Heinrich Spoerl: Der Schlüsselloch-Leser

Wenn wir alle Engel wären

Unter den vielen merkwürdigen Ritualen Deutschlands gibt es ein besonders merkwürdiges: Immer dann, wenn die Adventszeit gekommen ist oder ein Schullehrplan gerade Löcher aufweist und Schüler drüber hinweggetäuscht werden sollen, wird ein Film herausgekramt, der mittlerweile rund siebzig Jahre auf den Buckel hat. Mit „Der kleine Lord“ oder „Sissi“ gehört er zu den glücklichen Filmen, bei denen das sonst so unhistorische Publikum drüber hinwegsehen kann, dass in ihm Matthias Schweighöfer keine Frauenkleider trägt und Til Schweiger auch keinen Macho spielt, der dann am Ende voll nett wird. Die Verfilmung der „Feuerzangenbowle“ von Helmut Weiss hat es in den exklusiven Kreis der deutschen Klassiker geschafft, wobei gerne ignoriert wird, dass man den Film damals mit dem kecken Heinz Rühmann ein Jahr vor Ende des Kriegs dazu nutzte, dem Volk im totalen Krieg noch mal richtig was zum Lachen zu geben. Zur Bekanntheit Heinrich Spoerls, dem Autor der Romanvorlage, hat der Erfolg des Films nur bedingt beigetragen, zumal sich um die Autorschaft unschöne Gerüchte ranken. Noch weniger bekannt sind allerdings Spoerls andere Werke, von denen nun der homunculus-Verlag zwei Romane neuaufgelegt hat. Ein echter Gewinn.

Gleich zwei Romane versammelt die Neuauflage unter einem Buchdeckel, „Wenn wir alle Engel wären“ sowie „Die Hochzeitsreise“, der eine vor, der andere nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen. Spoerl stammte aus einer Ingenieursfamilie, wählte aber für sich selbst den Beruf des Rechtsanwalts. Sein späterer literarischer Erfolg sollte ihm nicht für die Juristerei vergönnt sein, so ist folgende Geschichte von ihm überliefert:

Wenig später habe Heinrich Spoerl einen Gaswerks-Angestellten wegen „Heimtücke“ zu verteidigen gehabt: der hatte sich in der Straßenbahn darüber verbreitert, dass ein BDM-Mädchen Zwillinge bekommen habe. Rechtsanwalt Spoerl habe es „auf die lustige Tour versucht“ und ein Sachverständigen-Gutachten beantragt, dem zufolge es die Zugehörigkeit zum BDM biologisch verunmögliche, Zwillinge zu entwickeln. Der Angeklagte wurde freigesprochen, aber sofort wieder verhaftet und ins KZ gebracht. Rechtsanwalt Spoerl habe daraufhin geweint, und sich als Anwalt abgemeldet (erst nach 1945 hat er seine juristische Tätigkeit wieder aufgenommen).

Seine begrenzten Fähigkeiten als Rechtsanwalt haben ihn wohl mit in die Schriftstellerei getrieben und für Spoerl war das kein schlechtes Unternehmen, denn schnell gelang er in seiner Zeit zu einem geschüttelten Maß an Ruhm. Den Nationalsozialismus durchlebte er – bis auf juristische Niederlagen, die allerdings nur seine Klienten betrafen – einigermaßen angenehm, was ihn als Schriftsteller nicht völlig disqualifiziert, aber einzelne Versuche, ihn im Nachhinein zum Widerständler zu stilisieren, schlagen fehl. Zwar hat sich Spoerl in seinen Texten immer wieder an der Verlogenheit des Bürgertums abgearbeitet, seine Kritik ging dann aber doch nicht so weit, als dass man sie als subversiv bezeichnen könnte.

Doktor Delius hingegen dachte: Im Anfang war die Tat. Und begann, seine Krawatte auseinanderzuziehen.

Die zwei nun wieder vorliegenden Romane thematisieren beide ein Ehepaar, dessen Beziehung durch unglückliche oder vorsätzliche Gründe zum öffentlichen Ereignis in Form eines Rechtsstreits wird. „Die Hochzeitsreise“ erzählt vom Ehepaar Delius, das sich in der Hochzeitsnacht über einen renitenten Hund verkracht und kurz darauf die Scheidung anstrebt. Für zwei angesehene Bürgerliche in der post-wilhelminischen Ära noch nicht schlimm genug, entscheiden sich beide dazu, die Hochzeitsreise trotzdem anzutreten, ohne vom jeweils anderen zu wissen. Als sie es entdecken, ist es schon zu spät – schließlich sind sie das bestimmende Gesprächsthema ihrer Reisegruppe.

Die Eisenbahn befördert unorganisierte Massen. Das Privatauto ist unzeitgemäßer Individualismus.

„Wenn wir alle Engel wären“ hingegen kreist um Herrn Kempenich, einem Kanzleivorsteher, und seiner Frau Hedwig. Kempenich reist in aller Heimlichkeit nach Köln, das von seinem Wohnort Weinheim an der Mosel wie die steingewordene Manifestation aller großstädtischen Reize und Versuchungen wirkt: „Aber da waren merkwürdige ungewohnte Geräusche, die in sein Ohr drangen: Das hysterische Bimmeln der Straßenbahn, das arrogante Hupen der Autos, das Ausrufen der Milch- und Gemüsekarren in einer ihm fremden Tonart und der ganze Lärm einer erwachenden Großstadt.“ Im Kölner Sündenpfuhl gelingt es Kempenich nur kurzzeitig den Verlockungen zu widerstehen und so endet die Geschichte mit einer fremden Frau im Hotel, die zu allem Überfluss vom Personal auch noch für Hedwig gehalten wird, so dass ihr eine Anzeige ins Haus flattert, nachdem Kempenichs Affäre das Hotel bestiehlt.Die Hochzeitsreise

Die Kölner sind eigentlich beklagenswerte Leute: Sie können nicht nach Köln fahren.

Beide Romane Heinrich Spoerls sollen amüsieren und das lösen sie ein. Der Autor verwendet dafür grundlegende Handgriffe der Komödie: Während „Wenn wir alle Engel wären“ als klassische Verwechslungsgeschichte daherkommt, inszeniert „Die Hochzeitsreise“ die Zusammenführung zweier eigentlich zusammengehörender Teile: In Fritz Kortners Film „So ein Mädel vergisst man nicht“ von 1932 gibt es die ikonographische Szene, in der die zwei arbeitslosen Schauspieler Paul und Max nebeneinander sitzen, der eine trägt das Oberteil, der andere das Unterteil eines Schlafanzuges. Komödien nutzen diesen Effekt, um Humor zu erzeugen, in dem die aufeinander zustrebenden Teile sich so lange unglücklich verfehlen, bis sie sich am Ende wiedervereinigen. Auch in Spoerls „Hochzeitsreise“ verfehlen sich Herr und Frau Delius immer wieder, im Reisebus, im Hotelzimmer, was das gegenseitige Misstrauen nur noch wachsen lässt.

Die normalisierte Reise ist der Wunschtraum des normalisierten Menschen, der alle Herrlichkeit der Welt genießen möchte, ohne an ihren Schattenseiten teilzunehmen.

Bei allem Vergnügen, das die zwei Texte dem Leser bereiten, berühren sie auf einer anderen Ebene die Literatur in ihren Grundfesten: Die neurotische, regelbesessene Bildungsbürgergesellschaft zeichnet aus, dass sie den Regelbruch auf der einen Seite durch Reputationsverlust sanktioniert, auf der anderen Seite eine voyeuristische Lust am Regelbruch offen demonstriert. Diese offensichtliche Lust an der Indiskretion adressiert Spoerls Zeitgenossen als Gesellschaft, aber auch als Leser. Kern der Literatur war immer auch die Indiskretion, die das gesellschaftliche Bedürfnis am Blick unter die Bettdecke des anderen befriedigt. Wenn sich Herr Delius  in der „Hochzeitsreise“ ziert, vor Hund Pitt seiner frischvermählten Frau näherzukommen, dann ist das Problem der indiskreten Präsenz eigentlich verdreifacht: der Hund, der Leser und die Gesellschaft sind alle am indiskreten Schlafzimmerblick interessiert, was gleichzeitig Auslöser der Handlung wird.

Heinrich Spoerl reiht sich damit in eine lange Reihe von Schriftstellern ein, die über das Verhältnis von Diskretion und Literatur nachgedacht haben und dessen Verhältnis bis in die Gegenwart in Romanen wie Clemens Setz‘ „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ oder Glavinics „Der Jonas-Komplex“ präsent ist. Spoerl nimmt sich dabei freilich so wenig ernst wie er seine Zeitgenossen ernstgenommen hat, was seine Texte so angenehm macht. Er schafft in diesen zwei Texten etwas, was nicht vielen Schriftstellern in Deutschland gelingt: Witzig, aber nicht trivial zu sein. Dass wir für gute Literatur die Untugend brauchen, nahm er daher auch mit rheinischer Gelassenheit hin: „Es ist auch ganz gleich. Wenn die Welt nur aus Tugend bestünde, dann hätten die Zeitungen nichts zu schreiben, die Zungen nichts zu reden, die Obrigkeiten nichts zu ordnen, die Krieger nichts zu kriegen, Staatsanwälte und Dichter gingen stempeln und man stürbe vor Langeweile. Es ist erwünscht, dass jeder einmal über die Stränge schlägt – natürlich in allen Ehren und soweit Platz vorhanden. So ist die Welt lustig und es lässt sich darin leben.“


Wir danken dem Homunculus-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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