Gerhard Falkners „Apollokalypse“: „Georg Autenrieth, also ich“

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Die Siebziger waren die liberalsten und offensten Jahre der BRD und gleichzeitig die gewalttätigsten der jüngeren deutschen Geschichte. Die größten Unruhen der Studentenrevolte waren vorüber, mit Willy Brandt und dann mit Helmut Schmidt waren nach rund dreißig Jahren CDU-Herrschaft Sozialdemokraten an den Hebeln der Macht. Außenpolitisch entspannte sich die Lage in Europa durch die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition. Die Siebziger waren aber auch Radikalenerlass, Vietnamkrieg und vor allem RAF. Auch wenn Gerhard Falkners sehr spätes Romandebüt hauptsächlich im Berlin der Achtziger und Neunziger spielt, sind diese Jahre die Keimzelle all dessen, was sich in „Apollokalypse“  vollzieht und Erklärungsmuster für den neologistischen Titel: gleich drei Seelen wohnen in Deutschlands Brust, die des Schönen, die des Verführerischen und die der Zerstörung.

Falkners Titel ist ein zusammengeschustertes Wort aus drei Prinzipien: „Dann fiel das Wort Apollokalypse: Apollo, das Prinzip des Schönen, Kalypso, das Prinzip der Verführung, und Apokalypse, das Prinzip der Zerstörung.“ Solche Dreifaltigkeiten durchziehen den ganzen Text, der Ich-Erzähler Georg Autenrieth bildet eine Gemeinschaft mit seinen Freunden Dirk Pruy und Heinrich Büttner und auch Georg Autenrieth selbst besteht aus drei Authenrieths, wenn nicht mehr. Die drei Freunde sind Kosmopoliten: „Zwar führte uns die gemeinsame Herkunft immer wieder nach Franken, aber die Fäden liefen von München nach Köln und Berlin, nach Amsterdam, London und Mailand und mehr und mehr schließlich nach New York.“ Die Narration folgt den Dreien durch die Jahre und Städte, schildert ihre Eskapaden und Frauenbekanntschaften. Ereignen tut sich in Falkners Roman im klassischen Sinne nicht viel, was auch an der Erzählperspektive liegt, die immer wieder changiert.

Wir waren so lange glücklich und verloren, bis irgendein unsympathisches Schicksal in irgendeiner Stunde X uns schließlich den Hahn abdrehte.

In seiner Struktur ist „Apollokalypse“ ein Roman, wie er zurzeit seinen Siegeszug feiert. Frank Witzels Buchpreisgewinner, Guntram Vespers „Frohburg“ oder Arnold Stadlers „Rauschzeit“ – sie alle verbindet der Blick zurück auf deutsche Nachkriegszeit, die Verweigerung chronologischer Erzählweisen und der Einsatz assoziativer Erinnerungsarbeit. Auch Falkner geht von dieser Devise aus: „Kontinuität würde ihren Sinn verfehlen, Chronologie nur auf eine falsche Fährte führen.“ So wechselt der Text immer wieder seine Schauplätze, seine Erzählperspektive und die Zeitebene, doch im Mittelpunkt steht immer wieder Berlin, das in Falkners Beschreibungen sich noch die provisorische Ungeschliffenheit erhalten hat, die nun immer weiter unter den rausgeputzten Altbaufassaden verlorengeht: „Kreuzberg kochte in diesen Tagen ein Süppchen, von dem sich heute weder der Kessel noch auch nur Spuren des Gebräus wiederfinden.“

Scheiß Freiheit, dachte er. „Wir kiffen jetzt unsere DNA!“

Falkner ist Lyriker und entspricht auch dessen Klischee als Sprachjongleur. Handlung zu erzählen, Themen auszubreiten sind seine Sache nicht, vielmehr geht es um die Herstellung einer Atmosphäre dieser Tage: „Es war der Moment der Berliner Atemwende, wo der Lebenspuls der Stadt vom Abnehmenden wieder ins Zunehmende umschlägt.“ In Berlin tummelt sich gerade David Bowie, die 80er werden mit harten Drogen begangen. Autenrieth ist mit Liebschaften beschäftigt, die alle irgendwie in die Brüche gehen, an fehlender Perspektive und schwachem Charakter: „Was die Charakterfestigkeit nun zunehmend nicht mehr gewährleistete, erreichte wenigstens die Trinkfestigkeit.“ Autenrieth ist eine unsichere Instanz, was Auswirkungen auf den Roman hat, schließlich tritt er dort als Erzähler auf. Für einige Zeit zieht er nach Steglitz um dort unterzutauchen, möchte verschwinden, wie er auch aus der Erzählperspektive immer mal wieder verschwindet.

Vollends unsicher wird seine Stellung, wenn im Verlauf des Romans herauskommt, dass er Kontakte zur Stasi und der RAF hat – er schmuggelt eine Panzerfaust von Frankfurt nach Berlin. Unter einem Decknamen operiert, entfernt er sich auch ganz greifbar von sich selbst, bis er sich seiner eigenen Identität nicht mehr sicher ist: „Es gab also einen Georg Autenrieth, der ich nicht gewesen sein konnte.“ Das lässt sich auf der ganz großen Ebene der Subjektkrise des modernen Menschen lesen oder aber – etwas pragmatischer – mit Lebenswegen wie die eines Joschka Fischers beschreiben: viele von denen, die damals dabei waren, schauen nur noch entsetzt auf ihre damaliges Treiben.

In den Siebzigern waren diese Megavokabeln unter anderem Baader-Meinhof, Terrorismus, Stammheim, Schleyer oder, auf der anderen Seite, freie Liebe, Emanzipation, sexuelle Befreiung und so weiter.

Wenn Gregor Dotzauer im Tagesspiegel von „Drogen, Sex, Revolution“  spricht, dann benennt er damit die zentrale Dreiheit dieses Romans. Denn in dieser Zeit sind Politik, Kunst und Exzess eng miteinander verwoben: „So, wie Andreas Baader gesagt hatte, Schießen und Ficken seien ein Ding, so müsse auch die Kunst Schießen und Ficken, hatte er gesagt.“ Falkner beschreibt, wie das revolutionäre Milieu einen Habitus entwickelt und aus Politik schließlich Habitus wird. Die regelmäßige Einnahme von Drogen und der Kampf gegen den Klassenfeind sind beides Techniken den Menschen kurz aus seiner Subjektkrise herauszuholen, führen ihn über Grenzen in einer Welt, die dem Menschen so handfeste Grenzen setzt.

Marquis de Sade hat gesagt, dass immer nur so viel Glück möglich ist, wie Verbote zu brechen sind, und dass alles Glück aufhört, wenn man ihm sein Unrecht nimmt.

„Apollokalypse“ arbeitet mit starken Bezügen zur antiken Mythologie und noch viel mehr zu Kleist, E.T.A. Hoffmann und der Romantik. Gezeichnet werden soll damit eine deutsche Kulturgeschichte des Eros. So wie die Romantiker die größten Schwärmer und gleichzeitig dunklen Mystiker waren, so ist auch das linksrevolutionäre Milieu, das Falkner hier zeigt, von dieser Doppelstruktur durchzogen: das Gute erträumen, das Grauen hervorrufen. Falkners Gabe diese vielen Stränge und Motive zu verknüpfen ohne dass ihm der Text durch die Finger gleitet, ist beachtenswert, zumal er ein wirkliches Sprachtalent ist, das Poesie mit Witz verbinden kann:  „Aus dem Gefühl der Ohnmacht entsteht jenes Lächeln, dessen Ursache auch eine ernste Brandverletzung hätte sein können.“ Zwar sind die vielen bundesrepublikanischen Rückblicke betagter Männer ein mittlerweile zu oft bespieltes Genre, hier findet es aber noch mal einen echten Höhepunkt.


Wir danken dem Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar. Weitere Besprechungen finden sich auf dem Buchpreisblog.

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