Gertraud Klemm: Das Leben im „Aberland“

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In einem Interview mit der taz sagte Gertraud Klemm unlängst, die Österreicher hätten eine natürliche Neigung zum „auskotzen“. Wer einen Blick in ihren neusten Roman „Aberland“ wagt, nimmt ihr das sofort ab. Die österreichische Autorin hat es mit ihrer wütenden Suada gegen die Situation von Frauen in unserer Gesellschaft auf die Longlist zum deutschen Buchpreis geschafft. Doch was diesen Roman überzeugen lässt, ist wohl weniger eine ehrliche Wut als kluge Alltagsbeobachtungen.

„Aberland“ erzählt aus dem Leben von Franziska und ihrer Mutter Elisabeth. Beide Frauen kennzeichnet, dass sie verheiratet sind, Kinder haben und an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben die falschen Entscheidungen getroffen haben. In dem Moment, in welchem die Handlung einsetzt, haben sich Mutter und Tochter an ihrer beider Leben wundgerieben. An den Enden ihrer Wege hängen Damoklesschwerter über den Häuptern: Franziska, die eigentlich gerne ihre Diplomarbeit zu Ende schreiben möchte, wird von ihrem Mann Tom dazu überredet, ein zweites Kind zu bekommen und droht nun endgültig auf die Rolle der Mutter reduziert zu werden; und die 59-jährige Elisabeth, die täglich mit dem Altwerden konfrontiert ist und deren demenzkranke Schwiegermutter das Schreckensszenario des Alters bebildert.

Wir Frauen haben es da leichter, wir werden nicht so abrupt vom gesellschaftlichen Nutzen abgeschnitten, sondern in kleinen Dosen verstoßen, erst spucken die Kinder die Brust aus, dann ziehen sie sich selber an, dann verbergen sie ihre Genitalien und schließlich ziehen sie aus – und uns bleibt der Garten. Und natürlich die Enkel bzw. das Hoffen darauf.

Die Stärke des Romans sind Schilderungen alltäglicher Situationen, in denen Frauen Überforderungen ausgesetzt sind. Das gesellschaftliche Klima, das „Aberland“ bespielt, ist keins mehr, dass den Frauen ihren Platz am Herd zuweisen will, sondern dass sie am liebsten gleichzeitig am Herd, am Kinderbett, in der Chefetage und im Fitnessstudio wissen möchte. Dabei geht es nicht um einen verhüllten Reaktionismus, der die Frauen in ihrer Überforderung wieder auf eine einzige Rolle limitieren möchte, sondern darum, eine Anklage zu formulieren, wie die kapitalistische Logik der Selbstoptimierung längst seinen Weg in den Familienalltag gefunden hat. Der treffende, wie lakonische Befund der Elisabeth-Figur bringt es dabei auf den Punkt: „Zehn Jahre jünger auszusehen ist eine Pflicht geworden. Wer will schon mit 59 wie 59 aussehen.“ Die neue Frauenfeindlichkeit fordert die maximale Leistung bei der größtmöglichen Schauspielkunst: Seid Mütter, Vorstandsvorsitzende und Leistungssportlerinnen, aber lasst es euch bitte nicht anmerken.

Die Konsequenz aus solch gesellschaftlichen Druck sind familiäre Abnutzungsschlachten. Affären gehören auf allen Seiten zu einem probaten Mittel, um nicht den Verstand zu verlieren, in einer bleierner Lebensroutine: „Die Veranda, der Gartenweg neu verlegt, der Zaun ausgebessert … bis September sicher. Ich sage nichts. Aber dann haben wir zwanzig Jahre Ruhe, sagt er, mindestens. Er schiebt sich einen Apfel in den Mund und wir starren beide aus dem Fenster.“

Der Ton des Texts steht in der Tradition großer österreichischer Übertreibungskunst. Darum und wegen der kaskadenförmigen Struktur des Textes reagierte das Feuilleton mit Vergleichen zu Thomas Bernhard auf diesen Roman. Doch während Bernhards Textwucherungen sich solange um eine Sache ranken, bis der der Tatbestand, das Wort blank vor dem geistigen Auge des Lesers dasteht, sind die expansiven Wortschwalle Gertraud Klemms lediglich eine Form, der angestauten Unzufriedenheit ihrer Figuren eine textliche Gestalt zu geben. Wenn man den Vergleich ernstnehmen möchte, dann übernimmt Klemm die Bernhardsche Geste, aber nicht dessen poetologisches Programm dahinter.

Die Festlichkeiten sind Knotenpunkte, an ihnen verhärten sich Traditionen zu Gesetzen, nach denen wir innehalten und einen Schritt zurücktreten, zurückblicken, auf die Tochterrolle, Vaterrolle, Mutterrolle, Opferrolle. Es müsste ein Fest geben, das man alleine feiert […]

Der spannendere Punkt, an dem inhaltliche Überlegungen der Figuren mit ästhetischen Reflexionen zusammenfallen, ist ein anderer: Gesellschaften mit solchen Erwartungshaltungen verdammen Frauen dazu, sich im Konjunktiv zu bewegen. Und das hat Folgen für die Narration. Falls „Aberland“ überhaupt erzählt und nicht viel mehr nachdenkt, dann erzählt der Roman das „Dazwischen“ der Ereignisse. Jedes Kapitel ist mit einer abgebildeten Einladung zu einem Familienfest, Kindergartentag oder Kunstveranstaltung eingeführt. Sie bilden den Anlass der dann folgenden Reflexionen, während die eigentlichen Ereignisse der Veranstaltungen höchstens angedeutet werden.

Die Figur der Franziska steht prototypisch für den Kampf nach Handlungsfreiheit. Die Handlungsfreiheit keine Mutter zu sein, die Freiheit wie eine Mutter aussehen zu dürfen, die Freiheit in den wissenschaftlichen Betrieb zu gehen oder es zu lassen. Der Aspekt der Selbstbestimmung übersetzt sich auf der ästhetischen Ebene in die Frage nach Erzählmöglichkeiten. Eine Figur wie Franziska, die durch die Verhältnisse in die Defensive gedrängt wird, bewegt sich höchstens im Bereich des Wünschenswerten. Alles was man über Franziska erzählen kann, ist, dass sie gerne etwas tun würde.

Das große Glück des Romans ist, dass Gertraud Klemm nicht nur ein dringliches Anliegen hat, sondern gut beobachten und humorvoll schreiben kann. Manchmal verrutscht die eine oder andere Formulierung oder die Autorin reitet eine Allegorie zu Tode. Dennoch: „Aberland“ ist nicht der ganze große Wurf, aber ein Text von Relevanz.


Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass diese Besprechung auf einem Rezensionsexemplar basiert, das uns vom Droschl-Verlag freundlicherweise kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde. Dies hat selbstverständlich keinen Einfluss auf die Rezension des Romans.