Gustav Freytag: Soll und Nicht-Wahrhaben?

soll und haben

In Veit Harlans viel zu wirkungsmächtigen Film „Jud Süß“ gibt es eine Szene, in der Joseph Süß Oppenheimer per Kutsche durch württembergisches Land fährt und an der Straßenseite mit einem Hofbesitzer in ein Wortgefecht gerät. Das suggerierte Thema des Gesprächs ist der Streit zwischen dem erzürnten Volk und korrupter jüdischer Obrigkeit, um die erhobenen Steuern. Worauf der Film aber eigentlich hinaus will: Den Juden Oppenheimer im Motiv der Straße fassen, den deutschen Bauern im Gutsbesitz – dort das mobile Kapital, auf der anderen Seite der fest im vaterländischen Boden verwurzelte Hof. Flüchtig und liquide vs. stetig und substantiell. Die Bildtradition dieser Zuschreibung führt natürlich zu Wilhelm Hauffs „Jud Süß“-Stoff, aber auch zu Gustav Freytag.

Dessen 1855 veröffentlichte Roman „Soll und Haben“ war einer der Bestseller seiner Zeit. Ein Grund dafür könnte sein, dass er die Befindlichkeiten der Deutschen bediente. In der Mitte des 19. Jahrhunderts strebt das deutsche Bürgertum nach oben und sehnt sich nach politischer Teilhabe und nationaler Geltung. Da streichelt ein Roman über einen jungen Kaufmann, der sich Kraft seiner Disziplin und Arbeit zu einem freien und rechtschaffenem Mann entwickelt, das Gemüt.

Die Gesellschaft, in welche die Hauptfigur Anton Wohlfahrt hineingeboren wird, ist eine Gesellschaft der Krise. Mehrfach wird darauf hingewiesen, dass die Folgen der napoleonischen Befreiungskriege noch physisch erfahrbar sind und an den Peripherien der schlesischen Landstriche erheben sich polnische Aufstände, um die preußische Fremdherrschaft abzuschütteln. „Soll und Haben“ dreht die Verhältnisse um. Deutsche Bürger fürchten den Schrecken der Aufständischen und um ihr Leben. In diesen Wirren beginnt der junge Anton (dessen Name seit Karl Philipp Moritz‘ Bildungsroman „Anton Reiser“ selbst ein Topos ist) eine Kaufmannslehre. Sein Weg führt ihn über Breslau bis in den Widerstandskampf und wieder zurück.

Anton stand unter der gemeinsamen Oberhoheit der Herren Jordan und Pix und entdeckte bald, daß er die Ehre hatte, kleiner Vasall eines großen Staatskörpers zu sein.

Anhand diesem Setting trägt der Text zwei Konflikte aus: Den gegen das jüdische Kapital und den gegen die kulturlosen slawischen Horden. Die Figuren Hirsch Ehrenthal und dessen zwielichtiger Mitarbeiter Veitel Itzig dienen dabei als Projektionsfläche für den deutschen Antisemitismus seiner Zeit. Gustav Freytag bespielt die klassische Klaviatur der Stereotype: Die jüdischen Kaufmänner sind in spekulativen Kreditgeschäften verwickelt und sind das Gegenbild zu den fleißigen Deutschen, die sich durch ihre christliche Humanität auszeichnen und Kredite nur in dem Fall vergeben, wenn sich darin die Hoffnung auf ein goldene deutsche Zukunft verbirgt. Den Juden im Text geht es dagegen einzig um die eigene Prosperität, auch auf Kosten anderer. Um deren Fremdartigkeit zu unterstreichen, lässt Freytag Ehrenthal in einem sonderbaren Dialekt sprechen, von dem er wohl dachte, es sei dem Jiddisch ähnlich.

Was ihn lockte, fortwährend, unwiderstehlich, das war der schnelle Gewinn von einigen tausend Talern.

Der zweite Feind im Inneren, den der Text ausmacht, sind die Polen. Das nach den napoleonischen Kriegen wieder unter Preußen und Russland aufgeteilte Land, ist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Unruhe. Immer wieder gibt es kleine und größere nationale Aufstände, die den Rahmen für das Krisenszenario „für Soll und Haben“ bilden. Innerhalb der polnisch-geprägten Gebiete Schlesiens muss Anton mit anderen eine kleine „deutsche Kolonie“ verteidigen. Dass dies nicht einfach nur eine Frage der Durchsetzung von Souveränität ist, sondern eine kulturelle Sendung, ist der eigentliche Punkt, den der Text setzen möchte. Die Polen – im Roman eher als Slawen bezeichnet – sind als unkultivierte, brutale Horden dargestellt, vor denen es die deutschen Bürger zu schützen gilt. Damit werden auf kuriose Weise historische Tatsachen umgedeutet: Eine minorisierte deutsche Bevölkerung steht plötzlich einer polnischen Mehrheit gegenüber, vor denen sie gerade noch das Kostbarste in Sicherheit bringen kann.

Es gibt keine Rasse, welche so wenig das Zeug hat, vorwärtszukommen, und sich durch ihre Kapitalien Menschlichkeit und Bildung zu erwerben, als die slawische. Was die Leute dort im Müßiggang durch den Druck der stupiden Masse zusammengebracht haben, vergeuden sie in phantastischen Spielereien.

Die Frage drängt sich auf: Wozu diesen Roman noch lesen? Tatsächlich – so scheint es – wird er das auch gar nicht mehr allzu häufig. Das mag man als positives gesellschaftliches Anzeichen deuten oder aber einfach auf die Tatsache zurückführen, dass die manchmal hölzern, manchmal allzu pathetische Sprache Gustav Freytags die Zeit nicht überdauert hat. Die Beschäftigung mit „Soll und Haben“ lohnt dennoch aus zwei Gründen.

Egal ob man nun der biographischen Person Gustav Freytag antijüdische Hetze vorwerfen möchte oder der Text lediglich ein historisches Phänomen zu Tage bringt – an ihm kann man mustergültig die Verfahrensweisen des europäischen und deutschen Antisemitismus ablesen. Die an den Figuren durchexerzierte dichotomische Konstruktion von schaffendem und raffendem Kapitel und guter und böser Arbeit sind nicht nur eine historische Kontinuität, die an dieser Stelle prominent in Szene gesetzt wird, sondern verstecken sich auch hinter manch zeitgenössischer Ansicht vom „guten rheinischen Kapitalismus“ und dem bösen Treiben der Wall-Street.
„Soll und Haben“ beschreibt eine bürgerliche Ethik, in der gute Menschen aus guter Arbeit hervorgehen. Das heißt im Umkehrschluss: Wer keiner guten Arbeit nachgeht, kann auch kein guter Mensch sein. Was das für ein gesellschaftliches Klima bedeutet, können nicht zuletzt die Leute spüren, die in der vermeintlichen sozialen Hängematte liegen.

Während man denkt, die antisemitischen Tendenzen dieses Romans sollten unbestritten sein, formieren sich hier und da kleinen Gruppe trotziger Germanisten, die der allgemeinen Übereinkunft ein entschiedenes „Ja, aber..“ entgegensetzen. Die erste große Diskussion, die „Soll und Haben“ im Nachkriegsdeutschland ausgelöst hat, war jene um die geplante Verfilmung durch Rainer Werner Fassbinder. Im gleichen Jahr äußerte sich Hans Mayer dazu in einem Aufsatz, in dem er die These aufstellt, dass man die Wirkung des Textes auf den folgenden brutalen Antisemitismus der Deutschen nicht unterschätzen dürfte.

Doch die „Ja, aber..“-Fraktion schreckt das nicht. Und sie führt fadenscheinige Gründe ins Feld. Entweder man macht es sich einfach und stellt trocken fest, dass in „Soll und Haben“ ja nicht nur Polen und Juden unsympathische Figuren sein oder man macht es etwas diffiziler und versucht den Text durch andere Texte zu widerlegen. Tatsächlich beschäftigte sich Gustav Freytag in späten Aufsätzen mit der Rolle der Juden in Deutschland, so beispielsweise in „“Über den Antisemitismus. Eine Pfingstbetrachtung“ aus dem Jahr 1893. Die Stoßrichtung dieses Textes ist die Forderung nach Toleranz gegenüber den Juden, da es die Deutschen (und Europäer) selbst gewesen seien, welche die Juden in die Rolle der Zinsgeber gedrängt hätten. Doch auch in diesem Text hat die menschliche Güte Gustav Freytags seine Grenzen:

Es wäre unwahr, zu behaupten, daß in unseren jüdischen Mitbürgern alle Spuren des tausendjährigen Druckes ausgetilgt sind. Auch an Vielen der Besten kann man Eigenheiten in ihren geistigen und gemüthlichen Regsamkeit erkennen: im Scharfsinn, Witz, den Formen, von denen ihre gestaltende Kraft sich äußert; Eigenheiten, welche wir als jüdische zu bezeichnen geneigt sind. Vollends in ihrer Erwerbsthätigkeit sind die Nachwehen alter, arger Zeit nicht völlig überwunden.

Die Angst vor dem Fremden ist tief verwurzelt im deutschen Bürgertum. Und so wäre auch Gustav Freytag der Jude am liebsten, der als ein solcher nicht zu erkennen ist.

4 Kommentare

  1. wendezeilen

    Absolut. Mein Anliegen war es auch nicht, den Roman der Zensur zu unterstellen. Viel mehr ging es mir (unter anderem) darum, zu betrachten, inwieweit der dargestellte Antisemitismus gleichzeitig historisch und in veränderter Form weiterhin hoch aktuell ist. Gerade deswegen erscheinen Versuche, Gustav Freytags spätere Äußerungen zum Judentum gegen den Roman ins Feld zu führen, äußerst fragwürdig.

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