Harald Jähners „Wolfszeit“: „Werden die Deutschen wieder frech?“

Die deutsche Gesellschaft entdeckt gerade ihre Vergangenheit neu. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendeine Serie, ein Spielfilm, ein Roman den Blick in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts richtet. Das nimmt dann mal so schlimme Züge wie bei „Stella“ oder „Werk ohne Autor“ an, mal geht es so biedermeierlich zu wie bei den „Kudamm“-Staffeln oder „Babylon Berlin“. Gerade die Weimarer Zeit wird gerne als die zentrale Chiffre für Krisenzeiten und gleichzeitige ekstatische gesellschaftliche Zustände herbeizitiert. Dagegen galt die BRD bislang als Insel der seligen Stabilität. Ein Bild, das nach und nach revidiert wird.

Die Ikonographie der BRD kennt eigentlich nur zwei Bilder: Trümmer und volle Einkaufsfenster. Doch die Zeit zwischen der fälschlicherweise ausgerufenen Stunde Null und dem Wirtschaftswunder ist im kulturellen Gedächtnis verwaist. Umso verdienstvoller ist das nun von Harald Jähner geschriebene Buch Wolfszeit, in dem er sich genau jenen ersten Jahren der BRD widmet. Jähner hat auch eine Erklärung dafür, warum es keine im allgemeinen Bewusstsein verankerte Geschichtsschreibung dieser Zeit gibt: „Die Jahre zwischen Kriegsende und der Währungsreform, dem ökonomischen ‚Urknall‘ der Bundesrepublik, sind für die Geschichtsschreibung gewissermaßen eine verlorene Zeit, weil ihnen das institutionelle Subjekt fehlt.“ Historische Vermittlung, so die These, kommt da an seine Grenzen, wo eine Gesellschaft in ständigen Transformationen verunklart wird.

„Wir sind eine Generation ohne Bindung und ohne Tiefe. Unsere Tiefe ist Abgrund. Wir sind die Generation ohne Glück, ohne Heimat und ohne Abschied.“ Wolfgang Borchert

In einer solchen Gesellschaft der Krisenzeit und der Transformationsprozesse werden schließlich auch ethische Grundsätze im Miteinander in Frage gestellt: „Von der ‚Niemandszeit‘ sprach man, von der ‚Wolfszeit‘, in der ‚der Mensch dem Menschen zum Wolf‘ geworden war.“ Diese Bezeichnung ist natürlich deswegen äußerst unglücklich, weil sie suggeriert, der Deutsche wäre als Schaf in den Bombentrümmern des Zweiten Weltkriegs verschüttet worden und als Wolf wieder aus ihnen herausgekrochen. Stattdessen muss man doch sagen: Die Wolfszeit hat 1933 begonnen, doch wo der Deutsche vorher den anderen der Wolf war, wird er ab 1945 sich gegenseitig zum Raubtier.

1946 ging (Werner) Heldt durch die zerbombte Stadt und frohlockte: „Jetzt ist Berlin wirklich eine Stadt am Meer!“

Diesem deutschen Tier ist Jähner in Wolfszeit auf der Spur und es mag schon verwundern, in welchem Zustand man es vorfand, als der Krieg in Europa endlich vorbei war. Denn obgleich es ein höchst verunsichertes und neurotisches Wesen war, so entwickelte es gleichzeitig schon sehr schnell einen spielerischen Zugang zu der zerstörten Welt, in der es nun lebte: „Schon bald wurden Fotokurse angeboten: Amateure stiegen unter Anleitung von Profilfotografen durch die Schuttberge und lernten, die bizarren Motive eindrücklich in Szene zu setzen.“ Da wo einst Jahrhunderte gewachsene Städte standen, waren nun nur mehr noch Trümmermeere, die ganz neue Landschaften hervorbrachten: „In den zusammengefallenen Städten ergab sich eine neue Topographie von Trampelpfaden.“

Waren die Ruinen schon fotogen, so waren es die Trümmerfrauen erst recht.

Für die deutsche Gesellschaft, so Jähner, hatte der Trümmeranblick fast religiöse Züge: „Die Empfindung, dass die Trümmer das wahre Gesicht der Welt zeigten, hegten viele Menschen.“ Dass die Deutschen jedoch im Angesicht des Ergebnisses ihres Größenwahnsinn sich weder demütig, noch reumütig zeigen sollten, zeigte sich sowohl in ihrer Weigerung der Kenntnisnahme ihrer eigenen Schuld („Der Holocaust spielte im Bewusstsein der meisten Deutschen der Nachkriegszeit eine schockierend geringe Rolle.“) wie auch im Umgang mit den aus den ehemaligen Ostgebieten kommenden Flüchtenden, die nun in Westdeutschland eine neue Heimat suchten: „Der Tribalismus blühte, man grenzte sich als Stammesangehörige durch Sitten, Gebräuche, Glaubensriten und Dialekte von den umliegenden ab und erst recht von den Deutschböhmen, Banater Schwaben, Schlesiern, Pommern und Bessarabiendeutschen – alles ‚Polacken‘.“

Das Elend ist nicht zu verstehen ohne die Lust, die es hervorbringt.

Die nachkriegsdeutsche Gesellschaft hatte relativ schnell ihre Feindbilder den aktuellen politischen Verhältnissen angepasst: Während man sich auf der einen Seite vor sowjetischer wie jüdischer Rache fürchtete, die Alliierten verachtete, hatte man in den Flüchtenden jemanden erkannt, auf den man herabblicken konnte. Jähner zitiert die Soziologin Elisabeth Pfeil, die im Typus Flüchtling damals schon eine zentrale Gestalt erkannte: „Das Erscheinen der Flüchtlinge, schrieb sie, ‚stört‘ eine Welt auf, und was geschieht, das geschieht nicht nur den Geflohenen und Vertriebenen, sondern auch den anderen, denen sie ins Haus traten und denen sie ihre Unruhe mitteilten.‘“ Flüchtende Ostpreußen und co. machte den Rest Deutschlands nur darauf aufmerksam, in welcher Unordnung sich ihr Haus befand.

So folgte auf den Weltkrieg der Kleinkrieg in den Familien.

Jähners Leistung in Wolfszeit besteht darin, eine Gesellschaft zu zeigen, für deren Zustand er keine Schuldigen außer sie selbst sucht und gleichzeitig deutlich zu machen, dass diese Gesellschaft 1945 genauso gut hätte einfach implodieren können. Um das Ausmaß der Zerrüttung zu zeigen, reicht es da manchmal auch schon, einfachste Fakten herbeizuzitieren: „Im Sommer 1945 lebten in den vier Besatzungszonen ungefähr 75 Millionen Menschen. Von ihnen waren weit mehr als die Hälfte nicht dort, wo sie hingehörten oder hinwollten.“

Wolfszeit vermag es meisterhaft, diese schreckliche, neurotische und faszinierende Gesellschaft über diese „großen“ Fakten und über die „kleinen“ Anekdoten erfahrbar zu machen. Beispielsweise wenn er die Geschichte des jüdischen Überlebenden Yossels erzählt, der die Nazis überlebt hat, die erste Nachkriegszeit in einem Camp für DPs verbringen musste, schließlich die Ausreise schaffte, nur um dann schließlich ins Lager Föhrenwald zurückzukehren: „Die Kaserne und das Lager Föhrenwald waren die einzigen Orte, an denen sich Yossel je wohlgefühlt hatte.“ Es sind derlei gebrochenen, absurden Lebenswege, die die dieses Nachkriegsdeutschland, so bekommt man den Eindruck bei der Lektüre, am Fließband produzierte.

Die Wohngemeinschaft – was die Generation der Studentenbewegung zu haben glaubte, hatte knapp 30 Jahre zuvor der Zusammenbruch ganz von alleine vollbracht.

Dass aus diesem Haufen Verstreuter, Verstörter, Täter, Opfer, Diskreditierter und Verlorener spätestens Mitte der Fünfziger doch wieder eine stabile Gesellschaft geworden ist, darüber kann man sich nur wundern: „Fast so beunruhigend wie die Dimension, in der Deutschland zum globalen Albtraum werden konnte, ist die schlafwandlerische Sicherheit, mit der es danach seine Biederkeit wiedergewann.“ Doch genau das macht die Beschäftigung mit dieser Zwischenzeit auch so faszinierend.


Wir danken Rowohlt für das Rezensionsexemplar.