Gewachsen auf Beton: Fatma Aydemirs „Ellbogen“

Aydemir_Ellbogen

Berlin ist grau, und der Berliner Wedding ganz besonders. Spätestens seit den Boateng-Brüdern, die es „herausgeschafft“ haben, ist der Arbeiterbezirk auch deutschlandweit bekannt. Hier lebt die 17-jährige Hazal, die aus einer unmittelbaren Ich-Perspektive in Fatma Aydemirs Debütroman „Ellbogen“ vom Sommer erzählt, in dem sie ihren 18. Geburtstag feiert, bis zur Eskalation. 

Juni 2016: Eigentlich will Hazal nur mit ihren Freundinnen Gül, Elma und Ebru ihren 18. Geburtstag feiern, doch bereits wenige Tage vorher deutet sich an, dass an ihrem großen Tag nicht alles glatt laufen wird. Die Handlung von „Ellbogen“ setzt ein, als Hazal in der Drogerie beim Mascara-Klau erwischt wird. Sie kann den Ladendetektiv zwar noch davon abhalten, die Polizei zu rufen, muss ihn aber mit den zusammengesparten 100 Euro bestechen, von denen sie ihren Geburtstag finanzieren wollte.

Neben dem BVB – den „Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen“ –, die sie besuchen muss, um eine Ausbildung zu finden, jobbt sie im Backshop ihres Onkels. Hazals Vater ist Taxifahrer, träumt aber meist von seinem Heimatdorf in der Türkei oder sitzt im Café, während ihre Mutter sich zu Hause mit Anti-Depressiva und Cay betäubt oder Hazals 15-jährigen Bruder Onur umsorgt, der sich alles erlauben zu können scheint und das gründlich ausnutzt, um kleinkriminellen Machenschaften nachzugehen.
Nach jener Freiheit, tun und lassen zu können, was sie wann möchte, sehnt sich die Ich-Erzählerin in Aydemirs Debütroman, und jene Freiheit verspricht sich Hazal von der Volljährigkeit.

„Mit der Zeit hat sie [Elma] gemerkt, wie anstrengend es ist, eine Türkin zu sein und wie bescheuert, da freiwillig mitzumachen. Während wir doch gar keinen Bock darauf haben, nach außen immer voll brav zu tun und alles was Spaß macht, immer nur heimlich zu machen. Und von da an hat Elma sich nicht mehr wie ein türkisches Mädchen benommen, sondern wie ein türkischer Junge: laut, unverschämt und grundlos aggressiv.“

Ihr Alltag zwischen Bäckerei, BVB und ihrem Elternhaus ist trist und perspektivlos. Sie verbringt die Zeit mit ihren Freundinnen, mit denen sie Gras raucht und shoppende Ärztetöchter in Berlin-Mitte anpöbelt. Erwischen lassen darf sie sich dabei nicht, denn das einzige, was von ihr erwartet wird ist, dass sie Cay für ihre Familie kocht, sonst soll Hazal, genau wie ihre Freundinnen, möglichst unauffällig bleiben.

„Auf der dicken Schokoglasur kleben eine Eins und eine Acht aus gelbem Marzipan. […] Jeder weiß, dass ich weder Schokotorte noch Marzipan mag, und dass es einen Scheiß bedeutet, dass ich Achtzehn werde.“

So ist das einzige Familienmitglied, dass sich für Hazals Geburtstag zu interessieren scheint, ihre Tante Semra, die jüngste Schwester von Hazals Mutter. Sie überredet die Eltern, dass Hazal bei ihrer Freundin übernachten darf und ihr damit ermöglicht, den lang geplanten Partyabend in die Tat umzusetzen. Den Hazal will mit ihren Freundinnen feiern gehen. Zusammen mit Gül und Elma fährt sie zu einem Club, doch der Einlass wird ihnen verwehrt.
Auf dem Weg zurück nach Hause eskaliert der Abend, der die lang ersehnte Freiheit bedeuten sollte. Als die drei Mädchen an der Friedrichstraße auf ihre U-Bahn warten, verprügeln sie einen Studenten. Sie flüchten, als er blutend und leblos im Gleisbett liegt.

Am Morgen danach ist Hazal klar: der Student ist tot und sie muss Berlin verlassen. Nach ihrer Schicht in der Bäckerei ihres Onkels nimmt sie die Tageseinnahmen und fliegt zu Mehmet, einer Facebook-Bekanntschaft, nach Istanbul. Doch auch hier findet sie nicht, wonach sie sucht und gerät schließlich mitten in das Zentrum einer politischen Krise, die viel größer ist, als die Eigene.

Wie authentisch Aydemirs Schilderungen sind oder nicht, soll nicht beurteilt werden. Auf den ersten Blick scheint „Ellbogen“ voller Klischees: das bildungsferne Migrantenmilieu in Berlin-Wedding, eine pöbelnde und prügelnde Mädchenbande, die eskalierende Kleinkriminalität und den sprachliche ‚Sound der Straße‘ könnte man belächeln, wären es nicht Symptome viel größerer Probleme, das Aydemirs Debütroman thematisiert. Hazals ist – ebenso wie die jungen türkischen Protagonistinnen in Elif Shafaks letztem Roman „Der Geruch des Paradieses“ – eine Entwurzelte, eine Heimatlose und auf der Suche nach ihrer Identität, denn über diese weiß sie so gut wie nichts, wie sich zeigt, als sie im Gespräch mit ihrem Mitbewohner in Istanbul erwähnt, dass sie nicht weiß, ob sie Kurdin ist oder nicht. Sie flieht schließlich in die Türkei, weil sie dort ihre Heimat vermutet, aber auch hier bleibt sie fremd:

„Die Blicke der Typen, die teetrinkend vor ihren Schuhläden abhängen, fühlen sich an wie Drohungen. Alle tragen gefälschte Armanishirts und scharf getrimmte Frisuren. Ich weiß nicht, woran, aber sie merken, dass ich nicht von hier bin.“

Der Verlust der eigenen Identität begründet sich aber auch im misogynen Gesellschaftsbild ihres Umfelds, in denen sie als Mädchen weniger zu gelten scheint. Der Mangel an Freiheit und Selbstständigkeit zwingt sie zu lügen, bis sie nicht mehr weiß, wer sie eigentlich ist:

„Vielleicht hat Elma ja recht. Vielleicht geht es mir echt nur um meinen eigenen Arsch. Vielleicht fühlt es sich mittlerweile so gemütlich an, allen etwas vorzuspielen, dass ich einfach nicht mehr checke, wer ich eigentlich bin. Ich meine, das erste, was ich nach dem Sprechen gelernt habe, war das Lügen.“

Der Frust über die sowohl geographische und gesellschaftliche Heimatlosigkeit als auch über den Konflikt mit der eigenen Identität entlädt sich in jener Nacht des 18. Geburtstag, die das symbolische Versprechen auf Freiheit und Selbstbestimmtheit ist, als sie bemerkt, dass das Versprechen nicht eingelöst wird, und sich an einem deutschen, mutmaßlich gutbürgerlichen männlichen Studenten entlädt. „Ellbogen“ erzählt von einer Spirale der Gewalt, vom Versuch einer Revolution, eines Umsturzes des Status Quo mit radikalsten Mitteln: Auf der Mikroebene äußert sich dies im Wutausbruch der Mädchen, auf der Makroebene nur wenige Wochen später im Putschversuch in der Türkei, der am Ende des Romans steht. In beiden Fällen bleiben die Revolutionen unvollendet.

„Man will Hazal helfen, man will mit ihr durch die Nacht rennen, man will wissen, wie es mit ihr und uns allen weitergeht“, heißt es auf dem Schutzumschlag des Buches, aber so einfach ist es nicht, denn mit Hazal hat Aydemir eine hochambivalente Figur geschaffen, die fast gleichzeitig Hilfsbedürfnis und Erschrecken hervorruft. Verstärkt wird dieser Effekt durch die unmittelbare Erzählperspektive des Ichs, das im Präsens spricht und den Leser im „wir“ der Freundinnen fast inkludiert.
Wie authentisch „Ellbogen“ letztendlich ist oder nicht ist, kann und soll an dieser Stelle nicht beurteilt werden, tut aber auch nichts zur Sache. Bereits in ihrem Debütroman hat es Fatma Aydemir geschafft, zu einem Erzählduktus, einem sprachlichen Sound zu finden, der durch Wiedererkennungswert besticht. Vor allem beweist dieser Roman aber Mut zur Konsequenz, vor dem sich Abgründe der Wut und Gewalt auftun. „Dieser Tritt, das bin ich“, sagt Hazal während der Prügelei. Es ist der einzige Moment, in dem sie das eigene Ich verorten kann.


Wir danken Hanser für das Rezensionsexemplar.