Hanns Zischlers „Kafka geht ins Kino“: Kaum gestohlen, schon im Kino

Kafka geht ins Kino

Als das Kino zur Jahrhundertwende aufkam, galt es zuerst als Kuriosität. Das Kino fand man nicht auf den großen Boulevards, sondern auf den Jahrmärkten, gestaunt wurde nicht über den künstlerischen Gehalt der kurzen Filme, sondern über die Tatsache ihrer Existenz an sich. Doch dass das Kino mehr als eine Kuriosität war, deuteten schon die ersten Schnipsel an: die berühmte Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof von La Ciotat. Der Film war eng mit dem technischen Fortschritt verbunden; das Kino ist nicht einfach nur eine moderne Kunstform, sondern sollte die gesamte Wahrnehmung der Welt verändern. Das aufgenommene Bild wurde plötzlich flüchtig, so wie der Blick aus dem Zug ein flüchtiger wurde. Franz Kafka, der Jahrhundertschriftsteller, war vom Tempo der Jahrhundertwende angezogen und gleichzeitig verschreckt. Nachzulesen ist das nirgendwo so aufregend wie in dem neuaufgelegten Text von Hanns Zischler: „Kafka geht ins Kino“.

Zischlers Text ist Essay, Montage, Biographie. Eigene Gedanken reihen sich an seitenlange Auszüge von Franz Kafkas Briefen, Tagebucheinträgen oder Texten von Max Brod. Kafka ist in der Zeit, die „Kafka geht ins Kino“ ins Auge fasst – die ersten zwanzig Jahre des 20. Jahrhundert – ein Getriebener. Literarischer Ruhm wechselt sich mit literarischen Durststrecken ab, persönliche Krisen unterbrechen den normalen Gang des Lebens. Ablenkung findet der Prager Schriftsteller auch im Kino, doch das Kino alleine auf das Gebäude zu reduzieren, in dem Spielfilme auf eine Leinwand projiziert wird, würde am Gedanken dieses Buches vorbeigehen. Das Kino ist für Zischler jeder Ort, an dem traditionelle Wahrnehmungsformen auf die Probe gestellt werden.

Prag war nach Paris genordet.

Das ist der Jahrmarkt genauso wie die Eisenbahn, die Autorennstrecke und die Autostraßen. Vor allem die Vorführung von Flugzeugen in Brescia hatte es Kafka angetan: „Als gäbe es schon nichts anderes mehr in der weiten Welt: täglich sitzen wir, stehn wir, vom Morgen bis Abend, auf diesem unermeßlichen Rennplatz vor Brescia.“ Tempo als Distinktionsmerkmal des jungen Jahrhunderts übt auf den Autor eine Konträrfaszination aus: „Für Kafka hingegen ist es ein fast dämonisches Medium, in dem Geste und Gebärde über die Erzählung triumphieren. ‚Festhalten!‘ ist die Formel, mit der er den rasenden Bildern Einhalt gebieten will.“ Dass die Moderne irgendwie schnell ist und sowieso alles immer schneller wird, ist zwar eine beliebte Floskel, um ein Unbehagen gegen die jeweilige Gegenwart zu artikulieren, doch im zeitlichen Kontext kann das Aufkommen des Bewegtbild gar nicht gravierender eingeschätzt zu werden.

Paris zerfällt in lauter Nicht-Orte, Verkehrsknotenpunkte, Metro-Stationen, reine, von der maschinellen Beschleunigung hervorgebrachte Intensität.

Dieser Ansicht ist damals auch Max Brod, der anders als Kafka – der in seiner nervösen Bewunderung den modernen Geisteszustand treffender verkörpern mag – aber den Kulturpessimisten gibt: „Wir wollen beflimmert sein, förmlich von wechselnden Augen aus kreidiger Leinwand heraus angeschaut, nicht selbst ruhig und sanft durch zwei Gucklöcher in eine schwarze Kiste blicken […]“ Klar aber ist: Die Zeit, in der das Bild als etwas Fixiertes erscheint, ist vorbei. Aus Goethes Bildungsreise durch Italien, in der ein Eindruck aus der Kutsche als Ewigbleibendes beschrieben werden konnte, wurden Bilderreisen, ein Bild gejagt vom nächsten.

Der Zuschauer muss sich selber den Bildertext schreiben.

Das Kino als Ort der Wahrnehmungsbeschleunigung führt nicht nur die Dynamisierung der Welt vor, es ermöglicht auch, die Welt näher an die Menschen heranzuführen: „Es gibt unheimlich viele Lichtbildtheater. Auf den Boulevards liegt eines neben den andern, ein grell farbiges Plakat reiht ins andere, und in den Abendstunden ist die Lichtreklame ganz auf ihr Konto zu setzen. Die Pariser sind sicher bald so weit, daß sie alles soeben in der neuesten Zeitung Gelesene gleich auch im Kino sehen können.“ So titelt die Erste Internationale-Film-Zeitung und spielt damit auf einen Film an, der nur kurze Zeit später historische Begebenheiten thematisiert: den Raub der Mona Lisa im Jahr 1911. Im gleichen Jahr ließ der Film „Nick Winter und der Diebstahl der Mona Lisa“ den Zuschauer dabei sein, als das Gemälde noch einmal gestohlen wird. Damit wäre die zweite zentrale Eigenschaft des Films bestimmt: rasche Wiederholbarkeit.

Kafkas eidetisches Gedächtnis vermag bedeutsame Einzelheiten der nur für einige Sekunden arretierten Bilder aufzunehmen.

In diesem Zustand der Welt bleibt ein zerstreuter, manchmal resignierter Franz Kafka zurück. Seine Verzweiflung teilt er mit der Zentralgestalt seines Umfelds: Felice Bauer, die ewige Verlobte und schließlich doch nicht Geheiratete. Doch der Brief scheint Kafka schon bald nicht mehr die richtige Kommunikationsform: „Wie wäre es, Liebste, wenn ich Dir statt Briefe – Tagebuchblätter schicken würde?“ In einer Zeit der kontinuierlichen Bilder brauch es auch eine Textform der Kontinuität. Für Kafka ist das Tagebuch genau diese Textform, ein nie endender Textfluss.

Am 13. Oktober 1910, also vier Tage nach ihrer Ankunft, hält Brod fest: „Kein elektrisches Licht – Streik – GARE DU NORD.“

Am Ende von Kafkas Leben wird der Film noch mal auf andere Art wichtig. Der Prager Schriftsteller, von den zionistischen Ideen begeistert, spielte schon länger mit dem Gedanken, nach Palästina zu gehen, doch die finanzielle wie gesundheitliche Situation lassen den Traum in weite Ferne rücken. In einem Film sieht Kafka Alltagsszenen aus dem Nahen Osten; der Ort, den er nie betreten wird, erscheint ihm plötzlich als Filmkulisse. So sehr Kafka darin seine Sehnsucht erkennt, so sehr erkennt er auch sein Scheitern: „Palästina bleibt für Kafka ein unbetretbares Terrain, zum Greifen nah und fern – ein imaginärer Raum, ein Film.“

All das vermag Hanns Zischlers „Kafka geht ins Kino“ auf kluge Weise zu vermitteln. Das Beeindruckende ist, dass der Autor über zweierlei verfügt: ein eindrucksvolles Detailwissen über die Filme der Zeit und die gleichzeitige Fähigkeit, eine Epoche in ihren innersten Erschütterungen zu beschreiben. „Kafka geht ins Kino“ ist keine Biographie, kein Buch für Filmnerds, sondern für den Leser gemacht, der verstehen möchte, was passiert, wenn die Welt auf den Kopf gestellt wird. Dass es dieses Buch nun in einer sehr aufwendig gemachten Ausgabe wieder gibt, ist ein Glücksfall.


Wir danken dem Galiani Verlag für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare

  1. Aufregend. Das klingt vielversprechend.
    Das Buch kostet knapp 40 EUR, dafür ist aber auch eine DVD dabei. Noch aufregender.
    Der nächste Winter kommt bestimmt.
    Vielen Dank !

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