George Prochniks „Das unmögliche Exil“: Panik plus Abschiedsweh

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Sich mit Flucht- und Exilerfahrungen auseinanderzusetzen, scheint heute wichtiger denn je. Bei Stefan Zweig scheint sich diese Beschäftigung doppelt zu lohnen, denn als Schriftsteller kann er wie kaum ein anderer seine innere Zerrissenheit zur Sprache bringen, anschaulich machen, was die gewaltsame Entwurzelung für den Einzelnen bedeutet. Bei ihm ist die Sache jedoch komplizierter als sie bei vielen anderen eh schon ist: als österreichischer Jude drohte ihm die Vernichtung, hätte er das Dritte Reich nicht früh genug verlassen. Allerdings floh er aus einem Land, das es bald schon gar nicht mehr geben sollte. Das führte zu dem unglücklichen Umstand, dass er bei Kriegsbeginn 1939 im englischen Exil als Deutscher identifiziert wurde. Seit Zweig Österreich für immer verließ, war er sich seiner Stellung in der Welt nicht mehr sicher und kam nirgendwo mehr richtig an. Von dem, was es heißt, im Exil zu sein, erzählt der amerikanische Autor und Journalist George Prochnik.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem sechzigsten Lebensjahr in einem kleinen brasilianischen Dorf sitzen würde, bedient von einer barfüßigen Schwarzen und Tausende von Kilometern entfernt von all dem, was vormals mein Leben war, von meinen Büchern, Konzerten, Freunden, Unterhaltungen.“  So fasste Stefan Zweig die Irrungen und Wirrungen zusammen, die ihn zum Ende seines Lebens ins brasilianische Petrópolis geführt hatten. Bis sich Zweig schließlich in dem kleinen Ort nahe Rios niedergelassen hatten, irrte der Autor durch die halbe Welt, immer auf der Suche nach einem Ort, der ihm zumindest die Idee eines früheren Lebens geben sollte: „Die Landschaft ringsherum in Petrópolis erschien ihm ‚wie aus dem Österreichischen ins Tropische übersetzt‘, wie er an Franz und Alma Werfel schrieb.“

„Panik plus Abschiedsweh, das war die seelische Situation vieler Amerikafahrer“, berichtete Hans Natonek […]

Prochnik verbindet die Schilderungen der historischen Verläufe mit der eigenen Familiengeschichte. Denn Flucht und Exil soll nicht nur als etwas im Leben Zweigs tief eingebranntes verstanden werden, sondern als elementare Erfahrung des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig ist Zweig in seiner misslichen Lage ein Privilegierter. Als Künstler von Weltrenommee musste er nicht wie viele andere fürchten an den Grenzen abgewiesen zu werden bzw. hatte überhaupt erst die Mittel sich auf die Reise zu machen. Zweigs passive Haltung wurde ihm von vielen vorgehalten, Prochnik nimmt das auf: „Zweigs Leben wirft einmal mehr die immerwährende Frage nach der Verantwortung des Künstlers in Zeiten der Krise auf: In welchem Verhältnis steht die Schuld gegenüber seinen Mitleidenden zur Schuld gegenüber der eigenen Muse?“

Die Zuflucht des Lesens hat Zweig stets sehr zu schätzen gewusst.

Anders als der in diesem Jahr erschienene Film „Vor der Morgenröte“ konzentriert sich Prochnik nicht nur auf die brasilianische Episode. Stattdessen greift er tief zurück, schildert das Leben in Wien und erste Reiseerfahrungen. Nachdem Zweig England verlassen hat, ging es für ihn nach New York, das er dieses Mal anders wahrnahm. Prochnik zeigt Zweig als einen abgekühlten Amerika-Enthusiasten. Bei den ersten Besuchen war der Österreicher vom modernen Leben in den USA noch tief beeindruckt, als Ort des Exils war ihm New York unerträglich. Auch andere Orte zeigten kein Potential dort dauerhaft sesshaft zu werden. Das lag unter anderem an einer vergifteten Atmosphäre innerhalb des Landes, aber auch innerhalb der Exilanten-Community: „Die Emigration sorgt für eine traurige Verbundenheit, die in hohem Maße aus Uneinigkeit und Feindseligkeit besteht.“ Während sich die Immigranten zu Teilen mit Gerüchten und Fußtritten untereinander das Leben schwer machten, wurde in den USA Stimmung gegen die Flüchtlinge gemacht: „In einer Industriestadt in der Nähe von New Haven machte sich das Gerücht bereit, Amerikaner würden von heute auf morgen aus Fabrikjobs gedrängt, um Platz für die Immigranten zu schaffen.“ Für einen, der über einen sensiblen Stimmungsapparat wie Zweig verfügt, kann das keine gesunde Atmosphäre sein.

Zweig war ein extrovertierter Mensch, der ständig davon träumte, introvertiert zu sein.

So verworren wie sich die Exilgeschichte des Schriftstellers präsentiert, so verworren ist zuteilen auch Prochniks Text angelegt. Der Autor wechselt gerne und häufig die Schauplätze, wirbelt die Chronologie der Ereignisse ordentlich durch und macht ausgiebige Exkurse. So lernt der Leser das amerikanische Schulwesen kennen, so wie es Zweig über die Nichte seiner zweiten Frau Lotte Altmann kennenlernt. Prochnik geht es darum zu zeigen, dass Kinder – durch die Einbindung ins Schulsystem – ungleich schneller in der Fremde heimisch werden können, was die Verstörung bei den Erwachsenen nur noch verstärkt. Auch Zweig, durchdrungen vom aufklärerischen Bildungsideal, zeigt sich empört über die Schulpläne oder freche amerikanische Kinder, samt ihrer heißgeliebten Comics. Der erkenntnisfördernde Wert solcher randstelligen Exilphänomene ist nicht immer gegeben, ohne sie hätte der Text etwas schlanker und dynamischer werden können.

Im Falle Zweigs war es immer die Farce, die zuerst da war, und dann kam die Tragödie.

Doch ganz gleich wie weit sich der Text scheinbar von Zweig entfernt, am Ende findet er immer wieder zu ihm zurück. Nach Zweigs unglückseliger Amerika-Episode schien mit Petrópolis schließlich ein Ort gefunden worden zu sein, an dem sich das Ehepaar Zweig wohlfühlen, der für Stefan Zweig zur Bühne einer nostalgischen Heraufbeschwörung von Verlorengegangenen werden könnte: „Die Cafés in Brasilien verfügten über zahlreiche Requisiten des Kaffeehauses und über keine seiner Geister. Sie waren die perfekte Bühne, um eine imaginäre Kaffeehausutopie zu beschwören.“ Dass auch die heimisch-fremde Atmosphäre der brasilianischen Cafés nicht über die Entwurzelung hinwegtrösten konnte, muss dabei nicht extra erwähnt werden. Zweigs Verzweiflung entspringt auch dabei wiederum einer dezidiert modernen Erfahrung, die der Identitätskrise: „Meine innere Krise besteht darin, dass ich nicht in der Lage bin, mich mit dem Ich meines Passes, dem Ich des Exils, zu identifizieren.“

„Die Begegnung mit Friedrich Schiller war für viele Juden realer als die mit den empirischen Deutschen.“

Prochniks „Das unmögliche Exil“ ist ein ungewöhnlicher Text, was als Auszeichnung und Kritik gleichermaßen verstanden werden kann. Obwohl es ihm darum geht, Stefan Zweig als Archetyp des Exilanten zu zeigen, beweist der Autor ein beeindruckendes Detailwissen. Auch die Idee, seine eigene Familiengeschichte einzuarbeiten, lenkt nicht etwa von dem Jahrhundertschriftsteller ab, sondern hilft, die Atmosphäre zu verstehen, aus der heraus Zweig seine Erfahrungen gemacht hat. Doch in seinem Versuch, die Irrfahrt Zweigs auf die Ebene der Struktur zu übertragen, irrt der Text selbst umher, nimmt zu viele Verästelungen. Die Lektüre erleichtert das nicht, zumal die Darstellungen auch nicht durch alle Nebenkriegsschauplätze an Tiefe gewinnen. Auch dass Prochnik zeitweise über Zweig schreibt, als wäre er ein guter Freund („Wie sehr er die geheimnisvollen, engen Straßen der Stadt liebte!“), lässt den Text distanzloser wirken, als er eigentlich ist. Doch trotz all dieser Mängel ragt dieses Buch über Exilerfahrungen immer noch unter den vielen Metern an Publikationen über einen der wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts weit heraus.


Wir danken C.H. Beck für das Rezensionsexemplar.

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