„Glückskind mit Vater“: Mein Name sei Boggosch

Glückskind mit Vater

Christoph Hein ist der große Chronist des Umbruchs. Anders als Autoren wie Christa Wolf oder Jurek Becker schlug Heins literarische Stunde erst nach der Wende. Seit der Wiedervereinigung beschäftigt er sich immer wieder mit Strukturen gesellschaftlichen Wandels und den Konsequenzen für Biographien. Romane wie „Landnahme“ erzählen davon, wie eine Gesellschaft von der Wucht des Kapitalismus getroffen wird und dass die Zukunft den Opportunisten gehört. Der Vorwurf, der an viele Ost-Autoren immer wieder gerichtet wurde, sie hätten nach dem Ende der DDR ihr Thema verloren, trifft Christoph Hein nicht, denn er hat sehr wohl verstanden, dass das Ende des Realsozialismus Deutschland noch sehr lange beschäftigen wird; der grassierende Rechtsradikalismus in Sachsen und anderswo geben ihm Recht. Für seinen neusten Roman „Glückskind mit Vater“ spannt er den Bogen besonders weit und beschreibt das Schicksal einer Familie – vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in unsere Gegenwart.

Konstantin Boggosch kommt mit einem langen Schatten zur Welt. Er lebt mit seiner Mutter und seinem Bruder in der ostdeutschen Provinz als die sowjetischen Streitkräfte in das Dorf kommen und die alten Strukturen aufbrechen. Die Behörden fangen an, alte nationalsozialistische Funktionäre mit ehemals verfolgten Kommunisten zu ersetzen. Seinen Vater hat Konstantin bewusst nie kennengelernt, doch alles an diesem Ort erinnert an ihn: Gerhard Müller betrieb die Vulcano-Werke, die sich seit Jahrzehnten in Familienbesitz befanden. Er war damit einer der wohlhabendsten Männer in der Gegend und gab einer ganzen Region Arbeit. Doch der einstige Patriarch schloss sich den Nationalsozialisten an, trat der Partei und schließlich auch der SS bei. In Osteuropa beging er Kriegsverbrechen, im Ort wurde ein Arbeitslager errichtet, das das Werk mit Zwangsarbeitern versorgte. Er fand sein Ende in Polen: Kurz nach Kriegsende wurde er von sowjetischen Truppen aufgegriffen und gehenkt, der Familienbesitz enteignet. Um ihrer Familie unter den neuen Machtverhältnissen überhaupt eine Zukunft ermöglichen zu können, nimmt Konstantins Mutter wieder ihren Mädchennamen Boggosch an. Doch das ändert nicht viel, die Schuld des Vaters wird für immer über das Leben Konstantins entscheiden.

Man kommt nicht durch diese Welt ohne Schuld und Scham, aber das konnte und wollte er diesem kleinen Mädchen nicht erklären, das würde es früh genug in seinem Leben selbst erfahren.

Wie die Schuld der Väter das Leben der Kinder determiniert, ist das große Thema von „Glückskind mit Vater“. Konstantin merkt schon bald, dass der neue Staat auf ostdeutschem Boden kein Interesse daran hat, den Heranwachsenden vergessen zu lassen, wer sein Vater war. Der Schikanestaat DDR markiert klare Grenzen, die der Sohn eines SS-Kriegsverbrechers nicht überwinden darf: das Abitur wird Konstantin nicht machen dürfen, so bleibt ihm höchstens eine Lehre zu einem Handwerksberuf, trotz guter Noten und einer außergewöhnlichen Sprachbegabung. Die allumfassende Enge seiner provinziellen Existenz bringt ihn schließlich zu einer waghalsigen Entscheidung: Er fasst den Entschluss, nach Frankreich zu fliehen, um in die Fremdenlegion einzutreten, obwohl er zu diesem Zeitpunkt erst vierzehn Jahre alt ist. Da die Grenzen noch nicht geschlossen sind, gelingt ihm dies auch – über den Umweg München, wo er seinen Onkel Richard Müller kennenlernt, einen unverbesserlichen Nationalsozialisten. In Marseille angekommen zerplatzt der Traum vom Abenteuer in der Fremdlegion jedoch rasch. Im Aufnahmebüro wird er nur ausgelacht und vor die Tür gesetzt. Doch wie so häufig in diesem Roman ergibt sich aus einem Unglück das nächste Glück: Über Umwege lernt Konstantin einen Antiquar kennen, der von seinen Sprachkenntnissen beeindruckt ist. Und so fängt Konstantin an, in der Ferne als Übersetzer zu arbeiten.

Seit ich denken kann, heiße ich Boggosch.

Doch auch in Marseille gibt es kein Entkommen vom unglückseligen Vater: Mit der Zeit stellt sich heraus, dass die Männer, für die Konstantin Korrespondenzen in verschiedene Sprachen übersetzt, Mitglieder der Resistance waren und in Gefangenschaft für – wie sie ihn nennen – den „Vulkan“ arbeiten mussten. Konsterniert kehrt Konstantin in die DDR zurück. „Glückskind mit Vater“ schreibt gegen die Illusion an, dass es im Angesicht der Geschichte eine Außenposition geben würde, von der sich historische Abläufe betrachten ließen. Selbst wer nicht unmittelbar an Verbrechen beteiligt war, ist von ihren Konsequenzen betroffen – besonders in einem Staat, der nicht bereit ist, zu vergessen. Dabei kämpft Konstantin um Selbstbestimmung: Die Wahl Konstantin Boggosch und nicht Konstantin Müller zu sein, ist nichts anderes als der Versuch erzählerische Freiheit über sein eigenes Leben zu gewinnen. So schlüpft er während der Romanhandlung in unzählige Rollen: Konstantin als Übersetzer, Konstantin als Filmstudent, Konstantin als Lehrer, Ehemann und Vater. Doch schlussendlich steht er immer wieder vor dem Punkt, der sich seiner eigenen Entscheidungsmacht entzieht: der Vergangenheit seines Vaters.

Mein Vater hat so viele Menschen auf dem Gewissen. Und jetzt bringt er auch noch mich um.

Eine solche Geschichte ist in der DDR ganz besonders gut aufgehoben, schließlich war der SED-Staat ein Aktenmonstrum, das – wenn es sich einmal erfasst hatte – nie wieder in Ruhe ließ. Christoph Hein beschreibt sehr genau, wie auf Individuen Druck ausgeübt wird, ihnen Zukunftsperspektiven genommen werden, bis sie sich völlig mürbe ihrem Schicksal ergeben. Heins Protagonist Konstantin zieht seine eigenen Lehren aus diesem Umstand: Er wählt ein Leben in der DDR, in dem er mit „indifferenter Unentschiedenheit“ (wie es ihm von einem SED-Parteifunktionär bescheinigt wird) der staatlichen Ideologie begegnet. Er wählt keinen Weg des Widerstands, aber zieht die Lehren aus der Vita des Vaters: „Ja, und deswegen werde ich nirgends eintreten. In keine Partei und in keinen Verein. Das ist die Lehre, die ich gezogen habe.“

Ich bin der, der vor den Häftlingen steht. Der sie in seinem Werk arbeiten lässt, bis sie tot sind. Der totbringende SS-Mann. Der verurteilte Mörder. Der, den sie am Ende des Krieges an einem Galgen aufhängten.

Christoph Heins waghalsige Entscheidung, sich einem so epischen Stoff zu widmen, gelingt leider nicht vollständig. Er vollbringt es zwar, rund siebzig Jahre deutscher Geschichte in Form einer Bildungs- und Familiengeschichte als Parabel auf die Unmöglichkeit der Geschichtsverweigerung zu erzählen, jedoch vergisst er vor lauter Erzählen das Literarische. Da ist selten ein Moment der poetischen Verdichtung, nur sporadisch ein Bild, das das Thema einfängt. Heins Prosa zeichnete sich schon immer durch einen nüchternen Realismus aus und der war immer dort adäquat, wo es um soziale Realitäten und vom Umbruch kahlgefegte Gesellschaften ging. Doch vor den großen Bögen dieses provinziellen und gleichzeitig weitgereisten Romans kapituliert Heins Sprache und flüchtet sich immer wieder in Klischees. Es ist ein Jammer, dass ein Text, der immer auch über die Möglichkeiten nachdenkt, eine eigene Sprache den staatlichen Sprach- und Denkvorschriften entgegenzusetzen, seine eigene Sprache nicht radikaler anlegt und eine subversive Ästhetik schafft. So ist „Glückskind mit Vater“ eine aufregende Zeitdiagnostik, aber keine aufregende Literatur.


Wir danken dem Suhrkamp-Verlag für das Rezensionsexemplar.

5 Kommentare

  1. Sehr stimmige Besprechung. Mir geht es ähnlich. Es ist eine sehr gut erzählte Geschichte ohne sprachliche Highlights. Aber das ist vielleicht auch nicht Heins Sache …

    • Danke dir! Das stimmt, Hein war noch nie jemand, der sprachliches Feuerwerk gezündet hat. Aber in dieser weitschweifigen Parabel läuft die Sprache irgendwie leer, wenn die vielen Standpunkte, die der Text vertritt, nicht auch ästhetisch eingefangen werden.

      • Es ist nicht Tellkamps Turm, dennoch hat mir der Roman sehr gut gefallen. Jetzt kommt als nächstes eben wieder etwas sprachlich interessanteres …

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