Götz Aly (Hrsg.): Siegfried Lichtenstaedter – Prophet der Vernichtung: U.R. Deutsch

Finanzbeamten hängt nicht der Ruf nach, über prophetische Fähigkeiten zu verfügen. Doch an diesem Siegfried Lichtenstaedter war so gut wie nichts gewöhnlich. Denn der studierte Orientalist trat neben seiner beruflichen, eher spröden Tätigkeit als kluger, weitsichtiger Essayist auf und gilt – so zumindest die Verlagsankündigung des S. Fischer Verlags, wo nun Schriften Lichtenstaedters unter Herausgeberschaft von Götz Aly erschienen sind – als derjenige, der „den Holocaust vorhersagte“. Die Lektüre der nun wiederaufgelegten Texte scheinen diesen Eindruck zu bestätigen. Denn Lichtenstaedter wusste als jemand, der sich intensiv mit dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches beschäftigte: Der Verlauf des 20. Jahrhunderts wird sich an der Frage entzünden, ob ein gesellschaftlicher Friede zwischen Mehrheitsregimen und Minderheitengruppen möglich sein wird.

„Am 6. Dezember 1942 wurde auch Siegfried Lichtenstaedter, der so vieles vorhergesehen hatte, im Alter von knapp 78 Jahren im KZ Theresienstadt ermordet.“ Es folgt einer tragischen Ironie, dass Lichtenstaedter am Ende zur Kassandra seiner selbst wurde: Der Dringlichkeit seiner eigenen Warnungen nicht folgend, wurde er von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet. Dabei hätte er einige Gelegenheiten gehabt, dem Naziregime zu entkommen. Mitte der Dreißiger war er auf Verwandtschaftsbesuch in Palästina, machte jedoch kehrt und reiste zurück nach Deutschland, als er realisierte, dass er als mittlerweile schon alter Mann den Anforderungen eines sich im Aufbau befindenden Staates nicht mehr genügen kann.

Ihm blieb bis zum Ende die Rolle des Intervenierenden und Provokateurs, die er mit beeindruckendem Mut und fast lustvoll ausübte. So reagierte er auf die Namensänderungsverordnung der Nationalsozialismus, in dem er sich gleich seines deutschelnden Namens entledigte: „Im September 1938 beantworte Lichtenstaedter, seinen betont deutschen, von seinen Eltern als assimilatorische Hilfe gedachten Vornamen Siegfried in Sami umzuwandeln.“ Doch das eigentlich Provokante waren immer seine Texte, die er in Zeitungen und Buchpublikationen veröffentlichte, häufig unter Pseudonym, wie dem des U.R. Deutsch.

Texte, die man grob in zwei Genres unterteilen kann: Scharfe Satiren und eher historisch angelegte, politische Analysen. Als Orientalist beschäftigte sich Lichtenstaedter viel mit dem osmanischen Raum bzw. den Nachfolgestaaten, die aus dem Osmanischen Reich hervorgegangen ist. Besonders interessierte ihn das Verhältnis der muslimischen Mehrheit (die sich wiederum in Türken, Araber, Bosnier etc. teilte) zu den nicht-muslimischen Minderheiten wie den Armeniern oder Griechen. Im Genozid der Armenier oder der wechselseitigen Vertreibung von Griechen und Türken sah er den Zentralkonflikt des 20. Jahrhunderts sich ankündigen: Das Verhältnis der Mehrheit zur Minderheit. Sehr klug erkannte er, dass Mehrheit und Minderheit nicht einfach nur quantitative Verhältnisse innerhalb einer Bevölkerung beschreiben, sondern dass Minderheiten immer in der Gefahr Leben als rechtsfreie Subjekte behandelt zu werden: „Statt ‚Minderheit‘ wäre daher richtiger ‚Nicht-Staatvolk‘ […]“

Obwohl er mit aller Entschiedenheit und Klarheit über die Verbrechen seitens der osmanischen Herrscher spricht, kann er eine gewisse faszinierte Osmanophilie kaum verhehlen. So schreibt er in einem anderen Text eine Art Verteidigungsrede gegen vielleicht etwas wohlfeile Kritik der Westmächte an Massakern im Osmanischen Reich und zählt die (meist kolonialen) Verbrechen der Franzosen und Briten auf: „Und wenn ich nun gar von Afrika reden soll!“

Die eigentliche Faszination geht jedoch von Lichtenstaedters satirischen Texten aus, die mal utopische Gesellschaft entwerfen, mal die Geschichte Deutschlands umschreiben. Der Autor entwirft in einem Text den Staat „Anthropopolitanien“, durch dessen Bevölkerung ein Aufschrei geht, als die einzige Stelle als Gerichtsvollzieher an einen Juden vergeben wird. Empört formiert sich die Gegenöffentlichkeit, beharrt auf ihr Recht als Mehrheit: „‘Denn Anthropopolitanien ist ein arischer Staat, ist ein christlicher Staat, ist ein Kulturstaat. Merken Sie sich das!‘“ Zur Stärkung des eigenen Selbstverständnis ist die anthropopolitanische Gesellschaft dann auch noch ganz ähnlich organisiert wie das Dritte Reich in seiner Vereinigungs- und Clubwut: „‘Der Anthropopolitanische Skatklub verfolgt die Aufgabe, das Skatspiel im anthropopolitanisch-völkischen Geiste und in einer der arischen Rasse würdigen Weise zu pflegen.‘“

Dass ein derartiger Text von Götz Aly herausgegeben wurde, scheint plausibel; ist es doch eine von Alys zentralen Thesen in seinen historischen Analysen, dass ein Element der Anziehungskraft der Nationalsozialisten darin bestand, dass durch die Entfernung gutausgebildeter jüdischer Beamter etc. Platz für nichtjüdische Deutsche geschaffen wurden, denen die überproportionale Zahl an jüdischen Deutschen in hervorgehobener Stellung schon immer ein Dorn im Auge war. Lichtenstaedter beschreibt in seiner Satire also vor allem eine Konfliktlinie des sozialen Aufstiegs, den die Nationalsozialisten dadurch auflösten, dass sie Juden aus Ämtern entfernten, enteigneten und entrechteten. Lichtenstaedter, in der Intonation der Nationalsozialisten dazu: „‘Wir müssen bedenken, dass jeder jüdische Professor, jeder jüdische Beamte einen Abkömmling des deutschen Volkes verdrängt.‘“

Der Ton ist ein weiteres Wesensmerkmal Lichtenstaedters Texte und gleichzeitig eine weitere Zumutung und Provokation. Denn seine Aufsätze und Satiren sind häufig so nah an der Tonalität der Nationalsozialisten geschrieben, dass eine kontextlose Lektüre nahelegen könnte, man hat es mit Originaltexten aus der Nazifeder zu tun. Darin liegt aber auch die große Stärke Lichtenstaedters, denn dadurch, dass sich seine Satiren nicht gleich als offensichtliche Satiren offenbaren, gewinnen sie an Subversion und Provokationspotential. Und Provokateur ist Lichtenstaedter mit Leidenschaft, auch wenn er eine der heiligen Kühe der Deutschen ins Visier nimmt: „Die Gemahlin des niedersächsischen Junkers Kuno von Bismarck, Stammesmutter des ‚ersten deutschen Reichskanzlers‘, war eine Jüdin. Sie hieß Sarah, war im Jahre 1126 als Tochter des reichen Handelsjuden Moses Levi geboren […]“

Die Frage des gesellschaftlichen Friedens in der Weimarer Republik wird sich, das war Lichtenstaedter schon früh klar, unter anderem am Kleinmut der Deutschen entscheiden: „Ein Gemisch aus Versagensangst, mäßig getarntem Neid, Bosheit und Habsucht.“ Er machte sich jedoch keine Illusionen, dass die Mehrheitsgesellschaft sich ihren Vorteil notfalls auch gewalttätig erstreiten würde: „Wenn man also schon uns vergewaltigen will, so können wir wenigstens verlangen, dass man ehrlich erklärt: ‚Wir haben die Macht; Macht geht vor Recht!‘“ So sehr wie in einem Rechtsstaat der Schutz der Minderheit vor und durch die Mehrheit garantiert wird, so sehr wird die Minderheit im Unrechtsstaat Opfer der Willkür der Mehrheit. Lichtenstaedters Rufe verhallten ungehört: „Ich bin, trotz meiner 73 Lebensjahre, ein homo ignotus, einem breiten Publikum praktisch unbekannt.“ Und auch eine seiner letzten Hoffnungen erfüllten sich leider nicht, weil bis heute die Forschung nicht weit genug ist: „Zur Heilung der deutschen Volksseuche Antisemitismus empfahl Dr. Lichtenstaedter 1926 unter dem Pseudonym U.R. Deutsch die ‚Einspritzung von, sagen wir, Antistupidinin.‘“


Wir danken dem S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.