Hans Dieter Zimmermanns „Theodor Fontane“: Der Romancier des diesjährigen Jubiläums

Er gilt als literarischer Spiegel Preußens“ heißt es am Anfang des Wikipedia-Eintrags zu Theodor Fontane, weshalb überall in hastig zusammenkopierten Texten zu Fontane im Internet die missglückte Formulierung auftaucht. Zum Spiegel Preußens macht Hans Dieter Zimmermann, dessen neue Fontane-Biographie nun pünktlich zu Fontys 100. Jahrestag erschienen ist, nicht, aber zumindest zu dessen Romancier. Doch was bedeutet eigentlich „Preußens Romancier“? Preußens wichtigster Romancier? Preußens Staatsromancier? Preußens einziger Romancier? Einen richtig innovativen Gedanken kriegt die Biographie nicht zu fassen und so liest sie sich wie ein Werk, das halt zum hundertsten Jahrestag irgendwie geschrieben werden musste.

Die Geschichte der Fontanes ist die Geschichte einer geglückten Migrationsgeschichte. Denn die Fontanes, einstmals Fontaine, waren Teil der brandenburgischen Erfolgsstory namens Hugenotten. Die wurden von den Hohenzollern nach Preußen eingeladen, als es im katholischen Frankreich zu ungemütlich wurde und brachten vor allem viel Know-how mit. In der historischen Bewertung des hugenottischen Zuzugs lehnt sich Zimmermann aus dem Fenster: „Dieses Edikt [Edikt von Potsdam] ist wohl das Klügste und das Beste, was je ein Hohenzoller für Brandenburg tat […]“ und bewertet „den Einzug der Hugenotten Ende des 17. Jahrhunderts als den eigentlichen Beginn der brandenburgischen Geschichte.“

Die Kolonieliste von 1699 verzeichnet den Namen Jacques Fontaine, in Nimes geboren, Theodor Fontanes Vorfahre.

Das kann man für überzogen halten oder nicht, doch dass die Hugenotten einen immensen Einfluss auf die ökonomische und kulturelle Entwicklung Preußens hatten, würde wohl niemand abstreiten. Trotz des späteren Ruhms Theodors ist die Familie Fontane dabei keineswegs einer derjenigen, die sich besonders hervorgetan hätte: „Alle, die von den Refugiés, den französischen Einwanderern, besonderen Fleiß und Ehrgeiz erwarteten, was bei den meisten auch der Fall war, werden von der Familie enttäuscht, denn auch Theodor Fontane schaffte nicht das Abitur.“ Stattdessen verdingten sich Vater wie auch der frühe Theodor Fontane als Apotheker, arbeiteten mal in Berlin, mal im Brandenburgischen Umland. Obwohl das im Brandenburg des 19. Jahrhunderts keine schlechte Anstellung bedeutete, war die ökonomische Situation im Hause Fontane angespannt, verjubelte  Vater Louis Henri doch gerne das Erarbeitete beim Spielen.

Fontanes Werk wird durch die Liebe zur Heimat begründet, also durch eine auch patriotische Haltung.

Der junge Theodor Fontane machte dann trotzdem seinen Weg, trat literarischen Gruppen und Gesellschaften bei, fing an für Zeitungen zu schreiben und bereiste schließlich mehrfach England. Dieser Zeit in Großbritannien widmet Zimmermann einige Aufmerksamkeit und beschreibt sie als Zeit, in der Fontane erste Begegnungen mit der industriellen Moderne macht: „Er nahm zum ersten Mal eine von Kapital und Industrie gesteuerte Welt wahr, die er im zurückgebliebenen, halb feudalen Preußen noch nicht erkennen konnte.“ Der Autor erscheint hier als jemand, der in die ferne Welt hinausgeht und danach seine eigene Welt mit anderen Augen sieht. Die ökonomische Verwandlung der Welt sollte Fontane zeitlebens beschäftigen: „Die Farbenproduktion florierte, Kommerzienrat Treiben im Roman Frau Jenny Treibel wird reich […]“

Politische Ereignisse gehen oft über die Köpfe hinweg wie ungute Wetter.

Das Merkwürdigste an Fontanes Leben ist vermutlich der Umstand seines späten Ruhmes: „Wer hätte voraussagen können, dass dieser Autor nach all dem, was er bis dahin geschrieben hatte, schließlich mit 59 Jahren ein großer Romancier werden würde?“ Damit es dazu kam, musste der Schriftsteller auch einschneidende Entscheidungen treffen, auf bequeme Posten verzichten: „’Ich hatte mich zu entscheiden, ob ich um der äußeren Sicherheit willen, ein stumpfes, licht- und freudloses Leben führen oder, die alte Unsicherheit bevorzugend […]’“ Das Ergebnis ist eine literarische Karriere, die schon zu Fontanes Lebzeiten anerkannt wurde, aber natürlich erst im Nachwirken tatsächlich unsterblich werden sollte.

„Die Berühmten und Unberühmten, Freien und Unfreien, die Romane- und die Stückeschreiber, die Journalisten und die Essayisten – der arme Lyriker ganz zu schweigen –, alle sind meines Wissens einig darüber: die Stellung eines Schriftstellers ist miserabel.“

All dies ist bekannt und hinlänglich beschrieben. Worin besteht also der spezifische Zugriff Zimmermanns? Das weiß man auch nach der Lektüre nicht. Das liegt auch daran, dass die Biographie seltsame Entscheidungen trifft. Während Zimmermann zumindest den honorigen Versuch unternimmt, den frühen und damit unbekannteren Fontane auf die Spur zu kommen, verlegt sich die Biographie in ihrer zweiten Hälfte darauf, bekannte Texte nachzuzeichnen. So wird sie schließlich eher zu einem Fontane-Handbuch, als neue Schlaglichter auf ein bewegtes Leben in einer bewegten Zeit zu werfen.

„Das Berliner Wesen, das einem auf den Strassen und in der Kneipe, überhaupt im alltäglichen Leben entgegentritt, ist anfangs ungenießbar. Schärfe, Unverschämtheit, Lieblosigkeit bringen den Fremden um.“

Weder die Spur eines Fontane, der in seinem Werk die Moderne beobachtet und begleitet, noch diejenige eines Autors, der in Zeitgenossenschaft eines Paul Heyses und somit im Schatten wirkmächtiger Schriftsteller aufwächst, werden konsequent verfolgt. Für eine Biographie, die zu einem solch rummeligen Jubiläums erscheint, wirkt der Text einfallslos und demotiviert. Vielleicht ist das Jubiläum aber auch gerade der Grund für diesen Umstand: Solange die Jubiläumsindustrie unser Gedenken und Nachdenken so organisiert, wird der Markt auch derlei Konfektionsware produzieren.


Wir danken C.H. Beck für das Rezensionsexemplar.