Gerhard Falkners „Romeo oder Julia“: Es kann nur einen geben

Romeo oder Julia

He did it again: Nachdem Falkner letztes Jahr schon sein Buch auf die Longlist des Deutschen Buchpreis hieven konnte, hat er es nun mit seinem neuen Roman „Romeo oder Julia“ auf die Shortlist geschafft. Letztes Jahr hatte er mit „Apollokalypse“ eine deutsche Mentalitätsgeschichte abgeliefert und über den Zusammenhang zwischen Eros und Zerstörungswut sinniert. Obwohl Falkners Buch zu den besseren Anwärtern auf der letztjährigen Liste zählte, merkte man „Apollokalypse“ auch die Schwierigkeiten an, die der Romandebütant mit einer Gattung hatte, die bislang nicht zu seinem Repertoire gehörte. Nun, mit „Romeo oder Julia“ sitzt Falkner schon deutlich fester im Sattel und arbeitet sich am Ereignisbegriff ab.

Dabei haut Falkner erst mal mächtig daneben, wenn er seinen Roman eröffnet: „Am 16. September 2005 ereignete sich in einem Hotel in Tirol nahe Innsbruck ein ungewöhnlich seltsamer Vorfall.“ Romanautoren können einem leidtun. Jahrhundertelang wurde ihnen eingeredet: Im ersten Satz steckt die ganze Welt! Rauf und runter wurden die ersten Sätze von Kafka durchanalysiert und zum Ideal des modernen Romans erklärt. Das setzt unter Druck, anders kann man vieles nicht erklären, was an bedeutungsschwangeren Verrenkungen in der Gegenwartsliteratur Anschauungsmaterial liefert. Falkner hat sich also für den Klassiker entschieden: tausendmal geschrieben, tausendmal gelesen. Warum der Vorfall gleich „ungewöhnlich“ und „seltsam“ sein musste, weiß wohl keiner außer dem Autor. Doch wer weiß: Vielleicht hat sich der Autor auch für das gegenteilige Prinzip entschieden. Während es bei Kafka nach dem ersten Satz nur schlechter werden konnte, kann es bei Falkner nur besser werden. Und das wird es.

„Jetzt reden Sie sogar schon von einer Katastrophe!“

Was den ersten Satz von seinen Vorbildern wie Kafka unterscheidet sind die konkreten Informationen, die er ausgibt. Die Narration befindet sich in einem Hotel nahe Innsbruck und man schreibt den 16. September 2005. Kurt „Obwohl ich Kurt heiße, bin ich Schriftsteller.“ Prinzenhorn ist zu einer Schriftstellertagung gekommen und findet eines Abends, als er in sein Zimmer zurückkehrt, die Tür geöffnet und Haare in seiner Bademöglichkeit. Jemand muss in seinem Zimmer gewesen sein! Völlig fassungslos macht er seinem Unmut über dieses Vergehen an seiner Privatsphäre Luft, nur um schließlich noch seinen Schlüssel zu verlieren. So richtig kann sich das keiner erklären, wer da in seinem Raum gewesen sein soll, doch der Einbruch in sein Zimmer ist gleichzeitig der Ausfall von dem inneren Zusammenhang der Ereignisse. Ein Vorfall ohne Auslöser, welch Horror.

Jana war die erste Person, die ich kennenlernte, die den Verlust eines nahestehenden Menschen durch Blitzschlag zu beklagen hatte.

Kurt Prinzenhorns Weg führt im Roman über Moskau nach Madrid, um schließlich in Berlin wieder zu enden. Immer dreht der Roman um die Frage, was ein Ereignis ist, welcher Determinismus ihm inne liegt und wie man in die Ereignisse eine Ordnung bringen kann – eine Frage, die die Philosophie genauso wie die Literatur betrifft. Der Roman als narrative Gattung war immer schon vor das Problem gestellt, wie er eine Ereignisfolge erzählt oder aber wie er das gerade vermeidet. „Apollokalypse“ war in dieser Frage noch relativ entschieden: So etwas wie Chronologie und Kausalität sind nichts anderes als eine Lüge, die die Menschen sich gerne im Nachhinein erzählen, um den Dingen Sinn zu verleihen. „Romeo oder Julia“ wählt in dieser Frage einen anderen Weg. Die scheinbar chronologische Erzählung stellt sich immer wieder selbst in Frage, weil den Ereignissen ihre Ursache fehlt.

„Es gibt Dinge, die brauchen weder besonders viel Zeit noch besonders viel Spielraum, um zu passieren. Ein Blitz zum Beispiel.“

Um die Reflexion darüber zu ermöglichen greift der Roman gerade in der Moskau-Episode immer wieder auf das zurück, was die Weltliteratur an Weisheiten über die strukturelle Notwendigkeit von Ereignissen zu sagen hatte: „Tschechow, in meinen Augen ein ganz anderes Kaliber, soll einmal gesagt haben, eine Pistole, die im ersten Akt auftaucht, muss spätestens im dritten Akt abgefeuert werden.“ Der Gedanke von Tschechow macht deutlich: Die Literatur hat zum Ereignis nicht nur ein theoretisches, sondern auch ein pragmatisches Verhältnis. Wer unterhalten will, wer eine Dramaturgie aufbauen will, die den Rezipienten gefangen nimmt, der hat ein paar Grundregeln zu beachten. Um die schert sich Falkner freilich nicht, doch hat er sie auf dem Schirm.

„Also, wir hatten gestern Abend, nach dem Film, auf der Hoteldachterasse diesen Workshop: über das Gehen bei Stifter und Thomas Bernhard.“

Mit Schriftstellern, die über Schriftsteller schreiben, ist das ja immer so eine Sache. Nicht nur, dass sie häufig autobiographische Lesarten provozieren, auch begnügen sie sich allzu oft in einer unangenehmen Nabelschau. Auch Falkner kann sich ein paar Kommentare in den Literaturbetrieb nicht verkneifen („Die Lyrik ist in Deutschland ja leider immer ein bisschen unterbelichtet.“ oder aber „Über die Gegenwart weiß ich meist besser Bescheid als das, was ich im Allgemeinen in der saisonalen Ausstoß-Literatur darüber zu lesen kriege.“), doch in erster Linie spielt hier ein Schriftsteller die erste Geige, weil es schriftstellerische Fragen zu klären gilt.

Ich versicherte ihr immer wieder, mehr und mehr vom Freixenet durchperlt, der abstoßendste Ausdruck der Deutschen, direkt nach Tschüs und geil, wäre: hammermäßig drauf sein!

Am Ende kehrt der Roman dann schließlich nach Hause zurück, genauer gesagt nach Berlin, noch genauer gesagt in den Prenzlauer Berg. Dort wartet auch eine Frau auf ihn, derer er sich erinnert, doch wieso? Aus einem früheren Leben oder ist sie die Person, der die schwarzen Haare im Abfluss seines Hotelzimmers gehörten? Sie bringt ihm in jedem Fall einiges an aufgestauter Verzweiflung entgegen: „Ich wollte dich töten. Genauer gesagt, ich werde dich töten. Romeo oder Julia, genau, wie du gesagt hattest. Entweder oder. Bloß kein Liebestod zu zweit.“ Man kann „Romeo oder Julia“ als tragische Liebesgeschichte lesen, die sich der dramatischen Geste seines Vorbildes verweigert und würde damit nicht irren. Doch viel mehr dreht sich dieser Roman um die Frage, wie viel Unwahrscheinliches die Literatur verträgt und wie man Ereignisse erzählt, ohne sie zwingend in einen Sinnzusammenhang zu zwängen. Damit führt Falkner das Projekt seines Vorgängerromans weiter. Auch wenn „Romeo oder Julia“ stellenweise etwas aus der Hüfte geschossen wirkt, ist Falkners Roman als symptomatisches Beispiel dafür, dass Literatur immer um die Bedingungen ihres eigenen Erzählens ringen muss, eine spannende Lektüre.


Wir danken dem Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare

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  2. Leselaunen Admin

    Ich kenne das Buch noch nicht. Es hört sich aber wirklich gut an. Das Cover finde ich sehr gelungen.

    Neri, Leselaunen

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