Hass, Hass, Hass: Nele Pollatscheks „Das Unglück anderer Leute“

Pollatschek_Das Unglück anderer Leute

Als sich Elke Heidenreich im SRF Literaturclub Ende August über Michelle Steinbecks Debüt „Mein Vater war an Land ein Mann und im Wasser ein Walfisch“, das es auf die diesjährige Longlist zum deutschen Buchpreis geschafft hatte, ausließ und bei der Autorin Geisteskrankheiten und Sozialstörungen diagnostizierte, wies die in dieser Sendung selbst leicht verwirrt wirkende Kritikerin auf ein anderes Buch hin, das ihrer Ansicht nach das gelungene Debüt einer jungen Autorin verkörpert: „Ich lese gerade ein Buch von Nele Pollatschek, das ist auch eine 25-jährige Autorin, das Buch heißt „Das Unglück anderer Leute“: was für eine Kraft, was für eine Sprache.“ Damit beweist Heidenreich nur ein weiteres Mal, dass man auf ihr Urteil nicht vertrauen kann.

Thene, die Ich-Erzählerin des Textes, ist fünfundzwanzig Jahre alt und befindet sich mit ihrem Vater und ihrer Großmutter auf der Reise nach Oxford, wo sie ihren Master-Abschluss entgegennehmen soll. Auch Thenes Mutter Astrid, eine sehr spezielle Frau, die ausschließlich rot trägtund einen Blog betreibt, mit dem sie die Welt zu retten glaubt, ist auf dem Weg nach England. Ihrer Extravaganz entsprechend möchte sie vom Flughafen aus nicht allein nach Oxford reisen, sondern von ihrem Ex-Mann, ihrer Mutter und der Tochter abgeholt werden – ausgerechnet auf der Autobahn. Natürlich nimmt es kein gutes Ende mit Astrid, die – obwohl sie in auffälligem rot gekleidet ist – von einem Lastwagenfahrer erfasst und überfahren wird.

Man würde meinen, Thene trauere in den folgenden Kapiteln um ihre verstorbene Mutter, aber weit gefehlt; die Ich-Erzählerin ist genervt und vor allem hasserfüllt. Schon die Exposition verdeutlicht, wie Thene vor, aber auch nach dem Unfall über ihre Mutter („Ich war im Leben genauso scheiße zu meinen Verwandten, wie ich es auch nach dem Tode gewesen wäre. Oder zumindest war das die Maxime meines Handelns.“) denkt:

»Ich hasse sie, ich hasse sie, ich hasse sie«, sagte ich. Nicht voller Wut. Voller Wahrheit. Wut hatte ich hinter mir gelassen. Meistens zumindest. Nun sprach ich nur noch aus, was sowieso alle dachten. Klar und ruhig, laut und deutlich, ohne Wenn, ohne Aber: Ich hasste meine Mutter.

Um das Kind hatte sich niemand gekümmert. Papa nicht, weil er gegangen war. Mama nicht, weil sie ihn so lange gepiesackt hatte, bis er dachte, er habe keine andere Wahl mehr.

Der Grund für diesen Hass ist die „beschissene Kindheit“, die sich das Ich selbst bescheinigt. Vater Georg hatte Astrid und Thene verlassen, als die Ich-Erzählerin neun Jahre alt war. Der Kontakt brach ab – in dieser Zeit hasste Thene nicht nur ihre Mutter, sondern auch den Vater –, bis ihr Vater ihr bei einem von der Großmutter arrangierten Wiedersehen eröffnet, dass er Männer liebt und mit seiner großen Liebe zusammenlebt. Auch die Mutter, bei der Thene nach der Trennung lebt, kommt über Georg hinweg und trifft Ralf. Thene bekommt einen zehn Jahre jüngeren Halbbruder namens Elijah, bis auch Ralf die Familie nach wenigen Jahren verlässt, um als Menachem nach Israel auszuwandern und dort als orthodoxer Jude zu leben. Ein weiterer Mann, ein weiteres Kind: der jüngste Sprössling heißt Trixie und ist in der Jetzt-Zeit des Romans fünf Jahre alt.

Aber nicht nur das wilde Liebesleben der Mutter und die damit verbundenen Abschiede von Bezugspersonen, sondern auch der alltägliche Umgang löst bei Tochter Thene Hass aus. Astrid ist unzuverlässig, hat immer Recht und muss sich immer durchsetzen. Nicht nur mit ihrer Tochter, sondern auch mit ihrer Mutter, Thenes Oma Patzi, gerät Astrid deshalb ständig aneinander. Als Astrid aufgrund ihrer Unverbesserlichkeit und ihres Starrsinns – natürlich hatten ihr alle davon abgeraten, auf der Autobahn herumzulaufen – stirbt, ist Thene vor allem wütend, weil ihr die Mutter selbst „ihren Tag“, die feierliche Abschlusszeremonie in Oxford, versaut hatte und an ihrer statt im Mittelpunkt steht.

Die konstanten Hassbekundungen der Ich-Erzählerin wirken übertrieben, vor allem, wenn im ersten Drittel des Textes über mehrere Kapitel vom letzten Zusammentreffen von Mutter und Tochter erzählt wird. Denn zwar ist Thene genervt, aber von wirklichem Hass oder einer emotionalen Gleichgültigkeit, die das dauerhafte Ausbleiben der Trauer nach dem Tod erklären könnte, ist hier nichts zu merken. Thene gibt klein bei und befolgt die Vorgaben ihrer Mutter, mit Hass scheint dies jedoch wenig zutun zu haben.

Der Vorteil einer beschissenen Kindheit ist, dass man lernt, routiniert mit Katastrophen umzugehen.

Der Hauptteil des Romans erzählt von den Tagen nach dem Unfall und den Vorbereitungen der Beerdigung, die die Familie gemeinsam übernimmt und bei der viele weitere Absurditäten (es wird nicht gespart: Inzest und Zwangsehen) über die Mutter und die Familiengeschichte ans Tageslicht kommen. Am traurigsten ist dabei Thenes Vater Georg, der als einziger um Astrid weint – bis die Familie schließlich auf der Beerdigung auf die vielen Menschen trifft, für die sich Astrid einsetzte. Sie sind diejenigen, die die Trauerarbeit übernehmen.

Am Ende steht fest, dass es nicht wirklich um Hass geht, sondern vielmehr um die Enttäuschung einer Tochter, die nie eine konventionelle Mutter hatte, sondern eine „Erzeugerin“, der ihr eigenes Leben, die eigene Selbstverwirklichung wichtiger war als die Familie. Ich-Erzählerin Thene sucht im Laufe des Romans verschiedene Ersatzfiguren – vom Vater bis zur Bestatterin – und sehnt sich selbst aus Protest gegen die Mutter nach einem klischeespießigen Leben mit ihrem Freund Paul, der im Text nur am Rande erwähnt wird und mit dem sie sich einen Schutzraum in Heidelberg und dem Odenwald aufgebaut hat, in dem die Pfannkuchen im Bett gegessen und die Samstage zum Wandern genutzt werden. Fast könnte Thene dem Leser Leid tun, wäre die Ich-Erzählerin dabei nicht so unsympathisch: Mehr als sich zu beschweren kann Thene eigentlich nicht, und vergisst dabei vollkommen, dass sie immerhin gerade einen Abschluss an einer der rennommiertesten Bildungseinrichtungen der Welt machen durfte (der von der verhassten Mutter teilfinanziert wurde) und in Paul einen sie offenbar mit allen Fehlern und Marotten akzeptierenden Lebenspartner gefunden hat. Dass Thene als unsypmatische Antiheldin fungiert, ist unproblematisch, die Überstrapazierung dieses Motivs leider aber schade.

„Was für eine Kraft, was für eine Sprache“, urteilt Elke Heidenreich. Der vielerseits gelobte Humor des Buches beruht an vielen Stellen auf Klischees („typisch englisch“: Bäder, in denen die Temperierung des Wassers nicht ordnungsgemäß funktioniert, Engländer, die sich über das Wetter unterhalten, um niemandem gegen den Kopf zu stoßen), die eher ein Augenrollen als ein Lachen provozieren.
Der Ton ist durchweg umgangssprachlich und erinnert an die längst abgesetzten Vorabendserien mit junger Zielgruppe wie „Mein Leben und Ich“ mit Wolke Hegenbarth oder „Berlin, Berlin“ mit Felicitas Woll, bei denen man den weiblichen Protagonistinnen auch beim Laut-Denken zuhört. Allgemein kann man sich ohne Probleme eine Verfilmung des Romans als Tragikommödie vorstellen – „Das Unglück anderer Leute“ lebt von der skurilen Handlung und ihren Figuren, nicht aber von der Sprache, die nicht so recht einen eigenen Ton zu finden vermag.

Auf den letzten Metern vermag Pollatscheks Debüt überraschenderweise dann doch noch literarisch zu werden, wenn – Achtung, Spoiler! – nicht nur die Mutter, sondern auch alle anderen Familienmitglieder sterben oder verschwinden, inklusive der Ich-Erzählerin selbst. Mit dem Tod der Mutter wird das Ende der Familie eingeleitet, niemand überlebt den Verlust. Pollatschek wählt ein hochspannendes Ende für ihr Debüt, das nicht recht zum Roman zu passen scheint, ihn aber potenziell noch aufwerten könnte. Leider kann Pollatschek sich nicht durchringen und das Ende offen lassen: Im letzten Kapitel sehen sich dann alle im Jenseits wieder. Schade.


Wir danken Galiani für das Rezensionsexemplar.

3 Kommentare

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  2. Dr. Lore Brüggemann

    Ich stimme dieser sehr guten und differenzierten Beurteilung uneingeschränkt zu. Sie hebt sich wohltuend von den zahlreichen plumpen Lobpreisungen ab, die alle vom „Tempo“, der umwerfenden „Komik“ und dem „kraftvollen Stil“ beeindruckt sind. Ich selbst habe so etwas wie Tempo in dieser handlungsarmen Geschichte, die erst am Ende anzieht, dann aber mit der Auslöschung der gesamten Familie gewaltig übertreibt, nichts gemerkt, und die angebliche Komik hat mich wegen der Hasserfülltheit der Protagonistin nirgends zum Lachen gebracht. Heiterkeit entsteht nicht auf dem Boden von Hass, sondern von Liebe, und sofern die nicht möglich ist, sollten wenigstens etwas Distanz und Leichtigkeit die Verbissenheit der negativen Emotionalität abmildern.
    Elke Heidenreich hat übrigens das Alter der Autorin Pollatschek mit dem Alter der Protagonistin Thene verwechselt, und außerdem hält sie die Eltern Thenes irrtümlich für „Alt-68er“. Die wären heute, also in der Gegenwart des Romans, zwischen 70 und 75 und nicht erst 50. Nicht alle unangepassten älteren Herrschaften jenseits der Lebensmitte waren „Alt-68er“, erst recht nicht, wenn sie in der DDR studiert haben.
    Soviel zur Lesegenauigkeit von sogenannten Literaturpäpsten bzw. Päpstinnen.

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