Gustav Meyrinks „Walpurgisnacht“: Der Tod ist im Haus

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Das Bild des alten kakanischen Habsburgerreichs ist voller Nostalgie und Verklärung. Dabei werden vor allem zwei Städte der sentimentalen Rückschau unterzogen: Wien und Prag. Während in Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“ oder Joseph Roths „Radetzkymarsch“ das prunkvolle und liberale Zentrum der Donau-Monarchie noch einmal kurz aufscheint, findet man das alte Prag bei den Prager Kreislern um Max Brodt und Autoren wie Leo Perutz oder Gustav Meyrink. Anders als die Wien-Nostalgie ist das Gedenken an ein untergegangenes Prag von Schatten überzogen: die Stadt an der Moldau war viel stärker als Wien von seinen mittelalterlichen Strukturen geprägt, was bis heute sichtbar ist. Mit seinem aus der Zeit gefallenen Antlitz haben sich die vielen Sagen und Mythen um die Stadt erhalten, Prag ist sozusagen die dunkle Kehrseite des hellen Wiens. Von der dunklen Seite des Mondes erzählt auch Gustav Meyrinks „Walpurgisnacht“, das zu Unrecht hinter dem allseits bekannten „Golem“ im Vergessenen liegt.

Das Prag der „Walpurgisnacht“ liegt in Unruhe: 1917 erschienen spielt auch die Handlung in Krisenzeiten und das Habsburgerreich ist in einem fragilen Zustand. Es sollte noch ein Jahr dauern, bis die tschechischen Nationalisten ihren Traum von einem unabhängigen Staat erreichen sollten, doch die revolutionäre Angespanntheit war in Prag und ist auch in diesem Roman greifbar. In einer scheinbar fernab davon liegenden Parallelgesellschaft versammelt sich eine aristokratische Gesellschaft in Hradschin, dem heutigen Stadtteil Prags, der westlich der Burg liegt, und frönt einem weltfremden und dekadenten Leben. Der Rest der Stadt wird hier nur das „Unten“ genannt: „Ich war vor dreißig Jahren das letztemal unten – in Prag!“ Zentralgestalten dieser Gesellschaft sind der kaiserliche Leibarzt Thaddäus Flugbeil und die Gräfin Zahradka, die High Society Prags und gleichzeitig über Umwege zu diesem Unten verbandelt.

Sie verwechselte die Vergangenheit mit der Gegenwart.

Denn die aristokratische Blase wird heimgesucht von Gespenstern und anderen ungewollten Gästen. In Form des vom Erzähler genannten „böhmischen Liesels“ wird Leibarzt Flugbeil an eine erloschene und gleichzeitig präsente Liebe erinnert: „Das Frauenzimmer mochte hoch in den Siebzigern sein, aber immer noch wiesen ihre Züge trotz der grauenhaften Verwüstung durch Leid und Armut die Spuren einstiger großer Schönheit auf.“ Flugbeil, der sonst seine Tage unter anderem damit verbringt, durch ein Fernglas das schreckliche Treiben des Prager Elends zu beobachten – so arbeitet der Roman stets mit Distanzverhältnisse, die sich ins Grauenhafte wenden, wenn die Distanz überwunden wird – ist plötzlich mit seiner Vergangenheit konfrontiert, der nichts nostalgisches anhaftet: „Es ist etwas Geisterhaftes um Erinnerungen, wenn sie wieder lebendig werden!“

„Jesus, Maria – ein Vorzeichen! Der Tod ist im Haus!“

In „Walpurgisnacht“ verzerrt sich die Erinnerung an ein Früher zu einem schauderhaften Schreckgespenst, das die Bürger Prags vereint: Denn was hier an einzelnen Schicksal durchexerziert wird, gilt für Prag als Stadt samt ihrer Geschichte gleichermaßen: „Wenn die Moldau nicht so rasch flösse, heute noch wäre sie rot von Blut.“ Meyrinks Prag ist ein Ort von Gewalt, der mit dem Prager Fenstersturz als Beginn des Dreißigjährigen Kriegs verknüpft ist.  All diese Geister sind und waren stets präsent und werden nun in der namensgebenden Walpurgisnacht sichtbar: „Die Vergangenheit verband sich mit der Gegenwart in ihm zu einem innern und äußern Bannbild schreckhafter Wirklicht, dem zu entrinnen er sich ohnmächtig fühlte […]“

Blut, das wahre Grundwasser Prags.

So wie die aristokratische Gesellschaft vor allem vom Leibarzt und der Gräfin bespielt wird, sind die bedeutenden Figuren des „Unten“ der Musikstudent Ottokar und seine Geliebte Polyxena. Ottokar, so stellt es sich im Roman heraus, ist ein unehelicher Sohn der Gräfin, was wiederum eine Störung des Distanzverhältnisses zwischen Ober- und Unterschicht darstellt – beide sind auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden. Als am Ende des Romans die tschechischen Revolutionäre eine blutige Revolte anzetteln, setzt „Walpurgisnacht“ eine letzte Pointe, als die Gräfin ihren eigenen Sohn erschießt. In der Weise, wie Gustav Meyrink es schafft, die historisch-mystische mit der politischen Dimension dieses Prags zu verknüpfen, liegt die große Stärke von „Walpurgisnacht“. Das Distinktionsmerkmal der Prager Aristokratie ist die Abwesenheit eines Zukunftsentwurfs: „Zukunft? Was ist das: Zukunft?“ Die aristokratischen Formen wirken hier nur noch wie ein billiger Abklatsch einer untergegangenen Epoche und in der Absenz von Zukunft ist die Vergangenheit unweigerlich ein Schreckgespenst. Die Verweigerung jeder Zukunftsvision hat das subversive Potential in der Stadt erst erschaffen und steht nun an der Türschwelle, bereit die Paläste zu erstürmen.

Die Zeit war für ihn leer an Plänen für die Zukunft.

In einem dritten Erklärungsmuster der Stadt beweist der Roman dann visionäre Fähigkeiten: in Vorwegnahme Freuds Modell des psychischen Apparats ist Prag als psychoanalytische Versuchsanordnung strukturiert. Während es im „Es“ der Stadt, dem „Unten“, mächtig rumort und das Gewaltpotential anschwillt, liegt das Über-Ich, die aristokratische Gesellschaft als moralische Leitinstanz, in Agonie. Seine Aufgabe politische Visionen zu formulieren, hat diese Kaste längst aufgegeben und lässt dem dämonischen Treiben Prags freien Lauf. In einem solchen Zustand muss sich das „Ich“ als ein brüchiges beweisen. So lässt Meyrink in der Mitte des Romans einen Psychoanalytiker in Verkleidung eines chinesischen Mystikers auftreten, der über das Wesen des wahren „Ichs“ aufklärt: „Für jeden, der das wahre ‚Ich‘ sein eigen nennt, ist der eigene Leib, so wie auch der der anderen, ein Narrenkleid, nichts weiter.“

Kann man denn leben, ohne ein Ich zu besitzen?

In diesem psychoanalytisch-mystisch-politischen Prag ist jedoch der eine Umstand, der alle vereint, jener, mit dem Autor selbst seine Erfahrungen gemacht hat: der des Antisemitismus. Ob der Leibarzt die Eisenbahn als jüdische Einrichtung bezeichnet oder der Anführer des Aufstands die Juden aufknüpfen will, die in seinem Weltbild eine Entsprechung des Kapitalismus sind: der Hass gegen das Judentum ist noch das einzige, was diese so zerrüttete Gesellschaft zusammenbringt. Daher verwundert es nicht, wenn der Erzähler der einzige ist, der diesem Prag auch einen nostalgischen Wert zuschreibt: „Es gibt keine Stadt der Welt, der man so gern den Rücken kehren möchte, wenn man in ihr wohnt, wie Prag; aber auch keine, nach der man sich so zurücksehnt, kaum daß man sie verlassen hat.“ Es ist jene traurige Nostalgie, die auch in den Werken Perutz‘ zu spüren ist und ein Erklärungsmuster dafür sein kann, wieso die Literatur immer wieder zu diesem Prag zurückgekehrt ist. Dieses Prag, was wie kaum eine Stadt dem europäischen Judentum eine Heimat war und wie jeder Ort sie immer wieder abwies, ist nur noch in den großen Romanen des 20. Jahrhunderts sichtbar.

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