George Saunders‘ „Lincoln in the Bardo“: Die Nation ist ein trauriger Mann

Lincoln in the Bardo

Es gibt wohl kaum einen Präsidenten, der in den USA inbrünstiger verehrt wird als Abraham Lincoln, nimmt man den alten Süden mal aus. Über ihm kommt vielleicht nur noch George Washington. Selbst Donald Trump – in seiner Selbstüberschätzung grenzenlos – schätzt Abraham Lincolns historische Bedeutung vielleicht noch etwas höher als seine eigene ein. Die Geschichte seiner Präsidentschaft ist natürlich die Geschichte des Amerikanischen Bürgerkriegs und der Befreiung der schwarzen Bevölkerung aus der Sklaverei. Werke über diese Zeit gibt es heuer noch und nöcher – doch die haben sich meist von den Heldenerzählungen von Generälen und Präsidenten verabschiedet und nehmen den Blick derer ein, die den Kampf und das Leiden am eigenen Schicksal hautnah erleben mussten. Nun hat George Saunders seinen neusten Roman „Lincoln in the Bardo“ vorgelegt, der klar macht: Das Schicksal des Präsidenten kann man gar nicht von dem aller Amerikaner trennen.

Saunders kommt eigentlich von der Kurzgeschichte. Die hat zwar im englischsprachigen Raum einen besseren Stand als im Romanland Deutschland, doch auch er musste jetzt feststellen: Schreib einen Roman und dir wird gegeben. „Lincoln in the Bardo“ ist sein Romandebüt und er brachte Saunders den renommierten Man Booker Prize ein. 2018 wird das Buch in deutscher Übersetzung im Luchterhand Verlag erscheinen, was (trotz aller Preise) nicht risikolos ist, nicht nur weil Saunders Beschäftigung mit Lincoln ein sehr amerikanisches Thema, sondern auch, weil dessen Roman formal experimentierfreudig ist. Daher müsste man hinter die Gattungsbezeichnung „Roman“ auch ein Fragezeichen setzen, denn über weite Teile ist der als Dialog geschrieben, demnach gibt es auch über weite Teile keinen Erzähler und keine Erzählung im Sinne einer Narration. Etwas erzählt wird natürlich trotzdem: über den Tod von einem der Söhne von Abraham Lincoln, über den Zustand der amerikanischen Gesellschaft und darüber, was Öffentlichkeit ist.

And that day – alas – was the day of the beam.

Als die Lincolns gerade ein Dinner veranstalten zeichnet sich das Unglück ab: Sohn Willie liegt mit Fieber im oberen Stockwerk, während die Gesellschaft Washingtons zusammenkommt, um es sich gutgehen zu lassen. Er soll nicht überleben und das ist dann auch schon so ziemlich alles an Handlung, die sich in „Lincoln in the Bardo“ vollzieht. Schon während der herrschaftlichen Party zeichnet sich ab, was das bestimmende Erzählprinzip dieses Romans sein soll. Statt einen Erzähler davon künden zu lassen, was auf der Dinnerparty passiert, arbeitet Saunders mit einer Montage von historisch überlieferten und fiktiven Stimmen an, die das Geschehen kommentieren. Die sind an allem möglichen interessiert: Der Qualität des Essens, Weltgeschehen und Tratsch: „There was a great hilarity when it was discovered that a servant had locked the door of the state dining-room.“

The flower arrangements of history!

Nach dem Tod seines Sohnes besucht ein gebeutelter, in sich zusammengefallener Abraham Lincoln das Grab von Willie. Während in den irdischen Sphären ein einsamer Präsident am Grab steht, ist das Jenseitige reich bevölkert. Das Bardo, in der buddhistischen Vorstellung ein Zwischenzustand nach dem Tod und vor dem nächsten Leben, beherbergt eine ganze Reihe illustrer Persönlichkeiten, die den Präsidenten in seiner Trauer kommentieren. Wer nun Angst hat, es mit als Literatur getarnter Yoga-Esoterik zu tun zu haben, der sei beruhigt. Für Saunders ist das „Bardo“ nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Vehikel, um die (Halb)Toten zum Sprechen zu bringen.

The war was less than a year old. We did not yet know what it was.

In den unteren Stockwerken eine Party, im Oberen ein sterbendes Kind, im Diesseits ein einsamer Präsident am Grab, im Zwischenreich eine ganze Ansammlung an Menschen – Saunders Roman ist reich an diesen Missverhältnissen. Das dient dazu, der Szenerie ein kurioses Gefälle zu verleihen, aber eigentlich geht es dem Roman um mehr: In diesem Missverhältnis spiegelt sich das Missverhältnis, in dem in Gesellschaften so etwas wie Öffentlichkeit entsteht. All die hier im Bardo auftretenden Figuren haben nicht nur etwas über den Präsidenten zu sagen, sondern auch über sich selbst. Soldaten des Bürgerkriegs, ehemalige Sklaven, Mörder – sie alle versammeln sich in diesem Zwischenreich: „For we are here, but for how long, or by what special dispensation, it is not ours to […]“

In truth, we were bored, so very bored, so continually bored.

Die Frage, welcher der Roman nun nachgeht, ist, wie aus so vielen Einzelschicksalen ein gemeinsames wird. Klar ist: Das öffentliche Interesse am Tod des Sohnes des Präsidenten ist groß, im Diesseits wie im Jenseits. Um getrennte Dinge zusammenzubringen, braucht es manchmal den Zufall: „Young Willie Lincoln was laid to rest on the day that the casualty lists from the Union victory at Fort Donelson were publicly posted, an event that caused a great shock among the public at that time, the cost in life being unprecedented thus far in the war.“ Die Überschneidung beider Ereignisse illustriert: Hier wird eine historische Begebenheit greifbar über das persönliche Schicksal eines Mannes, der durch die Definition seines Amtes Repräsentationsfähigkeit auf eine ganze Nation ausstrahlt. Der Tod von Willie ist der Tod vieler Willies, die Trauer Lincolns ist die Trauer einer ganzen Nation.

The impression I carried away was that I had seen, not so much the President of the United States, as the saddest man in the world.

Das interessante daran ist, dass sich dieser Vorgang in völliger Unkenntnis des Präsidenten vollzieht: „Mr. Lincoln heard none of this, of course. / To him it was just a silent crypt in the dead of the night.“ Damit hätte der Roman ein zweites Charakteristikum von (moderner) Öffentlichkeit bestimmt: Sie ist nicht darauf angewiesen, dass Dinge in Anwesenheit aller Betroffenen thematisiert werden, es reicht, dass es ein Ereignis gibt, das in den partikularen Räumen gleichzeitig besprochen wird. Der Roman knüpft damit nicht nur an eine Tradition von Herrschaftsbeschreibung an, in der Zustand des Herrschaftskörper auch etwas über den Zustand des Beherrschen aussagt, sondern richtet auch einen Blick darauf, was Gesellschaften zusammenhält. Wenn Macron erst kürzlich im SPIEGEL-Interview in einer erstaunlichen Definition seines Amtes behauptet, Kernkompetenz der französischen Staatspräsidentschaft wäre die symbolische Macht des Amtes, dann scheint dieser Roman ihm insofern rechtzugeben, als dass die symbolische Macht des Abraham Lincolns darin besteht, mit seinem persönlichen Schicksal auf eine ganze Nation auszustrahlen und Einzelstimmen zu einem Bewusstsein zusammenzubringen: „One mass-mind, united in positive intention.“ Der Roman thematisiert damit nicht weniger als wie aus gesellschaftlicher Kakophonie („The result was cacophony.“) ein Chor wird.

I have grown comfortable having these Dead for company, and find them agreeable companions, over there in their Soil & cold stone Houses.

Saunders Roman, der auf den ersten Blick so gar nichts mit einem Colson Whitehead oder auch Toni Morrison zu tun haben scheint, beweist sich damit nicht nur als kluge Studie über Gesellschaften und den medialen Leim, der sie zusammenhält, sondern auch als Roman der Stunde: In der Beschreibung eines Präsidenten, der eben jene Fähigkeit zur Einigung einer zerstrittenen Nation besitzt, wird deutlich, was den Vereinigten Staaten momentan fehlt – ein Mann oder eine Frau, der oder die die Kakophonie einer medialen Zersplitterung zu einer Stimme zusammenführt.

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