Vergangenheit der DDR und macht den Leser darauf aufmerksam: Diese Stadt ist voll von Symbolen, die für eine (freilich nie eingelöste) politische Utopie standen, in der Menschen frei zusammenleben sollten. Mit der DDR verbindet sich aber auch: Auch die Deutschen waren mal von Grenzen getrennt, waren Flüchtlinge und haben ihr Leben riskiert um ein freies Leben zu führen.

Man könnte die Liste weiterführen und der Roman tut dies auch. Von den Hugenotten bis zu Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs war Deutschland immer ein Land, das von Flüchtlingsströmen nach innen oder nach außen geprägt war. Der Titel „gehen, ging, gegangen“ gibt ein historisches Konzept vor, das besagt, die Flüchtlinge von heute sind unsere Flüchtlinge von gestern. Der Ausspruch der Flüchtlinge „we become visible“ gerät dabei zum poetologischen Programm dieses Romans: „Ohne Erinnerung war der Mensch nur ein Stück Fleisch auf einem Planeten.“

Mit „gehen, ging, gegangen“ verbinden sich aber auch die Machtstrukturen der Sprache. Die Flüchtlinge in Jenny Erpenbecks Roman sind polyglotte Zeitgenossen. Auf der einen Seite waren sie durch ihre Flüchtlingsrouten häufig dazu verdammt, in verschiedenen Staaten mehrere Monate zu überleben und können deswegen gleich fünf oder sechs verschiedene Sprachen sprechen. Dadurch erscheinen sie fast europäischer als die Deutschen des Romans. Auf der anderen Seite zeigt sich, wie das brüchige Deutsch über das sie verfügen, ein Machtgefälle hervorbringt, durch das sie den deutschen Behörden und der deutschen Öffentlichkeit ausgeliefert sind. Nur wer aus einem Präsenz-„gehen“ die abgeschlossene Vergangenheit bilden kann, ist auch in der Lage irgendwo anzukommen. Sie werden zu Staatenlosen, die ihre Zugehörigkeit nicht verbalisieren können.

Zum ersten Mal kommt ihm der Gedanke, dass die von den Europäern gezogenen Grenzen die Afrikaner eigentlich gar nichts angehen. Kürzlich hat er, als er die Hauptstädte gesucht hat, wieder die schnurgeraden Linien im Atlas gesehen, aber erst jetzt wird ihm klar, welche Willkür da sichtbar wird an so einer Linie.

Die Brüchigkeit dieser Identitäten ist eine, die sie aus ihren Herkunftsländern schon mitbringen. Es gehört zur europäischen Verblendung, zu glauben, die Flüchtlinge kämen aus Staaten, die die Realität des dortigen Zusammenlebens abbilden. Die koloniale Geschichte Afrikas hat Staaten hervorgebracht, die Ethnien miteinander verbindet, die keine historischen Bezüge zueinander haben. Die Folgen sind (unter anderem) jene Gründe, die die Flüchtlingsströme in Bewegung setzen. Der Versprecher einer der Flüchtlinge („I have no body.“) ist Hilferuf und nüchterne Feststellung zugleich. Diese staatliche Körperlosigkeit zieht sich bis nach Deutschland fort, wo ihnen bürokratische Hürden den Weg in eine Staatlichkeit erschweren.

„Gehen, ging, gegangen“ ist immer dann stark, wenn er das deutsche Unterbewusstsein seziert und Zusammenhänge hervorbringt, die in der Diskussion um Flucht und Vertreibung allzu gern vergessen werden. In der aktuellen Lage allgemeiner Aufregung ist er besonnen und klug. Es hätte jedoch ein toller Roman werden können, wenn er einen weniger verschämten Umgang mit der eigenen Lebenswelt einüben würde und seine Hauptfigur nicht auf bizarre Weise weltfremd wäre.


Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass diese Besprechung auf einem Rezensionsexemplar basiert, das uns vom Knaus Verlag freundlicherweise kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde. Dies hat selbstverständlich keinen Einfluss auf die Rezension des Romans. 

2 Kommentare

  1. Lieber Gerrit,
    ich wollte die Besprechung ja nicht lesen, bevor ich meine eigene geschrieben habe. Habe ich aber nun doch. Und finde Deinen sehr differenzierten Blick auf den Roman und vor allem auch Deinen Blick auf die wierderkehrenden Motive und ihre Deutung (z.B. ertrunkener Mann im See, Bedeutung der (deutschen) Sprache) sehr schön. ZUm Glück bin ich so neugierig und habe Deinen Text nun jetzt schon gelesen.
    Viele Grüße, Claudia

    • Danke, das freut mich zu hören. Ich bin mir mittlerweile – nachdem ich noch ein bisschen länger darüber nachdenken konnte – nicht mehr ganz sicher, ob Helmut Böttiger in der Zeit nicht Recht mit seinem Satz hatte: „Gegenentwürfe zu Peltzer sind die Romane renommierter Autoren wie Jenny Erpenbeck, Ilija Trojanow oder Feridun Zaimoglu: sie setzen weniger auf literarische Mittel als auf die suggestive Besetzung von Themen.“ Möglicherweise hätte man das, auch kritischer als Böttiger das tut, stärker herausarbeiten müssen. Aber nun bin ich erst mal auf deine Besprechung gespannt!

Kommentar verfassen