Guntram Vespers „Frohburg“: Ein literarischer Messie

Frohburg

Frohburg ist eine sächsische Kleinstadt, sie verfügt über rund 10.000 Einwohner, ist Teil des Landkreises Leipzig und liegt an der Grenze zu Thüringen. Otto Nuschke, der Vorsitzende der DDR-CDU, ist in Frohburg geboren, Frauke Petry soll auch mal dort gewohnt haben. Normalerweise wäre das das einzige, was der durchschnittliche Deutsche sich gerade noch von dem sächsischen Örtchen merken würde, wäre da nicht am 17. März 2016 etwas Eigentümliches geschehen: Der in Vergessenheit geratene Guntram Vesper war mit einem Ziegelstein von Buch nach Leipzig gekommen, für den ganz großen Wurf. Mit dem Gewinn des Preises der Leipziger Buchmesse stand der fünfundsiebzigjährige Schriftsteller plötzlich im Rampenlicht und mit ihm seine Heimatstadt Frohburg. In der Begründung der Jury heißt es über Vespers Roman: „Die Sätze in diesem Buch sind lang, oft bringen sie gleich mehrere Perspektiven zusammen, und sie sind stets konkret, geatmet, nah dran an der Mündlichkeit.“ Lang sind die Sätze tatsächlich, genauso wie der Roman ein langer ist. Ein furchtbar langer Roman, bei dem die Zeit noch viel länger wird.

Guntram Vesper ist gleichzeitig Teilnehmer wie Außenstehender der deutschen Nachkriegsliteratur. Nachdem die Familie im Jahr 1957 in den Westen geflohen war, machte sich Vesper schnell einen Namen als aufstrebender Schriftsteller und knüpfte Kontakte zu wichtigen Geistesgrößen der Zeit. Sein Schreiben verhalf ihm immerhin zu einer Einladung der letzten Tagung der Gruppe 47 in Waischenfeld, bei der er jedoch nach eigener Aussage von Marcel Reich-Ranicki ziemlich abgewatscht wurde. Was folgen sollte war ein Leben in der zweiten Reihe. Vesper publizierte weiter und war den Kennern der deutschsprachigen Literatur geläufig, doch die Bedeutung seiner prominenten Zeitgenossen wurde ihm nie zugesprochen. Das Thema der Heimat und seine Geburtsstadt Frohburg sind die großen Kontinuitäten seines Werks, 1985 hat er bereits einen gleichnamigen Roman publiziert.

Die Aussicht aus der Bodenkammer. Einmal fast, laut Großmutter. In alle Straßen, alle Gassen sahst du hinein. Rundblick auf die Umgebung.

Vesper nähert sich seinem Beschreibungsgegenstand von einem Punkt der genauen Ortsbestimmung. Einem literarischen Architekten gleich errichtet er zunächst die Welt, die er daraufhin betritt. Den Schauplatz des Romans als Frohburg zu bestimmen wäre jedoch zu wenig. Die sächsische Kleinstadt ist viel mehr der Ausgangs- und Knotenpunkt der Narration. Frohburg ist ein Zwischenort, von dem aus sich der Blick auf eine historische Landschaft eröffnet: „In Frohburg war das, auf halber Fernstraßenstrecke zwischen Leipzig und Chemnitz, dort, wo die Tieflandsbucht, die Kohlenebene aufhört und das sächsische Hügelland anfängt, eine Vorstufe des Erzgebirges.“ So lässt sich die literarische Stadt Frohburg auch nur aus seinem Kontext heraus erklären und erzählen – Leipzig, Dresden, ja, sogar Berlin geben das vor, was sich in Frohburg im Kleinen vollzieht.

Die Geschichte muß ich mir merken, sagte Loest, vielleicht schenken Sie mir die ja zur gelegentlichen Verwendung.

Der Ich-Erzähler ist nach dem Vorbild des Autors konstruiert und so schildert „Frohburg“ entscheidende Ereignisse aus dem Leben Guntram Vespers: Eine Polio-Erkrankung, die den jungen Erzähler für einige Zeit in die Isolierung zwang, erste Lieben, erste Verlusterfahrungen, die Flucht in den Westen und schließlich die episodische Rückkehr in die Heimatstadt. Seine Geschichte ist aber nur eine von vielen. Die Stadt als Summe von Anekdoten ist ein dicht verwobenes Netz von Erzählungen, das der Roman auf tausend Seiten ausbreitet. Darunter sind Geschichten von Wunderheilungen, genauso wie Kriminalfälle. Der Text betritt damit nicht nur laufend abwechselnde Narrative, sondern auch Genres, die das Antlitz der Stadt jeweils verändern: In „Frohburg“ ist Karl May ein bestimmender Topos. Seine Geschichten vom Wilden Westen und den immer wieder auflodernden Goldräuschen werden als Folie über ganz reale sächsische Phänomene gelegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im sächsischen Erzgebirge im großen Stil Uran abgebaut, das zum neuen Gold des atomaren Zeitalters geworden war. Durch diese ständigen Genreverweise wird Frohburg zu einem lesbaren Gegenstand, der dem Erzähler und Leser erfahrbar wird.

Wer bisdn, und wo willstn hin, hier, wo die Welt zu Ende ist.

Doch in Wirklichkeit steht und fällt Vespers Roman mit seiner Form. Die Erzählstruktur von „Frohburg“ ist assoziativ organisiert. Der Text wehrt sich gegen die Vorstellung, dass sich Leben chronologisch erzählen lassen. Darum bewegt sich der Roman in konzentrischen Kreisen, dessen Mittelpunkt jeweils Frohburg ist. Die Perspektive des Ich-Erzählers ist dabei nur eine unter vielen. In den Text ist die Zerstörungsgeschichte der sächsischen Naturlandschaft genauso eingewoben wie das Scheitern der kommunistischen Revolutionsbewegungen während der Weimarer Republik. Damit zeugt „Frohburg“ vor allem davon, was Frohburg und Umgebung nicht mehr ist: Industrielles Powerhouse Deutschlands, politisches Zentrum der sozialistischen Bewegung, Wirkungsort bedeutender Geistesgrößen. All das brachte zuerst der Zweite Weltkrieg zum Einsturz und die DDR stülpte über die Ruinen eine vierzigjährige Käseglocke, von der sich das Land nur langsam wieder erholt.

Buchherstellung, Buchhandel. Dafür stand Leipzig auch noch nach dem Krieg.

Leider muss man jedoch schon nach den ersten hundert Seiten sagen, dass dem Roman seine Erzählstruktur, die eigentlich eine Unstruktur ist, auf die Füße fällt. Anstatt nach und nach ein vollständiges Bild zu ergeben, evoziert der Text vor allem Konfusion. Scheinbar geht der Autor davon aus, dass wild zusammengewürfelte Glasteile schon ein Mosaik ergeben würden. Dadurch, dass sich „Frohburg“ jeder erzählerischen Ordnungsleistung verwahrt, wird die Lektüre zu einer quälenden Tortur. Dabei ist eine Bedingung für die literarische Unordnung die Fähigkeit, sie zu strukturieren. So reiht sich eine Anekdote an die nächste, historische Querverweise sind wahllos verknüpft, ganz so, als sei der Roman eine Resterampe narrativen Überschusses. Verbunden mit einer Sprache, die der Abenteuerlichkeit eines Besuches des örtlichen Gullideckel-Museums gleichkommt, ist „Frohburg“ gleich der zweite kräftige Wind in die Segel derer, die eh schon eine schlechte Meinung über Deutschlands viele Literaturpreise haben.

Interessanterweise ist „Frohburg“ das zweite Monstrum, das in jüngerer Zeit einen der wichtigsten Preise erhalten hat. Vespers Roman hat erstaunlich große Gemeinsamkeiten mit Frank Witzels „Rote Armee Fraktion“-Text, der den Deutschen Buchpreis 2015 erhalten hat. Beide sind Riesenwerke, die die Autoren über viele Jahre herangezüchtet haben und beide sind fragmentarisch strukturiert. Darüber hinaus verhalten sie sich komplementär zueinander: Während Witzel die alte BRD thematisiert, steht in „Frohburg“ die DDR in ihrem historischen Vor- und Nachlauf im Zentrum. Schon Witzels Auszeichnung konnte einen wundern, mit der Kür Vespers zeichnet sich ein Trend ab: Kurioserweise scheinen die Jurys hierzulande der Meinung zu sein, eine ausgeklügelte Romanstruktur sei eine Verschrobenheit des 20. Jahrhunderts, der man entgegenwirkt, in dem man das ungeplante Chaos als besonders innovativ verkauft. Wie man aus einem emanzipatorischen Impetus nicht-hierarchische Texte schreibt und trotzdem eine innere Struktur erkennbar macht, lässt sich bei Autoren wie Alexander Kluge oder Thomas Harlan nachvollziehen. Den Witzels und Vespers dieser Republik genügt es Texthalden aufzuhäufen, neben die sich die selbsterklärten Literaturexperten klatschend positionieren.

Die Zeiten waren so, der Verlust des eigenen Kindes durch vollständige Verkrüppelung konnte den Eltern schlimmer erscheinen als der Tod.

Ferner scheint es Guntram Vesper auch um etwas anderes zu gehen: Zum Ende des Romans ruft der Text eine Episode auf, in der von einer Frau erzählt wird, die als gebrochenes Phantom in der Gauck-Behörde rumgeistert, um aus ihren Stasi-Unterlagen bislang nicht nicht anerkannte Rentenansprüche abzuleiten. Zu spätem Recht zu kommen ist ein entschiedenes Thema in „Frohburg“: das späte Recht dieser Frau, das späte Recht der Stadt Frohburg, die in vierzigjährigem realsozialistischen Winterschlaf lag und auch irgendwie das späte Recht des Ich-Erzählers, der trotz aller erzähltheoretischer Bedenken, natürlich auch Guntram Vesper ist. Anders sind die vielen Passagen nicht zu erklären, in dem der Text das Verhältnis des Erzählers zu berühmten Zeitgenossen wie Kempowski, Bloch und anderen verhandelt. Hier versucht sich jemand ganz bewusst in die Literaturgeschichte Deutschlands einzuschreiben, von der er vergessen wurde. Das kann einem auf einer empathischen Ebene Leid tun, jedoch sollten sich eine wichtige Auszeichnung wie der Preis der Leipziger Buchmesse nicht als Rächer der Entrechteten verstehen, sondern eine wichtigere Aufgabe erfüllen: wirklich aufregende Literatur auszeichnen. Vielleicht nächstes Jahr.

4 Kommentare

  1. Oh, oh! Da kann ich jetzt leider den „Gefällt mir“ Button nicht drücken, denn es regt sich starker Widerspruch. Vesper und Witzel (in einem Atemzug) vorzuwerfen, sie häuften banale Texthalden auf und schrieben planlos vor sich hin, ist dann doch etwas zu harsch. Beide Romane polarisieren und fordern ihre Rezipienten, ja, aber sie haben beide sehr wohl ausgeklügelte Romanstrukturen und sind alles andere als „bloß“ ungeplant und verschroben. Alleine die langen Zeiten der Materialsammlung und der Schreibprozesse sprechen dagegen. Das nicht zu berücksichtigen, hieße Witzel und Vesper zu schriftstellerischen Zwergen zu degradieren, was sie beileibe nicht sind, viel eher wären einige andere Kandidaten auf den Nomminiertenlisten der jeweiligen Preise zu vernachlässigen gewesen. Narrative Schutthalden sehen anders aus (und lesen sich auch anders).
    Ähnlichen Vorwürfen, wie Du sie in Deinem Beitrag Witzel und Vesper machst, sahen sich in „früheren Zeiten“ auch Döblin, Jahnn, Joyce, selbst Johnson ausgesetzt. Ich bin der festen Überzeugung, dass Vesper und viel ausgeprägter noch Witzel, formale und stilistische Lösungen gefunden haben, wie literarisches Erzählen auf eine neue, zeitgemäße Stufe gehoben werden kann. Das ist nicht bequem und „fluffig“, klar, aber eben auch nicht einfach so wegzuwischen. Just my 50 Cent.
    lg_jochen
    P.S.: Bei Bedarf läßt sich das vielleicht bei einem persönlichen Gesprech besser vertiefen und „ausdiskutieren“.

    • Unbedingt immer zuerst Widerspruch einlegen anstatt „Gefällt mir“ drücken! Wie der Text genau funktioniert, dafür müssten wir natürlich nun ins Detail gehen, was hier nicht möglich ist. Allerdings wehre ich mich dagegen, die Länge der Materialsammlung und des Schreibprozesses bei meiner Bewertung beider Texte (wobei es hier nun eher um Frohburg gehen sollte) zu berücksichtigen. Da halte ich es mit Helmut Kohl: Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Warum es so lange gedauert hat, ob das notwendig war und wie sich das ganze gestaltet hat, kann der Rezipient am Ende eh nicht bewerten und sollte er auch nicht. Denn dann würden wir ja nur noch Fleißkärtchen an die literarischen Hamster vergeben.
      Zu deinem Vergleich mit Döblin oder Joyce: ich kann bei Vesper und Witzel kein innovatives, kein zukunftsweisendes Formprinzip erkennen. Mit Entscheidung Chronologie, Hierarchien und organische Strukturen im Textaufbau zu verweigern, stellen sie sich ja genau in die von dir aufgerufene Tradition, die mittlerweile auch schon wieder eine historische ist. Gerade bei Vesper ist es doch eher, verzeih, der letzte Rülpser einer Nachkriegs-Literatur, die es so eigentlich schon gar nicht mehr gegeben hat.

      Liebe Grüße

      Gerrit

      P.S.: Sehr gerne!

      • Na sagen wir mal, der Text gefällt mir schon (und ich drücke gleich den Button, versprochen). Du hast recht, hier im Kommentarteil sind viele Fragen en detail kaum zu klären. Was mich an Vespers Roman fasziniert hat, war das Aufnehmen oraler Erzähltradittionen, des Erzählens in assoziativer und absichtlich sprunghafter Reihung. Durch das vielfach gefaltete, geschichtete und verdichtete Material ziehen sich durchaus einige rote Fäden, finde ich. Und Vesper entwickelt eine eigene Sprache für seinen Text. Gegen Kritik ist diese eigentümlich rhythmisierte Prosa mit ihren verkürzeten Nebensätzen und der verschrobenen Interpunktion nicht gefeit, das gebe ich zu. (Und vielleicht auch wenig richtungsweisend und zukunftsträchtig.)
        Witze, meine Meinung, ist ein anderes Kaliber. Er hat durchaus innovative Formen und Muster gefunden für seine Geschichten. Der Stilmix der einzelnen Kapitel (alles Erfindung/Reflexion/depressive Bodenlosigkeit/manische Überdrehung) korrespondiert mit dem jeweiligen Inhalt. Erzähltes und Erzählform verschmelzen; in einigen Kapiteln kongenial. Die eigentliche Handlung des Romans beschränkt sich auf die wenigen Kapitel mit der Verhörsituation. Das, so sagte es Witzel, sind die einzig verlässlichen Passagen des Buches, die der Leser glauben darf. Für alles andere gilt: jedes einzelne Wort des Romantitels wird im Roman mehrfach durchdekliniert, inhaltlich und formal. Schwerpunkt dabei: Erfindung, manisch und depressiv. Das kann man mögen oder nicht, aber ich finde das was Witzel treibt, durchaus strukturiert und organisch.
        Vielleicht sollten wir uns wirklich mal auf einen Kaffee (oder ein Bier/Wein) treffen und das im direkten Dialog genauer durchgehen. Könnte interessant werden. lg_jochen

  2. Pingback: Es gibt nur Geschichten: Paula Fürstenbergs „Familie der geflügelten Tiger“ – Zeilensprünge.

Kommentar verfassen