Gerhard Stadelmaiers „Umbruch“: Druckfarbenschwarzes Lamento

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Gerhard Stadelmaier kann mit Stolz von sich behaupten, eines der letzten Schlachtrosse der guten alten FAZ gewesen zu sein. Unter dem langjährigen FAZ-Herausgeber und Feuilletonchef Joachim Fest hat er eine Zeit erlebt, in der sich Zeitungschefs wie Fürsten fühlten und das Innere einer Zeitungsredaktion ein mystischer Raum war, der nur über wilde Gerüchte und noch wildere Anekdoten zugänglich war, als die Besprechung eines wichtigen Romans oder einer aufsehenerregenden Theaterinszenierung noch herbeigesehnt und gefürchtet wurde. Kurzum: Eine Zeit, in der es den traditionellen Medien noch gut ging. Stadelmaier hat diese Ära mit seiner Theaterkritik geprägt, nun, mittlerweile im Ruhestand, hat er sich als Romanautor versucht. „Umbruch“ ist ein Buch geworden, das Stadelmaier zerfetzt hätte, hätte man ihm so etwas auf die Bühne gesetzt.

Stadelmaier, das lässt sich sagen ohne despektierlich zu werden, ist einer, der nicht nur in einer Zeit aufgewachsen ist, als in den Medien noch alles gut war, sondern auch in einer Zeit, in der alle Augen noch auf die deutsche Theaterlandschaft gerichtet waren. Die Helden dieser Tage hießen Claus Peymann, Luc Bondy, Peter Zadek. Dass das Theater im gesellschaftlichen Bewusstsein seitdem nie wieder so wichtig war, lag vielleicht auch daran, dass es noch große Theaterautoren gab, allen voran: Thomas Bernhard. „Umbruch“ fängt die Relevanz dieser Tage ein und macht gleichzeitig deutlich: hier hat ein Autor auch in einer bestimmten Zeit Schreiben und Denken gelernt.

Sie las die Zeitung. Aber eigentlich nur, um sich zu vergewissern, dass diese sie nichts anging.

Der Einfluss eines Bernhards lässt sich nicht leugnen. Stadelmaier hat eine gewisse Grundmelodie in der Sprache, arbeitet viel mit Wiederholungsstrukturen und teilt mit Thomas Bernhard dessen Abneigung gegenüber überflüssigen Details. In „Umbruch“ heißt die Landeszeitung Landeszeitung, die Staatszeitung Staatszeitung, genauere örtliche Bestimmungen gibt es nicht, genauso wenig wie Personennamen. Bernhardesk geht es auch bei den Zeitungsgebäuden zu, während in dem nur „Turm“ genannten Zentralgebäude die hohen Herrschaften residieren, wird der Protagonist zeitweise in die Peripherie der Stadt ausgelagert, in den sogenannten „Betonbunker“.

„Die Diskussion ist eine Pest, die aus Deutschland kommt! Österreicher und Österreicherinnen! Geht in die Kaffeehäuser!“

„Umbruch“ ist so sehr Parabel wie Schlüsselroman. Dass es im Leben des Protagonisten drei Zeitungen gibt, genauso wie es in Stadelmaiers nur drei gab, verrät genauso viel wie ein Herausgeberfürst, der in seiner gleichzeitig furchteinflößenden und väterlichen Aura Joachim Fest gleicht. Immer wieder wird auch Bezug genommen auf Theaterskandale, wie Fassbinders Frankfurter Aufführung von „Der Müll, die Stadt und der Tod“ oder Claus Peymanns Spendenaktion für den Zahnersatz von Gudrun Ensslin. Der Protagonist steht dem ganzen Treiben mit Bewunderung und gleichzeitiger Geringschätzung entgegen, er macht keinen Hehl daraus, dem linken Zeitgeist – und damit schließt sich der Kreis zur FAZ – entgegenzustehen.

„Dann müsstest du Theaterkritiker werden, du kleiner, verdammter Idiot […]“

„Umbruch“ ist auf paradoxe Weise anekdotisch, ohne die Neugier des Lesers zu befriedigen. Vielmehr gilt es eine Atmosphäre einzufangen, in der Männer gewirkt haben, denen noch etwas am Journalismus gelegen war. Zwar blickt der Roman nicht frei von Ironie auf dieses Personal („Dazu rauchten sie ihre Pfeifen, wozu der Altverleger gerne mit knorziger Stimmfärbung, aber erhobener Tonlage sein Gedicht über ‚Die Kunst des Peifenrauchens‘ vortrug, naturgemäß auf Lateinisch und in streng schwingender Elegienform […]“), doch am Ende ist die Redaktion, frei von Ironie, ein sakraler Ort und der Journalismus eine transzendentale Beschäftigung: „Für die Turm-Gesellschaftsleute war der Journalismus wie eine Kathedrale.“

Der Terror hatte unsere Republik im Schreckensgriff. Er kam von links.

Die Überhöhung des Journalismus schafft dann erst die Fallhöhe, die es interessant macht, über dessen Niedergang zu erzählen. Für den Protagonisten vollzieht sich mit der Automatisierung bestimmter Vorgänge (wie des Zeitungssetzens) etwas katastrophisches: „Es war so, als hätte man der Gesellschaft vom Turm die Säulen eingerissen, die ihr geistiges Dach trugen.“ Der Umbruch, der das Zeitungslayout strukturiert, wird als Umbruch der geistigen Voraussetzungen der heilen Welt des Protagonistens wahrgenommen: „Und der junge Mann fühlte den Umbruch. Der Zeit.“

Der Tag, an dem der Chefredakteur sich selbstmorden ging, war ein heiterer.

Dass gerade für den Protagonisten in „Umbruch“ der Journalismus etwas ist, das man mit heiligem Ernst betreiben muss, erklärt der Roman aus seiner Biographie heraus. Die Familie, vor allem die Großmutter, könnte im Umgang mit Medien nicht unbescholtener sein; was nicht das eigene Weltbild bestätigt, wird gar nicht erst zur Kenntnis genommen. Auch erste eigene redaktionelle Gehversuche finden in einem Umfeld statt, in dem Journalismus als öffentliche Nachbarschaftspflege, aber bloß nicht kritische Berichterstattung aufgefasst wird: „‘Also, das geht absolut nicht! Sie kritisieren ja die Leut‘!‘“

Wenn Gerhard Stadelmaiers Roman einfach nur sentimental wäre, man könnte es im gnädigerweise durchgehen lassen. Dass der Journalismus unter finanziellen und zeitlichen Druck geraten ist und darunter so manchen Rettungsring ergreift, von dem er lieber die Hände hätte lassen sollen, dafür muss man kein Nostalgiker sein, um Stadelmaiers Roman mit Zustimmung zu lesen. Doch in seiner sehnsuchtsvollen Rückschau auf ein Redaktionsleben beschwört Stadelmaier genauso eine männerkultische Welt, von der Stadelmaier weiß, wie wenig von ihr zurückbleiben wird. „Umbruch“ ist deswegen auch der Versuch, sich selbst einen Platz in der Geschichte zu geben: „Wer am Dienstag die große Staatszeitung verlässt, sei es durch Kündigung, Tod oder Pension, ist am Donnerstag schon ganz und gar vergessen. Und es wird nichts von ihm mehr erzählt.“ Der Kulturpessimismus gehört in bürgerlichen Kreisen zum guten Ton, deswegen überrascht es nicht, dass „Umbruch“ auf einer dunklen Tonart endet: „Es kommt nichts Besseres nach.“ Gleiches hätte man auch unter Stadelmaiers letzte Theaterkritik schreiben können.


Wir danken dem Zsolnay-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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