Heimito von Doderer: Der Autor hat Spaß

Wasserfälle von Slunj

Wer sich in die Prosa Heimito von Doderers begibt, muss viele Treppen steigen. Seiner Obsession hat er 1951 ein Denkmal gesetzt: „Die Strudlhofstiege“ ist sein bekanntestes Werk – ein monumentales Panorama des Zwischenkriegs-Wien, ein manisches Figurengewirr, das ähnlich wie die bekannte Stiege im Wiener Alsergrund aufzeigt, wie Geschichte und Geschichten verzweigt verlaufen. Für seinen letzten, zu Lebzeiten veröffentlichten Roman „Die Wasserfälle von Slunj“ kehrte er noch einmal zu den Treppen zurück, dieses Mal in Form der kroatischen Wasserläufe. Auch in diesem Text geht es um die österreichische Gesellschaft, mit der es, ganz wie bei den Wasserfällen, bergab geht. Doch noch viel mehr ist der Roman ein großer Abenteuerspielplatz für einen Autor, der viel Spaß daran hat, den Leser hinter die Fichte zu führen.

Dass Heimito von Doderer heute auf dem Grinziger Friedhof in einem Ehrengrab die letzte Ruhe gefunden hat, ist keine Selbstverständlichkeit. Der Autor, dessen Großvater 1877 in den Adelsstand erhoben wurde, musste lange auf Anerkennung warten. Das hatte damit zu tun, dass Schriftsteller immer um Anerkennung kämpfen müssen, aber auch weil Doderer sich den größten Stein selbst in den Weg stellte: 1933 trat er in die österreichische NSDAP ein. Obgleich er sich Jahre später innerlich von ihr abwenden sollte, ausgetreten ist er nie. Doch Historie zeigt, dass Unsympathen nicht nur gute Schriftsteller, sondern auch Glückspilze sein können. Ausgerechnet die jüdische Hilde Spiel setzte sich nach dem Krieg unentwegt für den um Rehabilitation ringenden Doderer ein. Mit Erfolg: Nach dem Krieg avancierte er zu einem der bekanntesten österreichischen Autoren. Nur zum Schluss verließ ihn das Glück: Die Veröffentlichung seines Romans „Der Grenzwald“, der als zweiter Teil zu „Die Wasserfälle von Slunj“ geplant war, erlebte er nicht mehr.

Es befanden sich innerhalb jener Route auch Ziele, von denen sogar viele Österreicher nie im Leben was gehört hatten.

Wie gut Doderer aufgelegt war, als er die „Wasserfälle“ niederschrieb, verdeutlicht der Umstand, dass die zentrale Familie seines großen Österreich-Romans gar keine Österreicher sind: Die Claytons, Robert und seine frisch vermählte Frau Harriet, sind aus England nach Wien gezogen, um dort eine Außenstelle des Familienunternehmens zu führen. Ihre Hochzeitsreise führt sie zum ersten Mal zu den titelgebenden Wasserfällen, wodurch der Rahmen des Romans gesetzt ist. Denn dort wo der Text beginnt, dort wird er auch sein Ende finden. Nach der Geburt des Sohnes Donald wird die Firma kurioserweise in Clayton bros. umbenannt, was die Beziehung zwischen Vater und Sohn akkurat beschreibt. Denn spätestens nach dem Tod Harriets offenbart sich ein Missverhältnis zwischen den Claytons. Während Robert einen zweiten Frühling erlebt, vergreist Donald zunehmend. Gesellschaftlich zeigt er sich verstockt, in der Liebe ist er ungeschickt.

Die gesellschaftliche Verwurzelung der Claytons in Wien war freilich nicht nur vom Golfclub her gekommen, sondern in weit ausgedehnterem Maße vom Geschäft.

Die Welt, in der sich beide bewegen, ist die des immer wichtiger werdenden Bürgertums im späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Es ist jener Geldadel, dessen Macht sich in den neuen Stadtpalais der Wiener Ringstraße manifestiert, der im gesellschaftlichen Leben immer stärker die Rolle des Adels einnimmt, ohne im gleichen Maße das subtile Spiel der adeligen Etikette zu beherrschen: „Jedoch wurde der Whisky-Soda nicht mehr verkehrt eingeschenkt. Hier war die Tradition abgerissen.“ Teil dieser Welt ist auch Monica, die genau wie Robert und Donald Ingenieurin ist und über eine faszinierende Ausstrahlung verfügt. An ihr entscheidet sich das Schicksal beider Claytons. Donald versucht lange sich ihr zu nähern, nur um immer wieder an seiner eigenen Unbeholfenheit zu scheitern. Während er sich auf einer Geschäftsreise durch die Außengebiete des k.u.k.-Reiches befindet, schlägt die Stunde des Vaters. Als sich Robert und Monica in einem Gespräch über die technischen Details der Semmering-Bahn verlieren, hat Jung gegen Alt verloren.

Nur auf der allerobersten Stufe des Schweigens sitzt der Tiefsinn; unten aber die Wurstigkeit.

Zwar sind die Clayton-Quasibrüder nur ein Teil des für Doderer typisch zahlreichen Figurenpersonals, doch sicher die interessantesten Protagonisten, denn sie sind Vater und Sohn, Brüder, Spiegelfiguren, Zweiheit und Einheit. Dadurch sind sie das geeignete Symbol für die innere Verfasstheit Österreichs. Sie sind ein wandelnder Doppeladler, sie sind Österreich und Ungarn, k. und k. Selbst ihr Name „Clay-ton“ (engl. clay = Ton) ist eine Doppelung. Dass gerade zwei Engländer als wandelnde Metapher für das Österreich der Jahrhundertwende  herhalten müssen, nennt der Roman „polyglotte Bereitwilligkeit“: Im vielsprachigen Wien bildet sich Welt ab, der sich internationalisierende Kapitalismus tut sein Übriges dazu. In der Weise wie die Elterngeneration über die Söhne triumphiert, beschreibt „Wasserfälle“ die politische Konstellation der letzten österreichischen Jahrzehnte. Kaiser Franz Joseph I. regierte, ebenso wie Robert Clayton, lange noch nach dem Tod seiner Frau und führte den siechenden Vielvölkerstaat in den Ersten Weltkrieg, während die junge Generation, trotz aller Reformideen, ohnmächtig ihre Chancen verstreichen sahen.

In Agram vermeinten sie manchmal, sie seien noch zu Wien; in einem großen Café etwa.

Die Erzählebene ist die eine Sache, die Erzählerebene die andere. Dort bricht sich Heimito von Doderers Humor Bahn. Strukturiert wird der Text von einem lustvoll-ruppigen Erzähler, der alles versucht, um den Leser auf die falsche Bahn zu locken. Das unübersichtliche Figurenarrangement wird wiederholt dadurch aufgebrochen, dass der Erzähler ihm überflüssige Personen vor die narrative Tür setzt:

Goethe schreibt einmal an Schiller: ‚Die Poesie ist doch eigentlich auf die Darstellung des empirisch pathologischen Zustandes des Menschen gegründet.‘ Uns aber, soweit da von Poesie noch die Rede sein kann, geht, angesichts der beiden harmlosen Idiotinnen, die Pathologie und jegliches Pathos überhaupt aus; und worauf sollten wir dann gründen? Solche Figuren kann man nur aus der Komposition hinauswerfen, weil der Grad ihrer Simplizität unerträglich geworden ist und jedweder Kunst Hohn spricht […].

Das düpiert Lesegewohnheiten und verunsichert Relevanzerwartungen, die der Leser an Figuren stellt. So kann es vorkommen, dass man sich fünfzig Seiten mit handelnden Personen bekannt macht, nur um sie unfreundlich aus dem Text bugsiert zu sehen. Konterkariert wird dadurch eine Auffassung, die in der Literatur jedem Detail Relevanz zugesteht, so als ob es in der Welt auch nur Dinge von Relevanz gäbe.

Was wir wissen, wußte Chowstik auch.

Diese metatextuellen Spielerein ziehen sich bis zum Ende des Textes und laufen auf eine Pointe zu: Zum Schluss reist noch mal ein Clayton zu den Wasserfällen von Slunj, Donald, bei einem Ausflug während seiner Geschäftsreisen: „Ihm war plötzlich, als sollte jetzt viel mehr noch sichtbar werden als ein bekannter Wasserfall, als ritte er einer Entschlüsselung oder Aufdeckung entgegen, ja, dem größten und eigentlichen Abenteuer seines Lebens.“ Aus einer Unaufmerksamkeit resultiert dann die Katastrophe: Donald rutscht aus und fällt in die tödliche Tiefe. Obwohl sich der narrative Rahmen schließt, ist am Ende gar nichts aufgeschlüsselt. Vierhundert Seiten erzählerischer Aufwand enden im Missgeschick eines armen Tropfes. Wieder einmal verweigert der Autor dem Leser die Befriedigung der Sinngebung. Vor allem deswegen ist Heimito von Doderers „Die Wasserfälle von Slunj“ immer noch so eine radikale, so eine traurige Freude: Während sich die Alten es noch mal nett machen, geschieht den Jungen ein tödliches Missgeschick. Einen Sinn gibt es da nicht.

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