Getrennte Schwestern: Yaa Gyasis „Heimkehren“

Die Anzahl der Filme und Bücher, die sich mit der Geschichte der Sklaverei, insbesondere in den USA, auseinandersetzen, hat in den vergangenen Jahren zugenommen: 2014 wurde „12 Years a Slave“ als bester Film mit dem Oscar ausgezeichnet, erst unlängst gewann Colson Whitehead mit seinem Roman „Underground Railroad“ den Pulitzer Price for Fiction. Ein weiterer Roman, der das Zeug hat, in den Kanon einzugehen, stammt von einer erst 28-jährigen Debütantin: Yaa Gyasi hat einen epischen Roman geschrieben, der 250 Jahre afrikanisch-amerikanische Geschichte erzählt.

Fante und Asante, Akan-Stämme. Zwei Völker, zwei Äste, die aus dem selben Stamm wuchsen.

Am Anfang war nicht das Wort, sondern das Feuer: In Gyasis Roman entzündet es sich Mitte des 18. Jahrhunderts an der Goldküste in Afrika, dem heutigen Ghana.
Als junge Frau wird Maame, die zum Stamm der Asante gehört, in einem Stammeskrieg gefangen genommen und muss als Hausmädchen bei einer Fante-Familie, dem verfeindeten Bruderstamm, arbeiten. In der Nacht, als sie ihre Tochter Effia, die sie mit dem Hausherrn gezeugt hat, zur Welt bringt, legt sie ein Feuer und flieht. Sie kehrt zurück zum Stamm ihrer Eltern, heiratet das Stammesoberhaupt und bekommt eine zweite Tochter: Esi. Die beiden Schwestern, die sich nie kennenlernen werden, begründen die beiden Familien, denen Gyasi in „Heimkehren“ über sieben weitere Generationen folgen wird.

Die erste, Effia, wird an einen weißen Sklavenhändler verheiratet. Sie bekommen einen Sohn namens Quey, der zur Ausbildung nach Europa geschickt wird, danach aber zurückkehrt, um eine Asante-Prinzessin zu heiraten und den Streit der Stämme beizulegen, denn es gibt einen neuen Feind, gegen den es zu kämpfen gilt: In den Kolonialkriegen kämpfen die Einheimischen für ihre Unabhängigkeit, nachdem sie zuvor noch mit den europäischen Sklavenhändlern kooperierten. Von dieser Schuld versuchen sich die folgenden Generationen zu befreien, doch dies scheint nicht zu gelingen.

Die andere Schwester, Esi, wird gefangen genommen und in der Festung von Cape Coast unter erniedrigenden Umständen festgehalten, bevor sie in die amerikanischen Südstaaten gebracht und als Sklavin verkauft wird. Von der Mutter getrennt wird ihre Tochter Ness zur Baumwollpflückerin in Alabama. Bei einem Fluchtversuch mit ihrem Mann Sam kann sie nur den gemeinsamen Sohn Kojo retten, der schließlich auf der Underground Railroad in den Norden gelangt und dort als freier Mann leben kann. Doch auch nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg ist das Ende der Unterdrückung nicht in Sicht:

In seinen Papieren stand Jo Freeman. Freier Mann. Die Hälfte der ehemaligen Sklaven in Baltimore hieß so. Man müsste eine Lüge nur lange genug erzählen, und sie wurde wahr.

Sein Sohn H – namenlos, da von der Mutter bei der Geburt getrennt – wird wegen einer Lapalie für viele Jahre Zwangsarbeit in einer Kohlemine verurteilt, seine Tochter Willie will Sängerin im New York der 1920er Jahre werden, darf aber in den angesagten Jazzläden der Metropole nicht auftreten: „Sie war zu dunkel, um im Jazzing zu singen.“

Abwechselnd widmet Gyasi die Romankapitel den Familien von Effia und Esi und führt die Nachkommen der beiden Schwestern, die sich nie kennenlernen sollten, parallel. Gleich zwei Familiengeschichten über 250 Jahre zu erzählen, das gelingt hier nur, weil innerhalb der einzelnen Kapitel nicht ein ganzes Leben, sondern nur einzelne Ereignisse innerhalb kurzer Zeitspannen, Blitzlichter aus den Biographien, erzählt werden. Ein Gesamtbild des Generationenstammbaums ergibt sich dabei trotzdem, denn Gyasi gelingt es, durch leise Verweise und Nebensätze ihre Figuren immer wieder auch zurückblicken zu lassen.

Was alle Figuren über die Generationen und über den Atlantik hinweg verbindet, ist das Ausgangsmotiv des großen Feuers, das entweder selbst Teil der einzelnen Geschichte wird oder ihnen in immer wiederkehrenden, sich gleichenden Alpträumen begegnet:

In ihren Träumen hatte das Feuer die Form einer Frau, die sich zwei Babys ans Herz hielt. Die Feuerfrau trug die zwei kleinen Mädchen bis in die Wälder im Inland, und dann verschwanden die Babys, und die Traurigkeit der Feuerfrau schickte Orange und Rot und Andeutungen von Blau zu jedem sichtbaren Baum und Busch.

Nur Marcus, der letzte Sprößling der Esi-Linie, der den Sprung aus Harlem an die Eliteuni Stanford schafft, fürchtet sich nicht vor dem Feuer, sondern vor dem Wasser – „weil sie auf Sklavenschiffen nach Amerika gebracht worden seien“, wie sein Vater sagt, „der Boden des Ozeans sei übersät mit schwarzen Leichen.“
Die Angst vor den Elementen wird in „Heimkehren“ zur elementaren Angst, die sich in die Geschichte beider Familienzweige eingeschrieben hat.

Niemand vergisst, dass er einmal gefangen war, auch wenn er jetzt frei ist.

Am Ende des Romans, um die Jahrtausendwende, kreuzen sich die Wege der Nachkommen von Effia und Esi doch noch einmal kreuzen. Es spricht für Gyasi, dass die Begegnung von Marcus und Majorie – ebenso wie ihre Ururururgroßmütter haben ihre Vornamen die gleichen Anfangsbuchstaben – deutlich weniger kitschig ausfällt, als es der Fall hätte sein können.
In jedem Fall ist „Heimkehren“ ein Roman, der das Zeug hat, noch lange gelesen und „zum Klassiker zu werden“, wie Zadie Smith bereits verlauten ließ. Dieses Buch – ob in der unaufgeregten und damit gelungenen Übersetzung von Anette Grube oder dem englischen Original – gehört in jedes Bücherregal.

2 Kommentare

  1. Habe den Roman zufällig gerade in meiner Stadtbibliothek entdeckt. Anfangs war ich unsicher, ob diese Art der Verknüpfung von kurzen Erzählungen über eine lange Zeitspanne funktionieren könnte. Klappt aber erstaunlich gut und spiegelt natürlich treffend die Erfahrung des immer wieder auseinandergerissen Werden insbesondere des amerikanischen Handlungsstrangs wieder. Schockierend finde ich, dass besonders im englischsprachigen Amazon dem Roman öfter vorgeworfen wird, sich in Gewalt zu suhlen oder gar den Leser erziehen zu wollen. Sklavenhandel und Sklaverei sind nunmal Barbarisch, und Gyasi ist nun wirklich keine Autorin, die auf Affekte aus ist. Starkes Buch und fern von sogenannter engagierter Literatur. Dass es dennoch engagiert spricht für das Werk. Bin auch noch an einer kleinen Besprechung dran…

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