Hakan Tezkans „Den Kern schluckt man nicht“: Wie der Vater, so der Sohn?

Der Text, mit dem Hakan Tezkan im Jahr 2015 beim 23. open mike antrat, war mit „Wolf“ übertitelt. Gewonnen haben damals andere, aber entmutigen ließ Tezkan, der am Deutschen Literaturinstitut studierte, sich davon nicht. Nun veröffentlicht er, knapp zweieinhalb Jahre nach seiner Lesung im Heimathafen Neukölln, seinen nur knapp über 100 Seiten kurzen Debütroman „Den Kern schluckt man nicht“ im Elif Verlag.

Bereits damals konnte man im open mike-Lesebuch mit allen Finaltexten des Jahrgangs erfahren, dass es sich bei „Wolf“ um einen Romanausschnitt handelt. Dessen damaliger Titel ist erhalten geblieben: „Der Kern schluckt man nicht“ – eine Anweisung als Titel, eine Leseanweisung, wenn man so möchte. Warum darf der Kern eigentlich nicht geschluckt werden? Vielleicht weil, so zumindest könnte man mit kindlicher Fantasie glauben, dann etwas aus einem herauswachsen könnte, das einen einnimmt und schließlich irgendwann eigene Früchte trägt:

Über eines der vertrockneten Blätter der Pflanze streichend, wünschte er sich den Mund des Vaters mit ihrer Erde zu füllen, immer weiter ihn mit Erde zu füllen, bis eine neue Pflanze daraus wüchse.

In diesem mörderischen Motiv treffen sich das Leben und der Tod, das Sterben und das Aufblühen neuen Lebens. Im topographischen Raum des Dazwischen siedelt Tezkan auch den Plot seines Romans an: „Den Kern schluckt man nicht“ erzählt in vielen Miniaturen, die Momentaufnahmen gleichen und Alltägliches mikroskopisch beobachten, von einem introvertierten Jungen namens M, vom Sterben seines Großvaters, das er nur indirekt und über die Aussagen der Erwachsenen erlebt, und schließlich von dessen Beerdigung.

Der Sohn, der Vater, der Großvater – dieser Debütroman ist ein Generationenroman, der immer auch von Abgrenzung geprägt ist. Die Distanz zwischen Vater und Sohn wird schon von Anfang an deutlich: „Zwischen ihm und dem Vater stand ein Holztisch.“ lautet der erste Satz des Romans, der eine Frühstücksszene auf dem Balkon schildert. Diese räumliche und soziale Distanz setzt sich auch in der weiteren Beschreibung überdeutlich und fast plakativ fort:

Zwischen ihm und dem Vater stand ein Glas Kirsch- und ein Glas Pfirsichmarmelade. Zwei Teller, zwischen ihm und dem Vater, auf einem Salami, Jagd- und Blutwurst geschichtet, auf dem anderen Gouda und Camembert. […] Zwischen ihm und dem Vater stand eine Schale mit schwarzen Oliven und eine Untertasse für die Kerne, außerdem, an den Plätzen, drei Teller mit roter Umrandung, Teetassen aus Porzellan, kleine Silberlöffel, Eierbecher, Servietten. Zwischen ihm und dem Vater lagen drei Messer.

Dass diese Distanzerfahrung auch eine Erfahrung von Gewalt ist, verdeutlichen symbolisch die (Frühstücks-)Messer, aber auch die allgemeine Semantik des Romans, die von Grausameit und Gewalt geprägt ist: scharfkantiges Geschirr, das Abreißen von Hautfetzen, das Köpfen des Frühstückseis – dass Tezkan die gewählte Motivik nicht konsequent umgesetzt hätte, kann man ihm sicherlich nicht vorwerfen.

Hier werden wir alles begraben, hatte Wolf gesagt.

Und dann ist da noch Wolf, den der Protagonist M in einer abgelegenen Hütte trifft, in die er sich zurückzieht, als ihn Ende des ersten Romanteils die Nachricht vom Tod des Großvaters erreicht. Ob Wolf wirklich Mensch oder doch das Alter-Ego-Raubtier ist, bleibt offen, wie vieles in diesem Roman. Bedenkt man, dass dies der Name ist, mit dem Tezkan seinen open mike-Wettbewerbstext übertitelte, scheint diese Episode für den Autor zentrale Bedeutung zu haben; im Kontext des ganzen Romans wirkt die Szenerie ein wenig surreal, aber nicht unbedingt die Schlüsselszene.

Nicht nur durch die Verknappung des Protagonistennamens auf einen einzigen Buchstaben in der Tradition von Kafka will sich Tezkan mit seinem Debütroman nicht in den luftleeren Raum, sondern in Traditionslinien der deutschsprachigen Literatur zu stellen. Im Interview mit dem open mike-Blog machte dies der Autor noch einmal durch fleißiges Namedropping deutlich.
Neben Kafka lehnt sich Tezkan auch an Grass’ „Butt“ an, dessen erster Satz 2007 zum schönsten ersten Satz der deutschen Literatur („Ilsebill salzte nach.“) gewählt wurde, in dem er rahmend sowohl im ersten als auch im letzten Romankapitel den Streit um das Salz auf dem Frühstückstisch mit dem Memento Mori-Motiv verknüpft: „M griff abermals nach dem Salzstreuer. Ob er das absichtlich machte, fragte die Mutter und schnappte nach seinem Arm. Wenn er so weitermache, sagte die Mutter, höre sein Herz irgendwann auf zu schlagen.“

Vom jugendlichen Weltschmerz erzählt „Den Kern schluckt man nicht“ auch ein wenig. Anrechnen muss man dem Autor, dass dieser Topos hier vergleichsweise subtil verhandelt wird. In diesem Sinne ist Tezkans Debüt ein düsterer Coming-of-Age-Roman, der sich frei nach Kristeva und Barthes mit ersten Schritten in den literarischen Raum bewegt. Das Rad erfindet Tezkan, der am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studierte, dabei nicht neu, die leitmotivischen Topoi sind aber überzeugend konsequent umgesetzt.


Wir danken dem Elif Verlag für das Rezensionsexemplar.