Hans Joachim Schädlichs „Felix und Felka“: Malende Touristen

Künstlerromane liegen seit über 200 Jahren im literarischen Dauertrend: Von Ludwig Tieck über Gottfried Keller, von Émile Zola über Hermann Hesse bis hin zu den Bestsellern unserer Zeit – Kehlmanns „Ich und Kaminski“ oder zuletzt „Max“ von Markus Orths  – schildert die Literatur das Schicksal von bildenden Künstlern, mal umfassend als Bildungsroman, mal ausschnittartig in Fragmenten. Hans Joachim Schädlichs neuer Roman widmet sich nun einem Künstlerpaar: Felix Nussbaum und Felka Platek.

„Ein warmer Mai-Nachmittag.
Der Park ringsum in dunklem Grün.
Auf dem Platz vor der Villa, im Pinienschatten, stehen Felix und Felka.“

Diese drei Sätze, mit denen der Roman eröffnet, nehmen anhand einer vermeintlich pittoresken Szenerie vorweg, was Schädlichs neustes Buch leitmotivisch durchzieht: Seine namensgebenden Protagonisten Felix und Felka befinden sich draußen, sie werden ausgesperrt – in dieser ersten Romanszene räumlich, im Verlauf des Romans vor allem aber gesellschaftlich.

Die Villa, von der gleich zu Beginn die Rede ist, befindet sich in Rom. Es ist die Villa Massimo, die bereits seit kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs als Deutsche Akademie jungen Künstlern einen Aufenthalt in der italienischen Hauptstadt ermöglichte. Für 1932/1933 wurde das begehrte Stipendium unter anderem dem 28-jährigen Felix Nussbaum zugesprochen, der von seiner fünf Jahre älteren Lebensgefährtin Felka Platek – ebenfalls Künstlerin – begleitet wurde.

Doch an jenem warmen Mai-Nachmittag im Jahr 1933 holt die beiden Künstler, die eigentlich in Berlin leben, der politische Wandel in Rom ein und schlägt ihnen – nicht nur im übertragenen Sinne – ins Gesicht. Felix und Felka stammen aus jüdischen Familien; er aus einer säkularisierten, gutbürgerlichen Kaufmannsfamilie in Osnabrück, sie aus einfachen Verhältnissen in Warschau. Nach Deutschland können sie nicht zurück, das wissen sie kurz nach den Bücherverbrennungen und den ersten Restriktionen gegen die jüdische Bevölkerung bereits. Aus dem auf neun Monate beschränkten Studienaufenthalt in Rom wird ein unfreiwilliges Exil.

Aber auch in Rom wollen sie nicht bleiben. Es beginnt eine Odyssee quer durch Europa, die das Künstlerpaar erst durch den Rest Italiens, dann in die Schweiz, später nach Paris, Ostende und Brüssel führt.
Auf ihren Reisen treffen sie auf andere Emigranten, einige hadern mit einer Ausreise nach Palästina, andere wiederum wollen am liebsten zurück nach Deutschland. Gemeinsamer Nenner ist dabei allen das Gefühl der Fremde. Man ist empört, dass man ‚herausgeworfen’ wurde, der Schlag ins Gesicht traf die assimilierten Juden, auf die Felix und Felka treffen, ebenso unvorbereitet wie sie selbst. Die beiden sehen sich als „Maler-Touristen“, die einen ausgedehnten Urlaub machen.

Dass sie nicht ankommen, nicht so recht Anschluss finden, verdeutlicht Schädlichs Roman auch auf sprachlicher Ebene: Dass nach beinahe jedem Satz ein Umbruch folgt, jede Aussage zwar in sich geschlossen ist, aber für sich steht und sich durch die Umbrüche kein zusammenhängender, organischer Text ergibt. Durch die Reduktion entsteht ein implizit fragmentarischer Eindruck, der sprachlich die Situation der Romanfiguren Felix und Felka, aber auch die spärliche Quellenlage um die historischen Personen Felix Nussbaum und Felka Platek spiegelt.

„Die Nordsee ist mein Lieblings-Meer. Sie gibt mir immer das Gefühl von Hoffnung.“

1936 erhalten beide den belgischen Fremdlingspass und damit offiziell bestätigt, fremd zu sein, nicht heimisch werden zu können. Felix und Felka pendeln zwischen dem beschaulichen Leben in Ostende und dem anonymen Großstadtleben in Brüssel, leben vom Verkauf von Gemälden und anderen künstlerisch veredelten Gebrauchsgegenständen wie Vasen oder Aschenbechern, die sich besser verkaufen lassen als die neusachlichen Ölgemälde. Einige Gemälde verkauft Felix an keine geringere als Peggy Guggenheim über einen gemeinsamen Freund, der bereits in die USA emigriert ist. Ihr gemeinsames Leben ist einfach, ein bisschen monoton, aber sie sind zusammen.

„Es ist Krieg, Felka!“
„Mein armes Polen.“
„Mein verfluchtes Deutschland.“

Als Deutschland im Mai 1940 die Benelux-Staaten überfällt, holt sie der Krieg und die Verfolgung der Deutschen auch in der Fremde ein. Felix wird nur zwei Tage nach dem Einmarsch der Truppen festgenommen und in das südfranzösische Internierungslager Saint-Cyprien gebracht. Er kann fliehen, nach Brüssel zurückkehren und gemeinsam mit Felka untertauchen. Im Versteck entstehen Nussbaums ebenso berühmte wie verstörende Lagerbilder, welche die Schrecken des südfranzösischen Lagers abbilden. Jene Schaffensphase wird die produktivste bleiben: Im Juni 1944 wird das Paar denunziert, festgenommen und nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

Felix Nussbaum: Triumph des Todes, 1944

Nussbaums Gemälde „Triumph des Todes (Die Gerippe spielen zum Tanz)“ von 1944 gilt als sein letztes vollendetes Werk.

Kritisch verwiesen werden muss an dieser Stelle  auf das inhaltliche Ungleichgewicht des Künstlerporträts, das der Titel verspricht. Der Roman berichtet überwiegend von Felix‘ künstlerischem Schaffen, Felkas Werk wird – bis auf eine Episode, in der sie in Brüssel die Nachbarn porträtiert und das Ergebnis von Felix verlacht wird – eher beiläufig erwähnt. Wie in der kunsthistorischen Forschung steht Felka im Schatten von Felix, wie so oft in der Kunst (man denke an Paula Modersohn-Becker).

Ob es gewollt ist, dass der Leineneinband von Schädlichs Roman farblich perfekt auf sein letztes Werk „Triumph des Todes“ abgestimmt ist? Ist auch „Felix und Felka“ als Vermächtnis zu sehen? Im Gegensatz zu Markus Orths Max-Ernst-Roman ist Schädlichs Porträt des Künsterpaars reduzierter, ruhiger, geraffter. Biographische Leerstellen werden hier nicht mit Fiktion aufgefüllt, sie werden vielmehr durch die verknappte und trotzdem hoch poetische Sprache ausgestellt: Ein lesenswerter Text, eine Hommage an das Künstlerpaar, ein literarisches Kunstwerk.


Wir danken Rowohlt für das Rezensionsexemplar.

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