Gomes/Thermanns „Berge, Quallen“: Verirrt auf dem Assoziationspfad

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Was zeichnet einen erfolgreichen Kriminalroman aus? Ein etwas verschrobener, alkoholabhängiger Ermittler, mit dem der Leser sich aber trotzdem identifizieren kann, ein geekiger Sidekick, vielleicht ein Hackergirl oder ein dicker Tollpatsch, ein knackiger Mord, ein ungewöhnliches Setting, etwa eine Zeche im Ruhrgebiet oder ein Nudistendorf an der Ostsee, und vor allem: Suspense. Zwar entspringt die Spannung aus einem Moment der Unsicherheit über den Verlauf der Handlung, die Identität des Täters etc., um diese Unsicherheit herzustellen, ist der Leser jedoch auf einen nachvollziehbaren Handlungsverlauf, eine gewisse chronologische Ordnung und plastische Figuren angewiesen. Daher hat sich das Autorenduo Mário Gomes und Jochen Thermann gedacht: verzichten wir auf all das und schreiben mit „Berge, Quallen“ einen Anti-Krimi. Was auf dem Papier interessant klingt, erweist sich bei der Lektüre als quälend.

Mexiko, Polen und Sizilien sind keine Orte, die viel gemeinsam haben. Doch in „Berge, Quallen“ verbindet sie ein feingewobenes, so hauchdünnes Band, das wohl nur noch die Autoren erkennen. In Polen wird der Altersheimleiter Roman Blaszczykowski aufgrund von grauenhaften Vorfällen entlassen, in deren Folge verstümmelte Leichname gefunden werden, der Boss einer kriminellen Vereinigung Schmittkopf wird entführt und umgebracht und eine Frau namens Viola Nespoli verschwindet. Der Roman des Autorenduos Mário Gomes und Jochen Thermann macht viele Handlungsstränge auf einmal auf, freilich nicht schön geordnet nacheinander, sondern parallel, vom Ende her erzählt und möglichst unverständlich.

„Gut, aber warum tilgen Sie dann alle Spuren, wenn jemand hier im Bad gestorben ist?“

Der Versuch, diese Stränge zu entwirren und zu ordnen, würde nicht nur zu viel Kraft rauben, es wäre auch nicht im Sinne des Texts. Denn „Berge, Quallen“ ist ein Gedankenexperiment, das übliche Lesarten auf den Kopf stellen soll:

Die Metapher missfiel ihm. Von einem Puzzle konnte hier überhaupt nicht die Rede sein. Ein Puzzle war etwas völlig anderes. Ein Puzzle bestand aus mehreren Teilen, die sich auf irgendeine Art und Weise zusammenfügen ließen, so dass sich am Ende ein Bild ergab. In dieser Geschichte aber hing offenbar nichts mit nichts zusammen und das lag nicht etwa daran, dass Puzzleteile fehlten, sondern schlichtweg an der Beschaffenheit der Sache selbst.

Zusammenfügen soll sich in diesem Text nichts, viel mehr werden Orte und Personen solange durchgewirbelt, bis alles zusammenhängt und eine Unterscheidbarkeit zwischen Täter, Opfer und Beobachter nicht mehr zulässig ist.

Oft erliegt man dem Eindruck, als führten zwei gänzlich unabhängige Kausalitätsketten zu einer einzigen Folge.

Um diesen Effekt zu erreichen, arbeitet der Roman mit Namen und Begriffen, die sich gleich wieder in mehrere Bedeutungsdimensionen aufspalten. Im Text wird dafür das Motiv der Mispeln gefunden: „Ich lese gerade über Mispeln, genauer gesagt über eine alte japanische Sage, der zufolge jede einzelne Mispel eine Welt wie unsere enthält. In jeder Mispel doppelt sich unsere Welt, und auch in dieser Welt gibt es wiederum Mispelbäume, an denen andere Welten gedeihen, und so weiter und so fort.“ Der Name einer der Ermittler Kottwitz verweist auf den früheren Namen Cottbus‘, genauso wie auf die polnische Stadt Kotowice, die als Teil Deutschlands noch Kottwitz hieß. Der Name der verschwundenen Frau Viola Nespoli taucht in einem anderen Kapitel als der eines Pferdes auf, Schmittkopf ist gleichzeitig die Bezeichnung für ein Staubsaugermodell. Polen ist nicht nur in Europa, sondern als Stadt Poland im US-amerikanischen Bundestaat Maine.

Bei Kottwitz liefen alle Fäden zusammen.

In „Berge, Quallen“ wird sich immer wieder selbst erklärt; ein Puzzle ist es nicht, aber vielleicht ein Sandwich: „Jede Schicht steht für sich; und doch ist es das Zusammenspiel, das den Geschmack des Sandwiches ausmacht.“ Wäre dieser Roman ein Sandwich, es wäre ein zwanzigschichtiges, viel zu reichhaltig belegtes, instabiles Sandwich, das so kompliziert zu essen ist, dass man es nach ein paar Bissen frustriert wegwirft. „Berge, Quallen“ liest sich wie eine schlaue Idee, die einem in der Kneipe nach fünf Bier kommt. Einen Anti-Krimi zu schreiben, in dem irgendwie alles zusammenhängt, klingt erst mal schmissig. Doch die Autoren waren scheinbar so verliebt in ihre Idee, dass es ihnen genügte, den Verwirrungskreisel immer schneller zu drehen, bis man resigniert. Die deutschsprachige Literatur kann experimentellen Mut gebrauchen, hier ist aus Mut allerdings Übermut geworden.


Wir danken diaphanes für das Rezensionsexemplar.

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