Heinz Strunk: Die Nacht der lebenden-toten Scheißhausexistenzen

Der goldene Handschuh

Karl Marx schrieb im „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“: „Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ Man kann über die Richtigkeit dieses Schemas streiten, aber im Fall Franz Honka trifft es einen wunden Punkt. Bei dem Serienmörder, der im Hamburg der Siebziger sein Unwesen trieb, wiederholte sich Geschichte als grausame Farce. Im Lebensweg dieser gequält-quälenden Gestalt bildete sich der ganze Horror des 20. Jahrhunderts ab und schließlich verbreitete er selbst Angst und Schrecken: er ging in die Geschichte als Mörder vierer Frauen ein. Dieser Geschichte widmet sich nun Heinz Strunk in seinem neuen Roman „Der goldene Handschuh“ – ein kluger Text, der nie Verständnis anbieten möchte, aber um Erkenntnis ringt.

Dem Autor ist dieser Tage Genugtuung anzumerken. Nachdem sich der norddeutsche Musiker lange Zeit in verschiedenen Bandformaten durchs Leben schlug, scheint er nun endlich die Anerkennung zu bekommen, die er sich ersehnt. Erste Aufmerksamkeit brachte das mit Rocko Schamoni gegründete „Studio Braun“, ins literarische Leben trat er mit seinem autobiographischen Roman „Fleisch ist mein Gemüse“, das zum Kassenschlager wurde und erste Achtungserfolge im Feuilleton einbrachte. Doch liest und hört man sich heuer durch Interviews mit Heinz Strunk, bekommt man das Gefühl für einen Phantomschmerz, der mit „Der goldene Handschuh“ schließlich gelindert wurde. Nicht nur dass es für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, auch ist FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube höchstpersönlich vom Feuilletonolymp gestiegen und hat sich Strunks Roman gewidmet. In seiner Besprechung heißt es über den Roman, er sei eine „große und zugleich humane Zumutung“. Recht hat er.

Seit 1962 hat der Handschuh rund um die Uhr geöffnet, 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag.

Fritz Honka kommt 1935 in Leipzig zur Welt. Sein gleichnamiger Vater war Arbeiter und Kommunist, was für ihn unter den Nationalsozialisten das Konzentrationslager bedeutete. Honka Jr. Verbrachte seine Kindheit größtenteils in Kinderheimen, die – wenn man seinen Aussagen Glauben schenkt – gewalttätige Orte waren. Nach dem Krieg flüchtet er nach Westdeutschland und gerät in die Fänge eines Bauern, der ihn mehr als Sklave denn als Angestellter betrachtet. Schon in jungen Jahren gehörte Gewalt zum Alltag Honkas und so strandet er schließlich im Hafenmilieu in Hamburg, wo Gewalt zum probaten Kommunikationsmittel für so ziemlich jede Lebenslage gehört.

Die titelgebende Kneipe „Der goldene Handschuh“ ist für Heinz Strunks Roman zentrales Motiv, Textbeginn und der Ort, wo die verschiedenen Erzählstränge zusammenlaufen. Die 24 Stunden-Kaschemme ist die Brutstätte für Charaktere wie Honka: Erloschene, die das Leben in billigem Fusel ertränken, um vor dem Schrecken ihres eigenen Lebens zu flüchten: „Ein abgeschlagenes Gespenst, das sich nur noch in der eigenen Verrücktheit auskennt, in den Adern das zähe, alte, schmutzige Naziblut.“ Für Honka ist der Ort prädestiniert für das Aufgreifen seiner Opfer: Die Leute haben schon lange aufgehört, Notiz voneinander zu nehmen, wer hier verschwindet, wird von niemanden vermisst.

Verblüffend einfach, aber die meisten Dinge sind in Wahrheit verblüffend einfach.

Fritz Honkas Unglück, so stellt es der Roman dar, hat sich tief in seinen Körper eingezeichnet. Sein Antlitz ist von Aknenarben geprägt, sein Gesicht deformiert und an seinem schmalen Körper hängen übergroße Gorillapranken. Bei Strunk wendet sich der innere Horror nach außen, sein Personal stammt aus einer Freakshow, das durch Gewalteinwendung und Alkohol mit ihrer Erscheinung ausstellt, welche Verheerungen sich in ihrem Leben abgespielt haben. Damit wird Honka auch zu der verzehrten Fratze eines Jahrhunderts, das für viele Menschen nur Schmerz übrig hatte.

Kontrastiert wird der Serienmörder Wilhelm Heinrich (einer von drei Wilhelm Heinrichs), jüngster Spross einer Hamburger Reedereifamilie und aus Praktikabilität nur WH3 genannt, sowie Karl, einem sadistisch veranlagten Jurist. An WH3 wird ein wirtschaftlicher Abstieg erzählt, der ein Grund für die Gewaltstruktur des Hamburger Hafenviertels ist. Nach dem Krieg wurde die Flotte der Familienreederei kurzzeitig von den Alliierten  beschlagnahmt, in der Gegenwart der erzählten Zeit steckt sie gerade im Suezkanal fest, der von den Ägyptern besetzt wurde. Während das Kapital in der Ferne stillgelegt ist, zerfällt zuhause die Familie. Es sind Krisenzeiten, in denen sich Honka bewegt, menschliche und wirtschaftliche. Als WH3 durch Zufall in den „goldenen Handschuh“ gerät, stellt er schockiert fest, wie wenig ihn von den Kneipenzombies unterscheidet: „Eigentlich müsste man ihm seinen Namen aberkennen. Rückwirkend. Statt Wilhelm Heinrich: Frank. Uwe. Maik. Klaus. Einsilbig und klanglos.“

Was ist das nur für ein kaputtes, krankes, verwüstetes Leben, denkt er. Ihn packt das blanke Entsetzen, und das will schon was heißen.

Wie stark Honka das eigene Schicksal in sich aufgenommen hat, zeigt sich in seinen Umgang mit dem Nachtwächter-Job, der eigentlich seine Rettung bedeuten sollte. Nach langer Zeit der Arbeitslosigkeit schien sich mit der Anstellung bei „Shell“ eigentlich alles zum Besseren zu wenden, Honka hört sogar für kurze Zeit auf zu trinken. Doch die meiste Freude hat er eigentlich an seiner Arbeitskleidung: Der Gequälte, der sein Leben lang unter autoritären Strukturen zu leiden hatte, fühlt sich durch die Uniform nun selbst erhoben. Dieser Hang zum Autoritären findet im Umgang mit seinen Opfern einen Höhepunkt: So sehr wie es sich um Lustbefriedigung handelt, so sehr geht es auch darum, Machtverhältnisse zu schaffen, in denen Honka die völlige Verfügungsgewalt über die Frauen hat, die ihn im die Fänge gehen: Nur einmal möchte er an den entscheidenden Hebeln sitzen.

Er muss sich nur ein wenig durchlässig machen, der Rest ergibt sich dann von allein.

Der große Trumpf von Strunks Roman ist jedoch seine Erzählerstimme. Der Autor hat es geschafft, eine Erzählinstanz zu schaffen, die sich dem Thema weder in einer analytischen Distanz, noch mit einer mitleidigen Nähe widmet. Vielmehr könnte der auktoriale Erzähler selbst in St. Pauli aufgewachsen sein: „Plötzlich kommt Bewegung in die Sache. Von hinten schiebt sich die Geisterarmee der Verschimmelten nach vorn, alle auf einmal, fünf oder sechs Stück sind das. Sagenhaft, wie die aussehen, eine Mischung aus Zombies und veridioteten Witzwesen, mit Gesichtern aus zerschmolzenen Horrormasken.“ Durch diese geistige Verwandtschaft, die sich in der Frivolität und Vulgarität zeigt und mit dem der Erzähler das Geschehen kommentiert, schafft es der Text, sich der Gestalt Honka anzunehmen, ohne sich über ihn zu erheben oder ihn zu entschuldigen. Erzähler und Honka sind Entsprechungen in einer Welt, die genauso grausam ist wie die Geschichte, die sie hervorgebracht hat. So arbeitet der Roman am Ende heraus, dass die Gequälten des „Goldenen Handschuh“ nicht nur ihre Qualen im Gesicht tragen, sondern auch auf der Zunge. Die Sprache der verlorenen Seelen entwickelt in ihrer Verelendung eine sonderbare Poesie: „Ihm gefallen auch „Tittenfreier“, „Bombenalarm“ und „Pupenjunge“. Magische Worte.“

„Es gibt genau drei Gründe, warum man trinkt“, fängt Siggi wieder an. „Erstens, um was Schlimmes zu vergessen, zweitens, um was Schönes zu feiern, und drittens, wenn mal nichts los ist, damit was passiert.“

Heinz Strunk hat mal in einer anderen Rolle in der Fernsehsehsendung „extra3“ gesagt: „Sie haben ein Leben lang gefüttert? Jetzt heißt es auch mal melken.“ Er hat mit „Der goldene Handschuh“ seinen eigenen Rat beherzigt und ordentlich gemolken. Entstanden ist ein witziger, ein erschütternder und sehr kluger Roman, der es schafft, das Leben Fritz Honkas als eine Kette der unglücklichen Gegebenheiten zu erzählen, ohne sich mit dem Serienmörder gemein zu machen. Und so verdeutlicht Strunks Text auch, wozu gute Literatur in der Stande ist: Sich der kümmerlichsten Figur anzunehmen, den Stoff poetisch zu verdichten und so eine Parabel auf ein ganzes Jahrhundert zu schaffen.


Wir danken dem rowohlt-Verlag für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare

  1. Hallo Gerrit,

    wie du im deiner Rezension den Bogen vom Geschichtlichen hin zu dem Roman schlägst, gefällt mir gut. Als ich „Der goldene Handschuh“ gelesen habe, war ich zu sehr von der Sprache und am Ende von der geschilderten Gewalt eingenommen, als mir um den gesellschaftlichen Gehalt Gedanken zu machen.

    Ich habe den Roman auch auf meinem Blog rezensiert. Schau mal vorbei 😉

    Auf alle Fälle ein gutes Buch, das man nur empfehlen kann.

    Grüße,
    Leonhard

  2. Pingback: Heinz Strunks „Jürgen“: Back to earth – Zeilensprünge.

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