Heimat Babylon: Aura Xilonens „Gringo Champ“

Die soziokulturellen Konzepte von Heimat und Leitkultur scheinen überholt. Zu konformistisch, zu konservativ kommen die Begriffe daher, haben in den letzten Monaten einen faden, völkischen Beigeschmack entwickelt. Unlängst erschienene und viel diskutierte Bücher wie Max Czolleks „Desintegriert euch!“ oder der Sammelband „Eure Heimat ist unser Albtraum“, der gleich nach dem Erscheinen vergriffen war, zeugen davon. Was literarisch erwachsen kann, zeigt ausgerechnet eine junge Mexikanerin in ihrem Debütroman, der nun in einer sensationellen deutschsprachigen Übersetzung von Susanne Lange bei Hanser erschienen ist.

… will bloß weiter Richtung New York, weg vom Ufer, woher ich gerade geflohen bin. Erst klaube ich ein bisschen Kohle zusammen und platsche dann wie ein Stein in die nächste Pfütze.

Ein bisschen American Dream ist dann aber doch dabei: In Gringo Champ erzählt Aura Xilonen die Aufstiegsgeschichte des Jungen Liborio, der zwar nicht vom Tellerwäscher zum Millionär, aber vom mittellosen illegalen Flüchtenden zum Star-Boxer wird. Um der omnipräsenten Gewalt auf der Straße zu entfliehen, heuert er als Aushilfe in einer Buchhandlung an, wo er zum Lohn auf dem Dachboden wohnen darf.
Seine Aufmerksamkeit gilt Aireen, der ‚Chica von Gegenüber‘, in die Liborio sich verliebt hat. Sie ist es, die ihn rettet, als er an einer Bushaltestelle übel verprügelt wird – und dabei unwillentlich Berühmtheit erlangt, denn die Prügelei wird gefilmt und auf YouTube gestellt.

Als wärst du aus Stahl oder so, aus Stein.

Als dann auch noch die Buchhandlung überfallen wird und Liborios Chief plötzlich verschwindet, schaltet dessen Frau die Polizei ein – und der Ich-Erzähler muss untertauchen, denn er ist illegal im Land. Liborio verbringt die Tage und Nächte im nahegelegenen Park, wo er Gewalt, Angst und Hunger ausgesetzt ist. Erneut wird er zusammengeschlagen, immer aber geht er vergleichsweise unbeschadet aus der Schlägerei hervor – und startet eine Boxer-Karriere.

Ich steige in einen roten Bus, der gerade vor mir hält, bezahle und schieße wie eine Rakete zur hintersten Reihe, wo Grobklötze wie ich gewöhnlich sitzen, damit wir weder Schwarz noch Weiß erschrecken, denn wir sind grau, und grau ist die Vorhölle, die weder bei Gott noch beim Teufel ist.

Zentral geht es in Gringo Champ auch immer um Liborios gesellschaftlichen Status als Migrant, die Stimmung hinter der Grenze, das Leben im Halbschatten, die permanente Angst vor der Polizei, die herausfinden könnte, dass er illegal im Land ist.

Du bist wie auferstanden. Ein Toter, dazu verdonnert, von neuem zu leben.

Verhandelt wird, vor allem in den kursivierten Rückblicken, Liborios traurige Geschichte, die wohl stellvertretend für viele Schicksale an der mexikanisch-amerikanischen Grenze steht: Nicht zufällig weiß niemand genau, wie alt er ist, und auch sein Name ist ein bloßer Platzhalter: „Seit ich denken kann, hat mich jeder genannt, wie es ihm in den Sinn kam“. Nach dem frühen Tod seiner Mutter wächst er bei seiner Patentante auf, die ihn widerwillig mit durchfüttert, ihm aber keinerlei Zuneigung schenkt. Er entschließt sich zur Flucht, überquert illegal die Grenze und stirbt beinahe in der Wüste, bis er von einer Gemeinschaft illegaler Einwanderer gefunden und aufgenommen wird. Würde man Liborio fragen, was Heimat ist, hätte er keine Antwort.

Nicht aber die Story ist es in erster Linie, die Gringo Champ zu seinem so außergewöhnlichen Debüt macht. Es ist Xilonens einzigartige Sprache, die wie die Schläge, die Liborio einsteckt, in die Magengrube treffen. In ihrem Debütroman verschmelzen die Welten und Kulturen auf sprachlicher Ebene. Das wilde Konglomerat aus Anglizismen, spanischen Wörtern und Neologismen ist auf den ersten Blick ein wenig sperrig, auf den zweiten Blick aber eine authentische Angleichung der Sprache an den Inhalt – jung, wild, rotzig und befreit von Konventionen und Regeln und zeigt dem Konzept der Leitkultur sprachlich den Mittelfinger.
Das vielsprachige Babylon wird bei Xilonen in gewisser Weise als Utopie beschworen – von Sprachverwirrung keine Spur, sondern nicht weniger als ein bereichernder Pluralismus wird hier sprachlich proklamiert.

Den Umgang der Autorin mit Sprache und kanonischer Literatur versinnbildlicht eine Szene des Romans ganz besonders. Um die Hintertür der Buchhandlung nach dem Überfall zu öffnen, schlägt der Ich-Erzähler mit einem Buch auf das Türschloss ein:

Ich greife mir einen Ziegelstein spanische Lyrik und hämmere damit auf das Schloss. Es gibt nach, und ich schiebe es weg, versuche, die Tür aufzudrücken. Die Nähte aus Spinnweben und Staub halten stand, aber es gibt nichts, was ein paar Lanzenattacken nicht erreichen.

Liborio bedient sich dem Althergebrachten, dem „Ziegelstein spanischer Lyrik“, um auszubrechen, Türen zu öffnen, in den freien Raum zu gelangen. Genau das macht auch Xilonen: Sie bedient sich in Gringo Champ einer Erzähltradition, bearbeitet und verwirft sie, bis etwas ganz neues, eigenes daraus wird – Xilonen findet ihren eigenen Sound, und lässt wie ihr Protagonist die Buchhandlung mit den verstaubten Texten zurück, bricht – wie aus der Hintertür des Ladens – aus.

„Aber das mit der Literatur, das merkte ich bald, hatte nichts mit dem täglichen Leben zu tun“, heißt es einmal, und genau gegen dieses Dogma schreibt Gringo Champ an – lebensnah, impulsiv, schmerzhaft schön. Dieser Debütroman ist ein Ereignis, und obwohl er aus der Feder einer jungen Mexikanerin stammt, schreibt er sich wunderbar in die deutschsprachige Gegenwartsliteratur und ihre Diskurse ein.


Wir danken dem Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar.