Hans Pleschinskis „Wiesenstein“: Wo er ist, war Deutschland

Manchmal ist es geisterhaft, wie Publikationen zufällig gleichzeitig auf den Markt strömen. Erst kürzlich erschien Helmut Lethens „Die Staatsräte“, das sich mit vier Intellektuellen im Nationalsozialismus und deren konfuses wie heikles Verhältnis zur Macht beschäftigte. Lethen legt darin eine Erkundung der Psychologie großer Männer vor, die sich absichtsvoll in den goldenen Käfig des Regimes begaben. Fast gleichzeitig erschien auch Hans Pleschinskis „Wiesenstein“. Pleschinski hat schon mit „Königsallee“ ein Portrait eines berühmten Literaten (Thomas Mann) geschaffen, nun hat er sich Gerhart Hauptmann vorgenommen. Was hat dieser mit den Staatsräten zu tun? Auch er blieb in Deutschland und auch er brachte sich in eine Nähe zum NS-Staat, in die er sich nicht hätte bringen müssen. Pleschinski zeichnet in „Wiesenstein“ dessen letzte Tage nach.

Spätestens mit dem ihm 1912 verliehenen Nobelpreis war Hauptmann im Olymp der Weltliteratur angekommen. Zeitweise schien es sogar so, als gäbe es niemanden, der in Größe und Wirkung vergleichbar wäre. Das ist insofern beachtlich, als dass das Frühwerk Hauptmanns all den sozialen Sprengstoff aufnahm, den die industrielle Revolution in die Welt brachte. Zwar wendete sich Hauptmann später eher klassischen Stoffen zu, doch das Bild des sozialkritischen Naturalisten wurde er nie ganz los. An so viel Ruhm wollten auch die Nationalsozialisten teilhaben und versuchten, ihn vor den Parteiwagen zu spannen. Hauptmann, sicherlich kein glühender Nationalsozialist, aber in Aufmerksamkeit verliebt, ließ geschehen.

„Ich kenne fast nichts von ihm, ja, Die Weber“, erklärte der junge Mann.

Pleschinskis Roman lässt die Vorgeschichte nur beiläufig anklingen und beginnt stattdessen in medias res. Hauptmann, nun als Romanfigur, ist schon eine Weile krank und befindet sich daher im Sanatorium. Doch das Ende des Krieges, dass für alle, die sich nicht völlig in nationalsozialistische Verblendung begeben haben, ersichtlich wird, möchte er gerne in seiner Villa Wiesenstein verbringen, die sich im früher so genannten Agnetendorf, heute Jagniatków, ein Stadteil von Jelena Góra in Niederschlesien befindet. Wiesenstein war schon länger der Lebensmittelpunkt Hauptmanns, da das fürstliche Anwesen ihm die Möglichkeit, seinen feudalen Lebensentwurf zu verwirklichen und Gäste in fürstlicher Atmosphäre zu empfangen. Gleichzeitig, so sollte die Geschichte zeigen, war Niederschlesien der vielleicht ungünstigste Ort, das Ende des Krieges abzuwarten, denn die Rote Armee rückte an und ging nicht zimperlich vor, wenn es darum ging, die verbliebenen Deutschen aus den bald schon polnisch werdenden Gebieten zu vertreiben.

Das Reich kapitulierte nicht.

Recht schnell wird deutlich, dass „Wiesenstein“ nicht nur ein Roman über einen der größten deutschsprachigen Dichter der Zeit ist, sondern auch die Transformation einer bis dahin deutschen Kulturlandschaft zeigt: „Von jenen, die in den Westen geflohen waren, kehrten immer weniger zurück, die sich dann in Gliwice, Jelenia Góra und Sobieszów kaum mehr zurechtfanden.“ Hauptmann ist in Schlesien geboren und sein vielleicht berühmtes Drama „Die Weber“ wurde immer auch auf die Weberaufstände in der Region bezogen. Es bietet sich also an, das Schicksal der deutschen Ostgebiete mit Hauptmanns persönlicher Geschichte zu verknüpfen. In diesem Zusammenhang dockt der Roman auch an zeitgenössische Debatten an, wenn er beispielsweise die Trecks der Vertriebenen beschreibt: „Das Land wurde eines der verstopften Wege.“

Die finstere Einfahrt zu Schloss Albrechtsberg.
Der Pfeil zum Luftschutzkeller.
Krater im Park.

Pleschinski wählt dafür den literarischen Weg der Histofiktion. Vieles, so verspricht zumindest das kurze Nachwort, orientiert sich an historisch Überliefertem, die Fiktion kommt immer dann ins Spiel, wenn es darum geht, Plastizität einzelner Szenen zu erzeugen. Der Roman zeigt Hauptmann als eine körperlich gebrochene Figur mit einer gespenstischen Produktivität. Im normalen Gespräch stottert der Altmeister, doch kaum beginnt er, seiner Ehefrau Margarete Lyrik zu diktieren, erreicht er die alte Gravität und Schaffenskraft. „Wiesenstein“ versteht sich auch als eine ständige Rezitation des Werkes Hauptmanns, der – trotz der Zerstörung um ihn herum – die alte Lyra griechischer Mythen erklingen lässt: „Die Konturen verschwammen. Das Auge wollte Sonne schlürfen. Griechische Sonne.“

Der Dichter war keine makellose Koryphäe, keinesfalls, er ließ sich von den Mächtigen hofieren, profiterte – bis jetzt – von deren Gunst –

Der greise Dichter ist, wie er im Text gezeigt wird, in den letzten Tagen seines Lebens zu einer Art Medium geworden, das wie ein Geisterseher plötzlich angestoßen Lyrik ausspuckt. Unterstreicht wird das durch seine scheinbare Überzeitlichkeit, in der er – in der Mitte des 19. Jahrhunderts geboren – lange historische Strecken überblicken kann: „‘Mein erster Nachkrieg war 1866.‘“ Als Langlebiger wird er dann doch zu einer Verkörperung Deutschlands, doch nicht in seinem Sinne. Denn sein Lebensweg zeigt die ganze Widersprüchlichkeit deutscher Geschichte und er selbst ringt mit dem Bild, was sein Deutschland und damit auch er abgibt.

„Sind wir noch Deutschland, wenn es Deutschland nicht mehr gibt?“

„Wiesenstein“ wirft die Frage nach dem Standort Deutschlands auf. Wenn Thomas Mann aus Kalifornien heraus postuliert, wo er sei, sei Deutschland, formuliert der Roman gleiches auch für Gerhart Hauptmann: „‘Wo Hauptmann ist, ist Deutschland.‘“ Damit berührt er die alte Diskussion darüber, wie das richtige Verhalten während des Kriegs ausgesehen habe – ins Exil gehen und damit möglicherweise Zurückgebliebene im Stich lassen? Oder in Deutschland bleiben und damit Gefahr laufen, sich mit den Nationalsozialisten gemeinzumachen? Hauptmann stellt sich diese Frage ganz im Sinne seines eigenen Selbstbild: „‘Aber wäre Goethe emigriert?‘“

Ehen zwischen Deutschen und Polen wurden verboten.
Fürchtete man die Liebe?

Beeindruckend ist, wie Pleschinski es schafft, in diesem papiernen Gerhart Hauptmann die großen Themen der Zeit zu verdichten. Gleichzeitig liest sich „Wiesenstein“ an manchen Stellen wie ein von Hauptmann beaufsichtigter Geschichtsunterricht. Zu explizit werden immer wieder historische Exkurse eingeschoben, um Kontext zu liefern. Das ist die Kehrseite von Pleschinskis Debattenfreudigkeit. Um den Leser nicht über die vielen Bälle zu verlieren, die der Roman gleichzeitig in der Luft hält, muss er die Zeit, von der er spricht, immer wieder einholen.

Und auch an etwas anderes krankt „Wiesenstein“: Zwar spricht der Roman vieles an, er führt sprachlich aber nie ins Herz dessen, worüber er spricht. Was mit Hauptmann auch verbunden ist, ist die Bombardierung Dresdens. Auch darüber spricht „Wiesenstein“. Er nimmt aber nicht die These Sebalds auf und versucht sich an einer sprachlichen Verarbeitung. Und so ist „Wiesenstein“ ein Roman, der über vieles redet, aber selten aus sich selbst spricht.


Wir danken C.H. Beck für das Rezensionsexemplar.

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