Han Kangs „The Vegetarian“: „I would prefer not to“

The Vegetarian

Herman Melvilles Erzählung von Bartleby dem Schreiber gehört zu den bedeutendsten Texten der Moderne. Mit der schlichten Formel „I would prefer not to“ nahm Bartleby Figuren wie Gregor Samsa oder Josef K vorweg, denn – obwohl 1853 erstmals erschienen – gehört er zu den Schlüsselfiguren des 20. Jahrhunderts. Melvilles Text macht darauf aufmerksam, was eine komplexe Gesellschaft aus der Ruhe bringt: die Verweigerung. Eine Welt, die so schrecklich gut funktioniert, ist darauf angewiesen, dass man sich ihr affirmativ nähert. Bartleby ist vieles, aber vor allem ein Störfeuer, der Sand im Getriebe.  Mit Han Kangs „The Vegetarian“, 2007 auf Koreanisch, 2015 in der englischen Übersetzung auf den Markt gebracht, ist Bartleby zurück – in Form von Yeong-hye, einer koreanischen Hausfrau, deren „I would prefer not to“ zu einem „I would prefer not to eat any meat“ wird und damit ihr Umfeld ins Chaos stürzt. Denn auch Han Kangs Text erinnert den Leser daran: nichts bringt eine Gesellschaft mehr in die Bredouille als die Verweigerung.

Wer also vom Titel fehlgeleitet einen Roman über den Vegetarismus erwartet, dem sei nun direkt der Zahn gezogen. Denn der vegetarische Essensansatz der Hauptfigur Yeong-hye ist höchstens eine Chiffre für ihre Verweigerung, die im Verlaufe des Textes auch mehr umfasst als nur den Verzicht auf Fleisch. Mit Bartleby teilt Yeong-hye zwei wichtige Eigenschaften: Erstens ist sie das Produkt von Fremdbeschreibungen, ihr wird keine Erzählperspektive eingeräumt und zweitens ist sie eine von Charisma und Persönlichkeit beraubte Figur: „Before my wife turned vegetarian, I’d always thought of her as completly unremarkable in every way.“ Ihre charakterliche Eindimensionalität, das Duldungsbewusstsein, die untertänige Einstellung gegenüber ihrem Mann Herrn Cheong macht den Schock umso größer als sie ihm plötzlich eröffnet, sie werde ab sofort auf den Verzehr von Fleisch verzichten.

She was a woman of few words. It was rare for her to demand anything of me, and however late I was getting home she never took it upon herself to kick up a fuss.

Die drei Kapitel des Texts nehmen jeweils verschiedene Perspektiven ein und sind den drei Grundreaktionen gewidmet, die die Verweigerung hervorruft: Ablehnung, Begehren und Selbstreflexion. Das erste Kapitel ist in Form einer Ich-Erzählung des Ehemanns gehalten, der ein klassischer Opportunist ist. Der Verzicht der Ehefrau löst ihn ihm zuerst Verzweiflung, schließlich Hass aus, der in der Vergewaltigung von Yeong-hye mündet. Als beide zu einem Essen mit dem Chef von Herrn Cheong eingeladen sind, ist seine größte Sorge der Gesichtsverlust. Doch eigentlich ist seine Perspektive eine doppelte, denn genauso wie seine Reaktion ist diejenige des Vaters von Yeong-hye entscheidend. In der Lebenswelt des Kriegsveterans kommt Vegetarismus freilich nicht vor. So reagiert er mit jener Problemlösung, die ihm im Krieg beigebracht wurde: Gewalt.

I’ve always inclined towards the middle course in life.

Die anderen beiden Kapitel nehmen jeweils eine personale Erzählperspektive aus der Sicht der Schwester In-hye und ihres Ehemanns ein. Der Ehemann ist Künstler und fühlt sich plötzlich zu Yeong-hye hingezogen als er von ihrem „Mongolenfleck“ (ein bläuliches Hautmal) erfährt: „It was clearly only after hearing about her Mongolian mark from his wife that he’d startet to see his sister-in-law in a new light.“ Er überredet sie für ein Photoshoot zu posieren, in dessen Folge sie miteinander schlafen. Während des gesamten Handlungsverlauf verschlechtert sich Yeong-hyes Gesundheitszustand, da sie irgendwann nicht mehr nur noch auf den Verzehr von Fleisch, sondern – im Glauben, sie sei eine Pflanze – auf jegliche Nahrung verzichtet. So ist sie im dritten Kapitel mittlerweile in eine psychiatrische Klinik eingeliefert, in der sich ihre Schwester, wegen des Seitensprungs von ihrem Ehemann getrennt, um sie kümmert. Yeong-hyes radikale Verweigerung zwingt sie zur Selbstreflexion über ihre eigene Lebensführung: „It was a fact. She had never lived. Even as a child, as far back as she could remember, she had done nothing but endure.“

I thought to myself: I do not know that woman.

So wie sich Yeong-hye zu Grunde hungert, führen die Assoziationen freilich nicht nur zu Melvilles Bartlebys, sondern auch zu Kafkas „Hungerkünstler“. Han Kang verweilt jedoch in keiner ehrfürchtigen Verbeugungspose vor der literarischen Tradition. Gerade das zweite, das stärkste Kapitel, führt zur dunklen Seite des Begehrens: Mit dem eigenen Aushungern verliert Yeong-hye auch zunehmend alle sexuellen Merkmale, Gesicht und Hintern fallen ein, die Brüste verschwinden. Der „Mongolenfleck“, eigentlich ein Merkmal, das während dem Heranwachsen verschwindet, verstärkt die kindliche Wirkung. Das Begehren des Schwagers richtet sich auf das tabuisierte Andere.

Der andere große Unterschied zu Melville ist, dass sich Han Kang dafür entscheidet, die psychologische Struktur des Textes deutlicher herauszustreichen. Mit der Einlieferung Yeong-hyes in der psychiatrischen Klinik macht der Text klar, wie Gesellschaften mit dem Anderen umgehen: sie sondern es aus. Die Entmenschlichung, die durch die (sexuelle) Gewalt der Männergesellschaft provoziert wird, mündet in den Glauben, eine Pflanze zu sein und von Wasser, Licht und Sauerstoff überleben zu können. Zwar schrammt der Text immer wieder haarscharf am Esoterischen vorbei, löst jedoch zum Glück die psychologische Dimension des Textes niemals ganz auf. Ob Yeong-hye ein psychiatrischer Fall ist oder nicht, bleibt – wie immer, wenn große Literatur am Werk ist – offen. Wichtiger ist dem Text auch wie die Umwelt auf die Störung, die von der Vegetarierin ausgeht, reagiert.

„Meat-eating is a fundamental human instinct, which means vegetarianism goes against human nature, right? It just isn’t natural.“

Han Kangs „The Vegetarian“ ist deswegen ein großartiger Text, weil er traditionsbewusst ist, ohne ehrfürchtig zu sein. Mit den Motiven des 19. und 20. Jahrhunderts im Gepäck ist Han Kangs Roman eine Expedition in die Untiefen einer Gesellschaft, die in Unruhe gebracht wurde. Obwohl sich „The Vegetarian“ nicht in den Bürowelten seiner Vorbilder bewegt, sondern in weiten Teilen im Privaten bleibt, ist der Text zu keinem Zeitpunkt privatistisch, sondern verschränkt Psychologie, Soziologie und Politik. Kenner der koreanischen Kultur mögen darin noch mehr erkennen, doch auch ohne diesen Kontext bleibt ein Roman, dessen Sprache so gewaltig wie gewalttätig ist, was zum Lob der Übersetzerin Deborah Smith zwingt. Sollte bei der deutschen Übersetzung nichts schiefgelaufen sein, ist der Literaturherbst – da erscheint „The Vegetarian“ im Aufbau-Verlag – um ein Ereignis reicher.

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